Bertrand Marchand beharrte nach dem torlosen Remis zwar standhaft darauf, dass "noch immer alles möglich" sei, aber dem Trainer von Étoile Sahel dürfte Angst und Bange geworden sein, nachdem seine Elf aus dem vermeintlichen Heimvorteil im Final-Hinspiel um die CAF Champions League am Samstag kaum etwas zu machen verstanden hatte. Dabei hatte sich der Franzose im Vorfeld noch ausgesprochen optimistisch gegeben und Gegner Al Ahly als "glücklich" bezeichnet. Am Ende aber bekam er eine weitere von der typischen Abgeklärtheit des ägyptischen Spitzenklubs geprägte Partie zu sehen.
Das 0:0 bei den sonst so heimstarken Tunesiern brachte Al Ahly
dem Rekord des dritten kontinentalen Titels in Folge einen großen
Schritt näher. Angesichts der souveränen Umsetzung seiner
taktischen Vorgaben zeigte sich denn auch der Trainer hoch
zufrieden. "Unsere Taktik lautete, jeden Vorstoß von Étoile zu
unterbinden, und das ist uns gelungen", analysierte Manuel
Jose mit der Nüchternheit eines Mannes, dessen Mannschaft unter
seiner Ägide zuletzt zehn wichtige Titel holen konnte. "Wir
hatten Étoile gewarnt, dass es schwer sein würde, uns zu schlagen,
auch wenn wir auswärts antreten müssen. Jetzt gehen wir
selbstbewusst in das Rückspiel vor heimischer Kulisse und wollen
den dritten Titel in Folge holen."
Selbst der meist sehr optimistische Marchand musste zugeben,
dass nun alles für Al Ahly spricht. Der Trainer wörtlich: "Uns
war klar, dass wir es mit einer großen Mannschaft zu tun haben, die
es uns in allen Belangen schwer machen würde. Aber wir haben uns
bewiesen. Wir hatten vier Großchancen und hätten wenigstens ein Tor
verdient gehabt, aber es hat leider nicht sollen sein. So ist das
eben manchmal im Fussball. Wir hätten auch ein Gegentor kassieren
können. Dann wäre es richtig kompliziert geworden. So aber haben
wir im Rückspiel noch alle Chancen, zumal der Druck auf den
Gastgebern liegt. Sie haben Heimvorteil, aber damit hat es sich
auch schon."
"Ein außergewöhnlicher Abend"
Mit angehaltenem Atem musste Marchand zusehen, wie Mohamed
Ali Nafkha den Ball ans Gebälk nagelte - ein besonders bitterer
Fehlschuss, da es die größte Chance für die tunesische Mannschaft
im ersten Durchgang war und Al Ahly im Gegenzug ebenfalls mehrere
hochkarätige Gelegenheiten hatte.
Nafkas Chance ergab sich im Anschluss an eine geschickte
Balleroberung von Mannschaftskamerad Amine Chermiti, der den
einzigen Fehler der erfahrenen Hintermannschaft Al Ahlys ausnutzte,
den ägyptischen Nationalspieler Wael Gomaa düpierte und
anschließend auch noch den Blick für Nafka hatte. Überhaupt deutete
Chermiti sein großes Talent mehr als nur an und suchte immer wieder
beherzt die Zweikämpfe mit einigen der besten Verteidiger Afrikas.
Richtig gute Chancen blieben dennoch Mangelware.
Am Ende waren es vielmehr die Ägypter, die sich über die vergebene Siegchance ärgern mussten. Allein drei Mal hatte Al Ahly Freistöße aus aussichtsreicher Position an der Strafraumgrenze, doch der sonst so zuverlässige Spezialist Mohamed Aboutrika schaffte es nicht, den gegnerischen Torhüter auf die Probe zu stellen. Den letzten dieser vielversprechenden Freistöße hatte übrigens Mehdi Meriah mit einem taktischen Foul an Mohamed Barakat verursacht, das für ihn persönlich Folgen haben sollte: Der Außenverteidiger von Étoile wurde dafür des Feldes verwiesen und muss im Rückspiel in Kairo am 9. November zusehen.
Aber auch der gefoulte Barakat muss in diesem Spiel pausieren, nachdem er in der ersten Hälfte wegen einer Schwalbe Gelb gesehen hatte. Trainer Jose zeigte sich am Montag gegenüber Pressevertretern aus seinem Heimatland Portugal bemüht, das Fehlen seines erfahrensten und einflussreichsten Akteurs herunterzuspielen. Der Coach gab schlicht zu Protokoll: "Wir wollen in Kairo die Champions League zum dritten Mal in Folge gewinnen und dem Klub einen außergewöhnlichen Abend bereiten."

