Schmelztiegel nennt man die USA so gern, und wenn es eine Metropole gibt, auf die dieser Begriff voll und ganz zutrifft, dann ist das Chicago. Mit seiner Stadtbevölkerung in bester Multi-Kulti-Tradition ist die Windy City schon seit langem eine Hochburg des U.S.-amerikanischen Fussballs. Nicht umsonst hat hier der Verband, die U.S. Soccer Federation, ihren Sitz, wurden hier Stars wie Brian McBride und Jonathan Spector, Aushängeschilder alter und neuer Spielergenerationen, geboren. Polen, Tschechen, Mexikaner und allerlei ethnische Gruppen dazwischen machen die bunte Mischung von Chicago aus, von der auch Fussball-Flaggschiff Fire profitiert.

Den 8. Oktober halten sie in Chicago seit über 130 Jahren in Ehren. An diesem Tag nämlich jährt sich das Datum des Großen Brandes von Chicago, der 1871 volle zwei Tage wütete und dem mehrere hundert Menschen und acht Quadratkilometer Stadtfläche zum Opfer fielen. An einem 8. Oktober 126 Jahre später (1997 also) gab es ein weitaus freudigeres Ereignis zu verkünden: Der erstklassige Fussball hielt wieder Einzug in der Stadt, und die Mannschaft sollte passenderweise "Chicago Fire" heißen.

Heißer Start für Fire
Der Gründung sollte gleich in der ersten Saison das Double aus Meisterschaft und Pokal folgen, und seit jenem glorreichen Jahr 1998 hat sich Fire kontinuierlich den Ruf erworben, die heißblütigsten Fans in der aufstrebenden MLS zu haben und ein Spiegelbild jenes kulturellen Hintergrunds zu sein, für den die heimliche Hauptstadt des Mittleren Westens der USA so berühmt ist.

Hatte man Chicago beim Start der Major League Soccer 1996 noch außen vor gelassen und zehn anderen Städten den Vorzug gegeben, so hatte Fire zwei Jahre später in der noch jungen Liga einen umso besseren Start. Investoren, Sponsoren und Betreiber bauten auf Chicagos Multi-Kulti-Bevölkerung als Initialzündung für den Verein.

Denn mehr Polen als in Chicago leben beispielsweise nur noch in Warschau, wie überhaupt die Stadt reichlich Einwohner mit osteuropäischen Wurzeln hat. Fakten, die die Vereinsführung frühzeitig in ihre Planungen und Überlegungen mit einbezog. Die Vereinsfarben wurden in Anspielung auf so manche europäische Vereins- und Nationalmannschaft gleich zu Anfang auf rot und weiß festgelegt, und die Späher des Vereins gingen sogleich im Osten der Alten Welt auf Talentsuche.

Pole(n) Position
Neu war dieses Konzept allerdings nicht: Schon der zweimalige (und inzwischen nicht mehr existente) Meister Chicago Sting hatte Jahre zuvor auf diese Karte gesetzt und mit dem polnischen Nationalspieler Robert Gadocha einen Veteranen des FIFA-Weltpokals 1974 in die NASL geholt. Kein Geringerer als Paul Breitner hatte Gadocha nach dem Halbfinale als den "besten Spieler seiner Zeit" geadelt. Kein Wunder also, dass man bei Fire auf Bewährtes setzte und wieder in Osteuropa auf Spielersuche ging.

Piotr Nowak wurde erster Kapitän. Der Regisseur vom TSV 1860 München traf in Chicago auf seine Landsleute Roman Kosecki und Jerzy Podbrozny, den tschechischen Nationalspieler Lubos Kubik und ab 2000 für zwei Jahre sogar auf den berühmten Hristo Stoichkov. Die Osteuropäer bildeten Herz und Hirn jener Mannschaft, die gleich in ihrer ersten Spielzeit das Double holte und im Schnitt über 22.000 Zuschauer ins altehrwürdige Soldier Field-Stadion lockte. Dort wird normalerweise übrigens nicht Fussball sondern Football in der amerikanischen Variante gespielt und Fire war Pächter der Chicago Bears.

Seit vergangenem Jahr ist Chicago diese Bürde los und hat sein eigenes, reines Fussballstadion, das wie zuvor das Soldier Field ein beliebter Austragungsort für die Heimspiele der U.S.-Nationalmannschaft sein wird. Doch zurück zu jener legendären Saison 1998. Denn schon damals war Chicago ein beliebter Anlaufpunkt für mexikanische Spieler. So baute Trainer Bob Bradley, der heute für die Nationalmannschaft verantwortlich ist, seinerzeit auf Jorge Campos, der im Hauptberuf eigentlich Tore verhüten sollte, gelegentlich aber auch mal Ausflüge in den gegnerischen Strafraum oder ins Metier der Modedesigner unternahm. Auch dahinter steckte letztlich Kalkül: Chicago hat eine große und ständig wachsende mexikanische Gemeinde. Diego Gutierrez aus Kolumbien und der bis heute bei Fire spielende Puertoricaner Chris Armas verstärkten ebenfalls das lateinamerikanische Kontingent der Chicagoer.

Neuer Look
Die Bevölkerungszusammensetzung in der Stadt ist im Wandel begriffen - und Fire zieht nach. Denn seit 2007 hat Chicago die zweitgrößte lateinamerikanische Gemeinde der usa. Der Großteil stammt aus Mexiko. Mit 37 Millionen stellen die Hispanics inzwischen sogar die größte Minderheit im ganzen Land.

Und weil Mittel- und Südamerikaner allesamt verrückt sind nach "Soccer", ist das gut für Fire. Die Vereinsführung jedenfalls regierte gewohnt schnell und verpflichtete flugs den mexikanischen Superstar Cuauhtémoc Blanco von Club America. Der kann zwar nicht unbedingt so schöne Flanken schlagen wie David Beckham, klemmt dafür aber ganz gerne mal den Ball zwischen den Füßen ein und hüpft so über seine Gegenspieler. In Mexiko und anderswo ist Blanco auf diese Weise Kult geworden und sein Wechsel an den Michigansee war von nicht weniger Blätterrauschen und Blitzlichtgewitter begleitet als der von Becks nach Hollywood.

Abnehmer für Blancos Vorlagen soll im übrigen Stürmer Paulo Wanchope werden, der gemeinhin als bester costaricanischer Spieler aller Zeiten betrachtet wird. Diese beiden also werden Chicago Fire künftig verstärken. Andere Lateinamerikaner sind schon da. Als da wären: Bruno Menezes, Willian Oliveria und Thiago aus Brasilien, Gonzalo Segares aus Costa Rica und Ivan Guerrero aus Honduras. Komplettiert wird die lateinamerikanische Generalüberholung durch den Trainer, den Kolumbianer Juan Carlos Osorio.

Große Hoffnung
"In dieser Chicagoer Mannschaft steckt Qualität", hat Wanchope, der vor seinem ersten Auftritt für den neuen Arbeitgeber noch auf seine Einwanderungspapiere warten muss, schon erkannt. "Alle Spieler hier werden mich zu einem besseren Stürmer machen. Da bin ich mir sicher."

Die Mannschaft hat also ein neues Gesicht und mit Blanco auch endlich den dringend benötigten Spielmacher. In der Eastern Conference teilt sich Fire aktuell trotzdem den letzten Platz mit Neuling Toronto FC aus Kanada. Zum ersten Mal seit 2004 und erst zum zweiten Mal überhaupt in der neunjährigen Geschichte des Vereins droht ein Verpassen der Playoffs. Sieben Punkte Rückstand auf Platz drei haben Blanco und Co., gar 13 auf Tabellenführer New England Revolution.

Von Osten nach Süden
Der jüngste Personalwechsel bei Fire bedeutet einen Schlussstrich unter die Anfangstage des Klubs, wird aber von den Polish Fire Ultras '98 und dem Sector Latino - zwei der vielen Chicagoer Fanklubs - gleichermaßen begrüßt. Mit einem Zuschauerschnitt von über 17.000 im Jahr 2005 ist Fire drauf und dran, den Chicagoer Eishockey-Lieblingen Blackhawks den Rang abzulaufen. Die beiden städtischen Major-League-Baseballteams und die Bears sollen nach dem Willen der Vereinsführung in den kommenden Jahren ebenfalls von hinten grüßen. Grundvoraussetzung hierfür ist natürlich dauerhafter Erfolg, und den hat Fire. Neben der Meisterschaft 1998 stehen zwei zweite Plätze und vier Siege im Open Cup für Chicago zu Buche.

Der Einfluss des Vereins geht inzwischen weit über Illinois hinaus. Klublegende Nowak ist mittlerweile Co-Trainer von Bob Bradley in der Nationalmannschaft. Der inzwischen umgeschulte ehemalige Flügelflitzer DaMarcus Beasley und Außenverteidiger Carlos Bocanegra haben den Sprung auf die britische Insel geschafft und spielen aktuell in Schottland bzw. England. Chicago ist und bleibt Pulsgeber der Fussballentwicklung in den USA.

So wie der Große Brand von 1871 Chicago letztlich den Weg zur Wirtschaftsmetropole des 20. Jahrhunderts ebnete, ist Chicago Fire die Lokomotive einer glorreichen Fussballzukunft in den USA.