Als der Schiedsrichter den 1:0-Sieg von São Paulo gegen Goiás abpfiff, endete mehr als nur eine der umkämpftesten Spielzeiten, die die Brasileiro-Meisterschaft jemals erlebt hatte. Mit dem am vergangenen Sonntag eroberten Titel schrieb O Tricolor Paulista ein weiteres Kapitel in der Geschichte des brasilianischen Fussballs: São Paulo schaffte die sechste Meisterschaft - eine Bestmarke - und als erstes Team den dritten Titel in Folge. Doch im Gegensatz zu anderen Triumphen steht dieses Mal nicht der Torjäger oder der Spielführer der Mannschaft im Mittelpunkt, sondern der Trainer. Mehr noch als Rogério Ceni ist der Mann, der von der Bank aus seine Anweisungen gibt, das große Idol der Fans: Muricy Ramalho.

Seit der ersten Ausgabe der Brasileiro-Meisterschaft im Jahr 1971 hat es nur ein Trainer geschafft, drei Mal in Folge die Meisterschaft zu holen. Es war Rubens Minelli, der zunächst als Trainer von Grêmio Porto Alegre 1975 und 1976 den Titel holte, bevor er ein Jahr später mit São Paulo triumphierte. Dort fehlte damals verletzungsbedingt ein gewisser Muricy Ramalho. Mit dem Triple, das Muricy jetzt mit São Paulo von 2006 bis 2008 gelang, hat er seinen Namen endgültig in die Annalen des Fussballs seines Landes eingetragen. "Ich muss es zugeben: es dürfte für einen anderen Trainer äußerst schwer werden, drei Titel in Folge mit demselben Verein zu holen. Nicht, weil es hier keine fähigen Trainer gibt, sondern weil die Fussballkultur Brasiliens so etwas kaum zulässt. Die Leute machen sich doch keine Vorstellung davon, was alles in dieser Saison geschehen ist. Es gibt so viel Druck", erklärte ein erleichterter Muricy nach dem Triumph.

Auf den Spuren von Telê Santana
Mit seiner nicht immer herzlichen, jedoch stets offenen Art, hat Muricy mittlerweile die Herzen der anspruchsvollen Fans von São Paulo erobert. "Als wir im Viertelfinale der Copa Libertadores im Mai gegen Fluminense ausgeschieden sind, stand ich kurz davor, die Brocken hinzuschmeißen. Es gab sehr viel Druck, aber mehr noch als der Vorsitzende (Juvenal Juvêncio) haben die Fans dazu beigetragen, dass ich geblieben bin. Sie haben nie aufgehört, meinen Namen zu rufen, und das ist etwas, das ich gar nicht hoch genug einschätzen kann", erklärte er.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Trainer von den Fans so sehr ins Herz geschlossen wird, aber beim FC São Paulo hat das schon eine gewisse Tradition. Diese Zuneigung von den Tribünen her wurde auch Telê Santana zuteil, dem Trainer des Vereins in dessen goldener Epoche, in der man die ersten beiden Siege in der Copa Libertadores und zwei Mal den Welt-Pokal (1992/93) holte. Zufall oder nicht, Muricy Ramalho sammelte seine erste Erfahrung auf brasilianischen Trainerbänken (nach einer Saison 1993 als Coach von Puebla in Mexiko) als Assistenztrainer von Santana, dessen Nachfolge er antrat, als sein Mentor aus Gesundheitsgründen sein Amt aufgeben musste.

Heute zeigt Muricy Tag für Tag was er alles unter Santana gelernt hat. Sein Hang zur Perfektion, die Unbeugsamkeit und sein bärbeißiger Charakter waren schließlich allesamt Gründe für die Fans, ihn ins Herz zu schließen. Unmittelbar nach dem Sieg gegen Goiás, hat er dann auch sehr bezeichnend erklärt: "Mein Idol ist Telê Santana. Er war ein ganz Großer. Ich habe jetzt auch Erfolg, aber ich bin noch weit unter ihm." Es waren seine ersten Worte als dreifacher brasilianischer Meister...

Kurze Zeit nachdem er zum vierten Mal in Folge von der CBF als bester Trainer der Brasileiro-Meisterschaft geehrt wurde, schlug Muricy schon einen anderen Ton an. Es ging bereits um die Saison 2009, genauer um die Copa Libertadores, eine wahre Obsession für São Paulo. "Alle wissen, dass dieser Titel das wichtigste Ziel des Vereins ist, und das gilt auch ganz besonders für mich. Zwei Mal sind wird dem Triumph schon ganz nahe gekommen [São Paulo unterlag 2006 erst im Finale], wir dürfen uns nicht noch eine Chance entgehen lassen. Wir werden sehr hart arbeiten, um die Copa zu holen", sagte der Trainer. "Dafür müssen wir uns aber in allen Bereichen steigern. Wir dürfen uns jetzt nach dem Titelgewinn nicht einfach zurücklehnen."

Typisch Muricy: Kaum einen Tag nach dem historischen Triumph und einen vor dem verdienten Urlaub, war er wieder ganz der alte starrköpfige Perfektionist. Er kann es nicht abstellen, es ist einfach stärker als er. So wie er es seinerzeit von Telê Santana gelernt hat.