Seit Sommer 2002 - der Saison nach dem ersten Meistertitel von Olympique Lyon - dürfte die französische Ligue 1 nicht mehr so spannend gewesen sein. Denn der inzwischen sechsmalige französische Meister musste Trainer Gérard Houllier ebenso ziehen lassen wie diverse Stammspieler, was gleichzeitig die Abkehr vom jahrelang praktizierten und entsprechend gut funktionieren Spielsystem bedeutete. Nicht wenige mutmaßen deshalb, dass es Lyon schwer haben wird, den Titel zu verteidigen.

Mit dem neuen Trainer Alain Perrin - im vergangenen Jahr Pokalsieger mit Sochaux - geht Lyon jetzt in eine neue Ära. Die Abgänge des brasilianischen Verteidigers Claudio Caçapa (unauffällig, aber im Mannschaftskreis unglaublich einflussreich), des Portugiesen Tiago und vor allem der beiden französischen Nationalspieler Eric Abidal und Florent Malouda verdeutlichen eine Tendenz. Denn Präsident Jean-Michel Aulas musste darüber hinaus schwer kämpfen, um die Verträge mit den Leistungsträgern Grégory Coupet, Cris und Juninho zu verlängern. Über die Mannschaftsdienlichkeit des Letzteren wurde den ganzen Sommer über lebhaft diskutiert. Ende vom Lied war, dass Juninho die Kapitänsbinde abgab.

Tatsache aber ist und bleibt: Nach sechs Meistertiteln in Folge geht Olympique Lyon auch in die neue Saison als Favorit Nummer 1, wenn es am Sonntag um 21:00 Uhr mit der Partie Lyon gegen Auxerre losgeht.

Die Diskussionen werden sich weniger um die Qualität der Neuzugänge drehen (Fabio Grosso, Nadir Belhadj, Mathieu Bodmer und Kader Keita), mit denen der Verlust der bisherigen Stammkräfte aufgefangen werden soll, sondern vielmehr darum, wie die Umsetzung des von Perrin favorisierten neuen Systems klappt. Das 4-1-2-3 ist Vergangenheit, künftig wird wieder im klassischen 4-4-2 gespielt. Im Augenblick akzeptieren die Spieler diese Umstellung noch, einige begrüßen sie sogar ausdrücklich. "Ja, mir persönlich liegt dieses System", ließ etwa Karim Benzema unlängst verlauten - was verständlich ist, kann sich der Neu-Nationalspieler damit doch künftig Hoffnungen machen, weiter vorn im Sturm zu agieren. Seine Kollegen aus dem Mittelfeld und der Abwehr hingegen sehen das anders. Sie befürchten, Lyons Hintermannschaft könne arg destabilisiert werden.

Marseille als schärfster Konkurrent?
Sollte Lyon wie vermutet schwächeln, stünde die Konkurrenz jedenfalls schon Gewehr bei Fuß.

Als schärfster Konkurrent gilt dabei naturgemäß der letztjährige Tabellenzweite Olympique Marseille. Denn der hat zwar seinen Star Franck Ribéry an den FC Bayern München verloren, die eingenommene Transfersumme jedoch sinnvoll in Verstärkungen investiert - allen voran Djibril Cissé, der nach einem Jahr Ausleihe vom FC Liverpool endgültig verpflichtet wurde und endlich einmal eine komplette Saisonvorbereitung absolvieren konnte.

Hinter Marseille hat sich ein weiteres Quintett in Stellung gebracht (Lens, Bordeaux, Rennes, Toulouse und Monaco). Trotz der enormen Enttäuschung der um Haaresbreite verpassten Qualifikation zur UEFA Champions League hat sich der RC Lens sehr schnell wieder gefangen - und verstärkt. Nach der Rückkehr des 68-jährigen Trainer-Mythos Guy Roux auf die Bank verpflichtete man erst den kroatischen Torhüter Vedran Runje (Besiktas) und dann nach und nach den zweikampfstarken defensiven Mittelfeldspieler Julien Sablé (Saint-Etienne), den zuverlässigen Verteidiger Lucien Aubey (Toulouse) für die seit zwei Jahren verwaiste linke Abwehrseite sowie die technisch außerordentlich starken ivorischen Stürmer Gauthier Kanga Akalé (Auxerre) und Bonaventure Kalou (Paris Saint-Germain). Wie überhaupt mehr Elfenbeinküste bei Lens kaum geht, denn Aruna Dindane ist für den Posten des Mittelstürmers vorgesehen, und Olivier Monterrubio komplettiert das Quartett. Keine Frage, dass "Zauberer" Roux mit einem solchen Kader mehr erreichen kann (und soll) als das, was er bislang gewohnt war, nämlich ständig eine neue Mannschaft aufzubauen.

"Schon als ich Anfang Juni angefangen habe, war viel Qualität in der Mannschaft. Das war einer der Gründe, warum ich den Job übernommen habe. Aber es gab noch andere: Das Wesen des Vereins und seine Region, die Tatsache, dass die Mannschaft in der vergangenen Spielzeit auf Platz 5 gelandet ist und schließlich auch die Möglichkeit, die Mannschaft umzustrukturieren. Mit diesem Kader weiß ich, wie weit ich kommen kann", hat Roux jüngst schon vielsagend kundgetan.

Laurent Blanc: Endlich Trainer
Schon am ersten Spieltag kommt es zum Aufeinandertreffen des "Alterspräsidenten" der Ligue 1 mit einem, den man zwar "Präsident" nennt, der aber als Trainer noch ein Grünschnabel ist: Laurent Blanc. Im Sommer von Girondins Bordeaux als neuer Verantwortlicher verpflichtet, darf sich der ehemalige Abwehrchef der Equipe tricolore und Weltmeister von 1998 auf seiner ersten Trainerstation der geballten medialen Aufmerksamkeit gewiss sein, nachdem er zuvor mehrere Jahre auf sein erstes Engagement warten musste. "Die Mannschaft von Bordeaux ist schon sehr gut", erklärte Blanc schon vor einigen Wochen im exklusiven Gespräch mit FIFA.com. "Wenn wir jetzt noch zwei oder drei gute Spieler dazu holen, können wir meiner Meinung nach eine gute Saison spielen. Vielleicht können wir in der Meisterschaft sogar für eine Überraschung sorgen." Angesichts des fast unveränderten und damit eingespielten Kollektivs (den Abgängen von Jean-Claude Darcheville, Julien Faubert und Rio Mavuba stehen die Neuzugänge David Bellion, Mathieu Chalmé und Alou Diarra gegenüber) wird Girondins gemeinhin eine gute Saison zugetraut.

Selbiges gilt für Stade Rennes und den FC Toulouse. Schon in der abgelaufenen Saison lieferten sich diese beiden Mannschaften einen Kampf bis zum Schluss, und auch in dieser Spielzeit wird wieder ein solches Duell um die Spitzenplätze erwartet. Den Bretonen könnte dabei zum Vorteil gereichen, dass sie keine Mehrbelastung durch die Champions League haben. Vorausgesetzt freilich, dass die Mannschaft von Elie Baup die Qualifikation zur Königsklasse übersteht. Um das Niveau der Vorsaison möglichst zu halten, setzt man bei Rennes und Toulouse auf Kontinuität. Neu verpflichtet wurden bei Rennes lediglich Rod Fanni, Petter Hansson, Jérôme Leroy und Mickaël Pagis, bei Toulouse waren es Mauro Cetto, Jon Jönsson und André-Pierre Gignac. Ob das ein Erfolgsrezept ist, wird man bald wissen.

Auch im Fürstentum sind die Erwartungen groß. Mit der Verpflichtung von Ex-Bordeaux-Trainer Ricardo erhofft man sich beim AS Monaco nicht nur die Rückkehr in die Erfolgsspur, sondern endlich auch wieder attraktiven Fussball. Nicht alle glauben indes, dass dies ausgerechnet mit dem ehemaligen Verteidiger von Paris Saint-Germain zu schaffen ist, denn seiner Herkunft zum Trotz hat der Brasilianer auf seiner letzten Station in Bordeaux zwar zwei Jahre lang erfolgreich spielen lassen, wurde aber auch oft für seinen "Schlafwagenfussball" kritisiert.

Mit Spielern wie dem Kolumbianer Juan Pablo Piño sowie den Franzosen Camel Meriem, Jérémy Ménez und Frédéric Piquionne (dem Tschechen Jan Koller droht in dieser Saison die Ersatzbank) müssen die Monegassen nun die passende Antwort geben. "Ich will mit diesem Verein oben mitspielen", hat Ricardo bei seiner Verpflichtung schon angekündigt. "Seit ich 1991 nach Frankreich gekommen bin, gehört Monaco für mich dort hin. Diese Mannschaft hat die Möglichkeiten dazu. Sie hat die letzte Saison gut beendet und steckt voller Selbstvertrauen. Ich gehe diese Herausforderung mit viel Enthusiasmus an!"

Was wird aus PSG?
In der neuen Saison rechnen viele mit einem Wiedererstarken von Paris Saint-Germain. Nach einer Albtraum-Saison, die schließlich auf dem 15. Platz und mithin mit knapp vermiedenem Abstieg endete, muss der Hauptstadtklub nun zulegen und zeigen, dass eigentlich mehr in der Mannschaft steckt. "Wir haben diese schwierige Situation gemeistert", findet Torhüter Mickaël Landreau. "Meiner Meinung nach haben wir daraus gelernt. Da bleibt nichts zurück."

In Paris wie anderswo ist Stabilität das Gebot der Stunde. So wurden die Verträge der zwischenzeitlich von Lyon umworbenen Sylvain Armand und Jérôme Rothen verlängert, und Trainer Paul Le Guen bekam zudem Zoumana Camara (St-Etienne), Grégory Bourillon (Rennes) und U-21-Nationalspieler Didier Digard (Le Havre) zur Stärkung der Defensive. "Diese Saison müssen wir brennen, alles geben, Herz zeigen, dürfen niemals aufgeben und müssen im Rahmen unserer Mittel einen Schritt nach vorn machen", so Landreau weiter. "Wir haben momentan nicht die Gewissheit, die andere vielleicht haben können. Niemand weiß so Recht, wie es weiter geht bei PSG." Ohne die Belastung aus dem UEFA-Pokal könnten die Hauptstädter allerdings für die eine oder andere Überraschung gut sein.

Selbiges gilt indes für OSC Lille, UC Le Mans, den FC Sochaux und AS Saint-Etienne. Denn dieses Quartett hat schon in der vergangenen Saison zumindest phasenweise aufhorchen lassen und bislang großes Gespür dafür bewiesen, wer eine Verstärkung darstellt und wer die Abgänge bestimmter Spieler gleichwertig kompensieren kann. In Lille müssen Yohan Cabaye und Nicolas Fauvergue derweil die Leistungen aus der Vorsaison bestätigen. In Le Mans gilt für Marko Basa, Romaric und Tulio De Melo das Gleiche, für Valter Birsa und Sébastien Grax in Sochaux ebenso, aber vor allem für Bafétimbi Gomis, Blaise Matuidi und Dimitri Payet in Saint-Etienne. Das Zeug zur großen Entdeckung der Saison haben Luis Alberto Padilla (Lille), Gervinho (Le Mans) oder Nivaldo (Saint-Etienne).

Zu den Mannschaften, die niemand auf der Rechnung hat, und die vielleicht gerade deswegen gefährlich sein könnten, zählen AJ Auxerre, der FC Lorient, AS Nancy Lorraine, OGC Nizza und der FC Valenciennes. Allenfalls kleine "Anpassungen" des Kaders, keinesfalls aber große Verstärkungen, waren für diese Klubs machbar. Nancy geht gar ohne einen einzigen Neuzugang in die Saison, der das Niveau der Mannschaft heben könnte. Vor einer schwierigen Spielzeit stehen auch die drei Aufsteiger SM Caen, FC Metz und RC Strasbourg, die früher Stammgäste in Frankreichs Eliteliga waren, sich aber in den vergangenen Jahren zu Fahrstuhlmannschaften entwickelt haben. Allerdings können alle drei mit Stürmern aufwarten, die man im Auge behalten sollte: Yoan Gouffran (Caen), Babacar Gueye (Metz) sowie Kévin Gameiro (Strasbourg).

So weit also zur Präsentation. Die Jagd kann nun beginnen! Wer daraus siegreich hervorgehen wird? Am 17. Mai 2008 werden wir es nach 380 hoffentlich spannenden Spielen wissen.

Der erste Spieltag der Ligue 1 2007/08

Samstag, 4. August, 17.10 Uhr
Strasbourg - Marseille

Samstag, 4. August, 20.00 Uhr
Bordeaux - Lens
Caen - Nizza
Lille - Lorient
Monaco - Saint-Etienne
Paris SG - Sochaux
Rennes - Nancy
Valenciennes - Toulouse

Sonntag, 5. August, 18.00 Uhr
Le Mans - Metz

Sonntag, 5. August, 21.00 Uhr
Lyon - Auxerre