Der Countdown zur 45. Saison der Fussball-Bundesliga läuft. Am 15. August startet die Spielzeit mit dem Klassiker Bayern München gegen den Hamburger SV. Für den neuen Trainer des HSV durchaus etwas Besonderes, schließlich spielte Martin Jol Ende der 70er Jahre für die Münchener Bayern. Der 52-Jährige soll den "Bundesliga-Dino" aus der Hansestadt endlich wieder zu einem Titel führen.
FIFA.com sprach mit dem Niederländer, der in der vergangenen Saison beim englischen Premier League-Klub Tottenham Hotspur unter Vertrag stand, unter anderem über die bevorstehende Saison und die Arbeitsbedingungen in der Bundesliga.
Die ersten Wochen beim Hamburger SV sind vorbei. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?
Die ersten Eindrücke sind ausgezeichnet. Vom ersten Tag an habe ich die Begeisterung der Hamburger für den HSV gespürt. Auch die Arbeit mit der Mannschaft macht unglaublich viel Spaß, die Bedingungen sind sensationell. Während der Sommerpause wurde der Trainingstrakt weiter ausgebaut, so etwas habe ich bei noch keinem Verein gesehen. Wir waren im Trainingslager in Österreich, konnten auch da gezielt arbeiten und uns besser kennenlernen.
In der vergangenen Saison schaffte der Hamburger SV Platz vier. Was ist in diesem Jahr drin? Was sind Ihre Ziele mit dem HSV?
Wir wollen uns natürlich wieder für den internationalen Wettbewerb qualifizieren. Der HSV hat in den letzten fünf Jahren immer international gespielt, und unsere Fans wollen auch in Zukunft nicht darauf verzichten. Also sollten wir ihrem Wunsch Folge leisten
Reichen die Neuzugänge, um in der Bundesliga bzw. im UEFA-Pokal vorne mitzumischen, oder können wir noch einen Kracher erwarten?
Ich habe von Beginn an gesagt, dass wir nur dann noch einen Spieler dazu holen, wenn er wirklich eine Verstärkung für uns ist. Der Kader, der in der vergangenen Saison den vierten Platz erreicht hat, ist weitestgehend zusammengeblieben. Und wer in der Bundesliga den vierten Platz belegt, der ist gut. Mit Pitroipa und Aogo haben wir zwei der besten Zweitligaspieler der abgelaufenen Saison dazu bekommen, die ihr Können auch bei uns schon angedeutet haben. Beide werden sich noch entwickeln und hoffentlich auch in der Bundesliga schnell den Durchbruch schaffen.
Wie wichtig ist Rafael van der Vaart für den Hamburger SV?
Rafael van der Vaart hat das Spiel des HSV in den letzten Jahren stark geprägt. Das ist mir auch in England nicht verborgen geblieben. Die Fans in Hamburg lieben ihn. Und seine Frau lieben sie vielleicht noch ein bisschen mehr.
Können Sie nachvollziehen, dass ein Mann seiner Klasse immer wieder mit einem Wechsel zu anderen Top-Klubs kokettiert?
Eigentlich hat er nie etwas anderes gesagt, als dass er irgendwann mal bei einem absoluten europäischen Top-Klub wie Barcelona, Madrid, AC Mailand oder Chelsea spielen will. Das ist doch legitim. Seine Leistung beim HSV hat darunter ja nicht gelitten. Und dass ein Spieler wie van der Vaart im Notizbuch solcher Vereine steht, ist doch auch völlig normal.
Wie stark schätzen sie die Bundesliga im Vergleich zur Premier League ein?
Die Bundesliga wurde von Experten gerade gemeinsam mit der Premier League und der Primera División zur stärksten europäischen Liga gewählt. Und warum sollte ich den Experten widersprechen?
Die europäischen Top-Teams rüsten auf: Barcelona, Chelsea oder auch der AC Mailand wollen wieder angreifen. Wer wird im Europapokal die Nase vorn haben?
In den vergangenen Jahren war die UEFA Champions League ab dem Viertelfinale ja eine Art geschlossene Gesellschaft. Es ist unheimlich schwer, da reinzukommen. Ich bin gespannt, ob die Bayern jetzt auch wieder bei der Vergabe des internationalen Titels ein Wörtchen mitreden können. Wer am Ende die Nase vorn haben wird, kann ich aber nicht einschätzen. Da entscheidet die Tagesform, die besseren Nerven oder das Glück.
Bayern Münchens neuer Trainer Klinsmann wird für seine neuen Trainings-Methoden gelobt. Ist der Hype um Klinsi berechtigt?
Die Frage kann ich Ihnen wirklich nicht beantworten. Ich kenne Jürgen Klismann bislang nur aus dem Fernsehen. Aber das ändert sich ja am 15. August.
Ob Stevens, Rutten, Hiddink - niederländische Trainer stehen derzeit hoch im Kurs. Woran liegt das?
Wieso derzeit? Unser Land hat schon immer gute Trainer hervor gebracht. Jetzt gerade sind mit Fred Rutten und mir wieder zwei Niederländer in die Bundesliga gekommen, mit Gladbachs Jos Luhukay sind wir schon zu dritt. Da gibt es natürlich schnell ein Thema.
Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ in Deutschland kamen alle vier Halbfinalisten aus Europa. Nur eine Momentaufnahme oder ist der europäische Fussball stärker als beispielsweise der südamerikanische?
Mannschaften wie Brasilien oder Argentinien müssen sich nach wie vor nicht verstecken und können an einem guten Tag gegen jede europäische Mannschaft gewinnen. Aber der europäische Fussball ist sehr ausgeglichen. Vor der UEFA EURO 2008 war ja kaum ein Favorit auszumachen. Da wurden Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien, Kroatien und Holland gehandelt. Mannschaften, die auch alle bei einer WM mindestens das Halbfinale erreichen könnten.
Könnten Sie sich vorstellen auch eine Nationalmannschaft zu trainieren?
Ich trainiere jetzt seit ein paar Wochen den HSV. Da ist kein Platz für andere Vorstellungen.
Trotz begeisterndem Offensiv-Fussball schied die Elftal bereits im Viertelfinale der UEFA EURO 2008 aus. Ein Erfolg bei einer EM oder WM liegt 20 Jahre zurück und das trotz Stars wie van Nistelrooy, Robben oder eben van der Vaart. Was muss sich ändern, um auch mal wieder einen internationalen Titel zu holen?
Jetzt soll also der Jol kommen und seinen Landsleuten erzählen, wie es funktionieren könnte? Ich mach mir erst nochmal ein paar Gedanken.
