Insgesamt rund zehn Neuzugänge kann der deutsche Rekordmeister Bayern München zur neuen Saison 2008/2009 vermelden. Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Klub von der Isar nach Franck Ribéry, Luca Toni und Miroslav Klose für über 70 Millionen Euro im vergangenen Jahr nun erneut auf dem Spielermarkt zugeschlagen hat - mitnichten. Denn lediglich zwei neue Spieler verstärken den Kader des amtierenden Titelträgers. Tim Borowski (Mittelfeld) und Hans-Jörg Butt (Tor) kamen ablösefrei an die Isar. Die anderen Neuen gehören alle zum Trainerteam um Jürgen Klinsmann.
Am 11. Januar 2008 wurde Klinsi in München als neuer Übungsleiter vorgestellt. Eine Überraschung, schließlich ist der FC Bayern sein erster Klub auf Vereinsebene. Trotz alledem sind die Macher aus München von ihrem neuen Trainer überzeugt, so leistete der Wahl-Kalifornier von 2004 bis 2006 bei der deutschen Nationalmannschaft ganze Arbeit und führte das Team bei der FIFA-Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ im eigenen Land zum dritten Platz.
"Jeden Spieler jeden Tag besser machen"
Inzwischen hat dort sein damaliger Co-Trainer, Joachim Löw, das Zepter übernommen. "Insgesamt ist es ein spannendes Projekt, dass ein ehemaliger Bundestrainer, der viel bewegt hat, einen deutschen Spitzenklub trainiert", erklärte Jogi, als er vom Engagement Klinsmanns in München hörte.
Gemeinsam schlugen sie bereits bei der deutschen Nationalmannschaft einen neuen Weg ein. Experten in Sachen Fitness, Psyche oder Trainingsmethoden aus aller Welt wurden verpflichtet, um seine Grundphilosophie anzuwenden: "Wir wollen jeden Spieler jeden Tag besser machen."
Achtköpfiges Trainerteam im Einsatz
Genau dies will Klinsmann nun auch beim FC Bayern umsetzen und hat seinen Trainerstab auf insgesamt acht Personen aufgestockt. Neben Co-Trainer Martin Vasquez fanden auch Nick Theslof, Walter Junghans, Darcy Norman, Thomas Wilhelmi, Marcelo Martins und Oliver Schmidtlein den Weg nach München, wobei Letzterer bereits vergangene Saison teilweise für die Münchener im Einsatz war.
Das weltweite "Ensemble" hat nur ein Ziel: Die Spieler nach vorne zu bringen. Auch einen Weltstar wie Franck Ribéry könne und wolle er noch verbessern, meint Klinsmann. "In allen Bereichen. Kommunikativ, spielerisch, taktisch." Wenn sich jeder Spieler individuell verbessere, dann würde automatisch auch die Mannschaft besser. So bemüht sich Klinsmann in Interviews gebetsmühlenartig, seine Ideen zu erklären.
"Spiele werde im Kopf entschieden"
In München bekommt er für sein "Projekt Bayern München" alle erdenkliche Hilfe. Für vier Millionen Euro wurde das Trainingsgelände des Rekordmeisters saniert. Inzwischen können Spieler in Ruhezonen relaxen, Yogakurse belegen oder in sogenannten Studierzimmern Lesen oder ihre Sprachkenntnisse verbessern. "Viele warten darauf, dass sie stimuliert und motiviert werden", so Klinsmann und ergänzt: "Spiele werden im Kopf entschieden. Wenn ich den Kopf nicht trainiere, wie habe ich dem Spieler dann geholfen." Alles in allem soll es den Spielern in der "Wohlfühl-Oase" an nichts fehlen.
Darüber hinaus wurde der Acht-Stunden-Tag eingeführt, was bedeutet, dass die Profis ein Drittel des Tages auf dem Gelände an der Säbener Straße verbringen müssen. Lästige Trainingslager fallen in dieser Saison vor Spielen ebenfalls weg. Man habe hier ideale Vorraussetzungen geschaffen, die eine solche "Einkasernisierung" unnötig machen.
Klinsis Arbeit wird an Titeln gemessen
Die "Ehe" Jürgen Klinsmann und Bayern München soll seiner Meinung nach möglichst lagen halten. Er habe hier "die große Chance, mich in einen Klub einzubringen, der schon eine wundervolle Geschichte hat."
Innovative Ideen, ein frischer Wind oder eine neue Philosophie - eines ist bereits vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison sicher. Die Qualität der Arbeit von Jürgen Klinsmann wird, vor allem beim erfolgsverwöhnten Klub aus München, an Titeln und Siegen gemessen. Zwar betonte Klinsmann in einem "kicker"-Interview: "Wenn der Klub unsere Arbeit toll findet, sich mit der gemeinsam definierten Philosophie identifiziert, dann ist es eine erfolgreiche Saison". Doch es ist fraglich, ob Manager Uli Hoeneß und Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge eine titellose Saison ohne Konsequenzen mitmachen. Neue Philosophie hin oder her...
