Die Philosophie des brasilianischen Fussballs ist im Grunde ganz einfach: so viele Tore wie möglich zu erzielen. Cruzeiro Belo Horizonte erzielte in der Saison 2003, als die brasilianische Meisterschaft zum ersten Mal ausschließlich im Liga-Format ausgespielt wurde, auf dem Weg zum Titelgewinn nicht weniger als 102 Tore in 46 Spielen, während es der zweitplatzierte FC Santos sogar auf 103 Treffer brachte.

Auch im Dezember 2005 hatte Corinthians São Paulo den Gewinn der Meisterschaft in erster Linie seiner Offensive zu verdanken, in der unter anderem der heutige Manchester-United-Star Carlos Tevez glänzen konnte. Zu dieser Zeit begann der FC São Paulo, ein eigenes Erfolgskonzept zu erstellen.

In der vergangenen Saison holte die Tricolor Paulista vor allem aufgrund einer grandiosen Defensivleistung den Titel und krönte sich zum ersten Meister, der in einer Saison weniger Tore erzielte, als er Spiele absolvierte (32 Tore in 38 Spielen).

Aber niemals zuvor sprachen die Vorzüge einer kompakten Abwehr eine deutlichere Sprache als in dieser Saison. Bei einem Vorsprung von neun Punkten auf den ersten Verfolger ließ der FC São Paulo in 25 Partien erst sieben Gegentreffer zu. Das Besondere an diesen Zahlen wird vor allem durch die Tatsache deutlich, dass der Zweiplatzierte, Cruzeiro, bereits 42 Gegentreffer zu Buche stehen hat.

Rogerio Ceni auf dem Weg zu einem weiteren Rekord
Torhüter Rogerio Ceni, der ironischerweise eher für seine Torjägerqualitäten bekannt ist, macht es den gegnerischen Stürmern schier unmöglich, zum Torerfolg zu kommen. War der torgefährlichste Torhüter der Welt vor dieser Saison noch nicht für seine Glanzparaden bekannt, so weiß nun jedermann, dass er wesentlich mehr zu bieten hat als seine Offensivfähigkeiten bei Standardsituationen.

Der stattliche und entschlossene 34-jährige Torhüter des FC São Paulo ist seit dem 2:0-Auftaktsieg gegen Goiás im Mai nahezu ungeschlagen. Nachdem er am Samstag seiner Mannschaft zu einem 2:0-Auswärtserfolg bei Vasco da Gama verholfen hatte, ist Rogerio Ceni in der brasilianischen Meisterschaft nun bereits seit 898 Minuten ohne Gegentor, wodurch São Paulo seit mittlerweile 13 Spielen ungeschlagen ist.

Es fehlen ihm nur noch 234 Minuten, um seiner stolzen Sammlung einen weiteren Rekord hinzuzufügen; mit 76 Treffern ist er nämlich bereits der torgefährlichste Keeper aller Zeiten und zudem auch der São-Paulo-Spieler mit den meisten Einsätzen. Der bisherige Rekordhalter ist Jairo, der in der Saison 1978 das Tor von Corinthians São Paulo 1.132 Minuten lang sauber hielt.

Doch dieser gibt sich sportlich und wünscht Rogerio Ceni, diesen Rekord brechen zu können. "Ich bin ein Fan von Rogerio", sagte Jairo auf der offiziellen Website von Globo. "Er ist zurzeit der beste Torhüter Brasiliens, und es wäre großartig für ihn, wenn er diese Bestmarke erreichen würde. Rekorde sind da, um gebrochen zu werden."

Rogerio hat diese Chance jedoch auch seinen Mitspielern zu verdanken. Die Abwehrspieler Breno, Mirando und Andre Dias agieren zurzeit in Hochform, und auch die Außenverteidiger Souza und Jorge Wagner zeigten in dieser Saison bereits großartige Leistungen. Am Sonntag möchte man auch beim Auswärtsspiel im legendären Morumbi-Stadion beim drittplatzierten FC Santos die Oberhand behalten. Mit einem Sieg könnte die Mannschaft von Vanderlei Luxemburgo bis auf neun Punkte an den Spitzenreiter herankommen, eine Niederlage würde hingegen das Ende aller Titelträume bedeuten.

Über eine mögliche Rückkehr in die brasilianische Nationalmannschaft, mit der er bereits an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ teilgenommen hat, wird zurzeit ebenfalls diskutiert. Muricy Ramalho, Trainer des FC São Paulo, ist davon überzeugt, dass sich seine Nummer Eins einen Platz in der Seleção verdient hätte, doch Nationalcoach Carlos Dunga möchte keinen Spieler einsetzen, der bereits anklingen ließ, seine Karriere noch vor der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika beenden zu wollen. "Rogerio ist ein großartiger Torhüter, und niemand ist aus dem Rennen, aber ich bereite eine Mannschaft für die WM 2010 vor", erklärte er.

Ein weiteres Zu-Null-Ergebnis gegen den FC Santos würde die Diskussionen um eine Rückkehr des Keepers in die Nationalmannschaft allerdings dennoch weiter anheizen.