Arsenal London steht zwar sportlich sehr gut da, doch Torhüter Jens Lehmann hatte in dieser Saison wenig Grund zum Jubeln.
Nachdem er den Platz zwischen den Pfosten an den Spanier Manuel Almunia verloren hatte, trug sich Deutschlands Nationaltorhüter während der Transferphase im Januar mit Wechselgedanken. Doch letztlich blieb er, in der Hoffnung, doch noch etwas mit Arsenal zu gewinnen - schließlich gehört die Mannschaft in der Premier League zur Spitzengruppe und steht in der UEFA Champions League im Viertelfinale.
Auch mit der deutschen Nationalmannschaft will der 38-Jährige noch etwas erreichen. Für ihn zählt Deutschland bei der UEFA EURO 2008 im Sommer zu den Favoriten. In unserem ausführlichen Interview sprach Lehmann über gute und schlechte Zeiten - von der "fantastischen Atmosphäre" bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ bis zu seinem Platzverweis im Finale der UEFA Champions League. Er verriet uns auch, warum es so schwer ist, im Fussball wahre Freunde zu finden.
Wie schneidet die jetzige Mannschaft von Arsenal im
Vergleich zu den "Unbesiegbaren" ab, mit denen Sie in
Ihrer ersten Saison (2004) hier Meister geworden sind?
Die beiden Mannschaften kann man nicht vergleichen.
Es ist jetzt eine andere Mannschaft, mit anderen Stärken. Die
jetzige Mannschaft hat nicht so viel Erfahrung und noch keinen
Meistertitel gewonnen, aber die Qualität ist vorhanden. Es sind
einige wirklich starke Spieler dabei, aber zum Ende der Saison
kommt es nicht nur auf die Stärke der Spieler, sondern auch auf
Stehvermögen und Erfahrung an.
Arsenal hat im vergangenen Monat Stürmer Eduardo wegen
einer schweren Verletzung verloren. Wie sehr wird sein Fehlen die
Mannschaft in der Endphase der Saison schwächen?
Das ist auf jeden Fall ein schwerer Verlust. Er war
in den letzten Spielen sehr stark, er hat Tore geschossen, ist viel
gelaufen und hat sich sehr eingesetzt. Man kann nur hoffen, dass
jetzt alle anderen Spieler fit bleiben. Der Kader ist definitiv
nicht besonders groß. Ob groß genug, oder zu klein, werden wir dann
sehen.
Wie sehr enttäuscht es Sie, dass Sie über weite Strecken
der Saison auf der Bank sitzen mussten?
Das ist schon sehr schwierig und sehr hart für
mich, insbesondere wenn ich mir die Leistungen auf dem Platz
betrachte. Irgendwann muss man es einfach akzeptieren - auch wenn
ich dann wieder ein paar Spiele gemacht habe und dann wieder auf
die Bank gesetzt wurde.
Wie nah waren Sie im Januar an einem Wechsel zurück zu
Borussia Dortmund?
Sehr nah. Aber ich bin aus mehreren Gründen
geblieben. Ich dachte an meine Erfahrung vom AC Mailand, wo ich zu
früh wieder weggegangen bin. Das war ein Grund. Ein weiterer war
unsere familiäre Situation: Ich wollte meine Kinder hier nicht aus
der Schule nehmen. Außerdem glaube ich noch immer, dass ich hier
etwas gewinnen und meinen Beitrag leisten kann.
Erzählen Sie uns von Ihrer Erfahrung beim AC Mailand. Sie
waren dort in der Saison 1998/99...
Damals zog ich mir eine Verletzung zu und konnte
nicht spielen. Dann habe ich den Fehler gemacht, den Klub zu
schnell zu wechseln, weil mich der damalige Nationaltrainer Erich
Ribbeck etwas unter Druck setzte. Er sagte mir damals: 'Wenn Du
nicht spielst, dann kann ich Dich nicht mehr nominieren.'
Machen Sie sich auch jetzt Sorgen um Ihren Platz in der
deutschen Nationalmannschaft?
Nein. Eigentlich würde ich mir auch über meinen
Platz hier keine Sorgen machen.
Denken Sie, dass Deutschland bei der EURO 2008 eine bessere
Mannschaft hat, als bei der WM 2006?
Ich hoffe, dass wir noch stärker sind, aber man
muss erst einmal abwarten, was das Turnier bringt. Das Niveau bei
der EM wird höher sein, als bei der WM. Man hat ja gesehen, dass
bei der WM 2006 die letzten vier Mannschaften alle aus Europa
kamen. Wir waren die erste Mannschaft, die sich qualifiziert hat.
Wir haben eine ganz klare taktische Ordnung und hoffen
dementsprechend, dass wir zu den Favoriten auf den
Europameistertitel gehören.
Wie schätzen Sie die Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw
ein, seitdem er Jürgen Klinsmann abgelöst hat?
Er baut darauf auf, was Klinsmann geschafft hat.
Jürgen Klinsmann hat bei dem ganzen Projekt fantastische Qualitäten
bewiesen und Jogi Löw war als sein Assistenztrainer natürlich ein
ganz wesentlicher Bestandteil davon. Vor der WM hatte die deutsche
Nationalmannschaft ein paar Probleme mit der taktischen
Einstellung. Aber Jogi Löw und Jürgen Klinsmann haben den Spielern
klargemacht, wie sie spielen sollten. Früher hatten wir so viele
herausragende Spieler, dass wir uns über die Taktik kaum Gedanken
machen mussten. Aber der Fussball hat sich verändert, und Jürgen
Klinsmann war sich dessen bewusst und hat uns ein taktisches Gerüst
verpasst. Und mit guter Organisation kann man auch an einem
schlechten Tag trotzdem ein gutes Ergebnis erzielen.
Ist es zutreffend, wenn man die WM 2006 als den Höhepunkt
Ihrer Karriere bezeichnet?
Die WM war für uns alle ein Höhepunkt. Sie war
vielleicht die bisher beste Zeit unseres Lebens. Wir haben einen
fantastischen Sommer in Berlin erlebt. Das ganze Land stand hinter
uns, und es gab eine fantastische Atmosphäre zwischen den Leuten
und den Spielern. Leider haben wir den Titel nicht gewonnen, aber
es gibt viele, die sagen, dass es für das Image des Landes sogar
besser war, Dritter zu werden. Als Sportler wäre ich natürlich
lieber Weltmeister geworden, aber insgesamt waren es vier oder fünf
Wochen, die wirklich aus unserer Fussballerkarriere
herausragen.
Haben Sie eine ganz besondere Erinnerung an diesen Sommer?
Nachdem wir in Dortmund gegen Polen gewonnen
hatten, waren plötzlich überall Deutschland-Fahnen zu sehen. In
Deutschland konnte man es sich lange Zeit nicht erlauben, seinen
Patriotismus durch das Schwenken von Fahnen zu zeigen. Ganz
plötzlich brach das dann hervor. Eine neue Generation, die nichts
mit dem Krieg oder den Nazis zu tun hatte, zeigte plötzlich ihren
Patriotismus. Diese Erfahrung war emotional einer der großartigsten
Momente.
Die Saison vor der WM lief für Sie bei Arsenal ganz
hervorragend.
Ja, das stimmt. Insbesondere in der Champions
League lief es fantastisch. Leider haben wir am Ende auch da nicht
gewonnen. Ich bin darüber immer noch verärgert. Auch heute noch
muss ich manchmal daran denken, wie ich damals auf der Bank saß.
Ich kann das einfach nicht verdrängen. Ich denke, der
Schiedsrichter im Finale stand sehr unter Druck. Die Spieler von
Barcelona rannten alle auf ihn zu und forderten mit erhobenen
Händen die Rote Karte. Ich habe den gegnerischen Spieler
[Anm.d.Red.: Samuel Eto'o] tatsächlich berührt, es lag also im
Ermessensbereich des Schiedsrichters und er hat im Eifer des
Gefechts die Entscheidung getroffen, die er für richtig hielt. Ich
denke nicht, dass er mich persönlich bestrafen wollte. Er hat seine
Entscheidung gefällt, aber ich habe gehört, dass er sie kurz danach
bedauert hat, deshalb bin ich über ihn nicht mehr verärgert.
Hat die Rivalität mit Oliver Kahn Sie zu einem besseren
Spieler gemacht?
Ja, definitiv, insbesondere in den zwei Jahren vor
der WM. Bevor man mich zur Nummer eins gemacht hat, bekam ich die
Chance, um diesen Platz zu kämpfen. Ich habe die Herausforderung
angenommen und fast zweieinhalb Jahre lang so gut wie fehlerfrei
gespielt. Der Druck war sehr hoch. Für mich war das eine
fantastische Zeit.
Jetzt pflegen Sie bei Arsenal wieder eine gut dokumentierte
Rivalität mit Manuel Almunia. Gibt es solche Rivalitäten zwischen
Torhütern öfter, da sie ja um eine ganz bestimmte Position
konkurrieren?
Wenn man zu anderen Spielern in Konkurrenz steht, dann kann
man den professionellen Aspekt nur schwer vom persönlichen trennen.
Es gibt also nicht gerade eine gute Freundschaft zwischen uns, aber
das belastet mich nicht.
Ist es generell schwierig, im Fussball wahre Freundschaften
zu schließen?
Man kann Freundschaften wohl nur bei kleineren
Klubs haben, wo alle zusammenhalten müssen und man weiß, dass man
voneinander abhängig ist. Bei größeren Klubs ist es oft so, dass
ein Neuzugang kommt, der genauso gut spielt, und schon denkt
niemand mehr an den früheren Spieler.
Haben Sie mit Ihren Teamkameraden bei Arsenal auch private Kontakte?Nein. Altersmäßig sind viele von ihnen näher bei meinen Söhnen als bei mir. Manchmal schließe ich mich den anderen an, wenn sie ausgehen, und das macht mir auch Spaß. Aber ich habe Kinder und daher nur selten Zeit, mit meinen Mannschaftskameraden auszugehen, das ergibt sich einfach nicht oft. Ich bin ein paar Mal mit Thierry Henry und Freddie Ljungberg unter die Leute gegangen. Aber wenn ich mir die jetzige Mannschaft anschaue, dann ist nur Gilberto Silva annähernd in meiner Altersgruppe und hat Kinder.
Wie gefällt Ihnen das Leben in London?
Ich mag die Stadt. Es ist eine sehr schöne Stadt,
die sehr viele Dinge zu bieten hat. Am Anfang wirkt alles hektisch
und man kommt kaum damit klar, aber dann erkennt man, wie viele
Möglichkeiten die Stadt bietet und das lernt man zu schätzen. Ich
mag auch die Menschen hier und ihren ganz besonderen Humor.
Außerdem wird man als Mensch und als Spieler respektiert. Die
Menschen sind nicht zu aufdringlich, wenn sie dir die Hand
schütteln oder ein Autogramm wollen. Was ich gar nicht mag ist der
Verkehr. In England fahren die Leute einfach anders, als im Rest
von Europa. Das gefällt mir nicht. Ich habe den Eindruck, dass die
Engländer wirklich gern in der Schlange stehen.
Ja, das lernen Engländer schon in der Schule.
Ich weiß, auch meine Söhne lernen das. Aber an der
Ampel ist es manchmal wirklich nervig.
Hoffen Sie, auch bei der WM 2010 noch zu spielen?
Ich weiß noch nicht, was ich nach dem Sommer machen
werde. Erst einmal werde ich bei der Europameisterschaft spielen.
Dann hängt es davon ab, ob ich ein gutes Angebot bekomme. Wenn es
ein gutes Angebot gibt, spiele ich vielleicht noch zwei Jahre. Wenn
nicht, dann mache ich vielleicht Schluss.
Werden Sie auch nach dem Ende Ihrer Karriere weiter im
Fussball tätig sein?
Ja, aber nicht sofort danach.
