Es ist nicht leicht, Lebewohl zu sagen. Renato und Flamengo können ein Lied davon singen. Nachdem er zweieinhalb Jahre bei diesem Verein spielte und durch einige Titelgewinne den in der Vergangenheit nicht gerade erfolgsverwöhnten Flamenguistas wieder ein Lächeln auf die Lippen zauberte, nahm der Mittelfeldspieler mit Tränen in den Augen vor kurzem Abschied von seinem geliebten Publikum.
Doch des einen Leid ist des anderen Freud, und Al-Nasr, das mit der Verpflichtung Renatos einen riesigen Coup landete, setzt in ihn die Hoffnung, nach einer 20-jährigen Durststrecke endlich wieder einen großen Titel zu gewinnen. Nachdem er die in den letzten Jahren erfolgslose Spitzenmannschaft aus Rio de Janeiro wieder zu neuem Leben erweckt hatte, ist der 29-jährige Spielmacher zuversichtlich, dies auch in Dubai erreichen zu können.
Renato ist sich jedoch bewusst, dass das kein leichtes Unterfangen werden wird. In der abgelaufenen nationalen Meisterschaft war Al-Nasr in akuter Abstiegsgefahr, bis kurz vor Ende der Saison der brasilianische Trainer Vagner Mancini verpflichtet wurde, der der Mannschaft den Klassenerhalt sicherte.
Dieser wurde eigentlich nur als Übergangslösung unter Vertrag genommen, doch seine großartigen Leistungen im Al-Maktoum-Stadion zwangen die Vereinsbosse regelrecht dazu, ihm einen neuen Zwei-Jahres-Vertrag anzubieten. Nachdem er das vorrangige Ziel erreicht hatte und Al-Nasr vor dem Abstieg bewahrte, steckte sich der aufstrebende Coach für die kommende Saison nun ein deutlich höheres Ziel: zum ersten Mal seit 1989 wieder einen Titel zu gewinnen.
Um jedoch gegen Mannschaften wie den Double-Gewinner Al-Wals, den Rekordmeister (neun Meistertitel) Al-Ain, das ehrgeizige Al-Jazeera oder die Star-Ensembles von Al-Wahda und Al-Sharjah bestehen zu können, musste der erfahrene Trainer einen Spieler verpflichten, um den herum er eine Mannschaft aufbauen konnte. Renato ist dafür mit Sicherheit bestens geeignet.
Spätzünder
Die Karriere des in São Paulo geborenen Weltenbummlers Carlos
Renato de Abreu begann im südlichen Santa Catarina, wo er für die
Provinzklubs Marcilio Dias und Joinville tätig war. Nach der
Rückkehr in seine Heimat kam seine Karriere jedoch etwas ins
Stocken, erst ein Wechsel von Guarani zum Traditionsklub
Corinthians im Jahr 2001 brachte ihn ins Rampenlicht.
Während seiner Zeit im Parque São Jorge gewann Renato zwei Mal die Paulista-Meisterschaft, die Copa do Brasil sowie das Turnier Rio-São Paulo. Er sollte jedoch niemals eine große Rolle in dieser Mannschaft spielen, und als Media Sport Investments im Jahr 2004 der offizielle Partner der O Timão wurde und sogleich die Verpflichtung von zahlreichen Stars ankündigte, wurde bald offensichtlich, dass es für Renato keinen Platz mehr geben würde.
Flamengo gab dem Spieler im Februar 2005 eine neue Heimat, und in den darauffolgenden Jahren hat man dort diese Entscheidung wohl niemals bereut. Renato bekam seinen ersehnten Stammplatz und blühte im linken offensiven Mittelfeld dank seiner Kreativität und seiner Torausbeute so richtig auf.
Abgesehen von der Copa dos Campeões 2001, als man nur drei Teams besiegen musste, um die Trophäe zu holen, hatte die O Mengão seit 1992 keinen nationalen Titel mehr gewonnen. Diese Durststrecke wurde im Jahr 2006 endgültig beendet, als man im Finale der Copa do Brasil den Erzrivalen Vasco da Gama besiegen konnte. Flamengo qualifizierte sich somit für die Copa Libertadores 2007, in der Renato völlig zu Recht als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde.
Doch diese Ehrungen im vergangenen Jahr waren noch lange nicht das Ende. Er wurde in der brasilianischen Meisterschaft von Globo und CBF in die Elf der Saison gewählt und setzte sich bei der Craque da Torcida-Wahl, bei der man auf der Website von Globo abstimmen kann, gegen Rogerio Ceni und Ze Roberto durch, was seine Beliebtheit bei den Fans unter Beweis stellt.
Abenteuer in Übersee
Flamengo zu verlassen, war für Renato keine leichte
Entscheidung. Nachdem er im Mai dem Klub nach einer dreijährigen
Durststrecke dazu verholfen hatte, den Titel der
Carioca-Meisterschaft wieder zu erobern, spielte er
durchaus mit dem Gedanken, seinen Vertrag im Stadtteil Gavea zu
verlängern. Am Ende konnte er jedoch dem Lockruf des Geldes und der
Chance, zum ersten Mal in Übersee zu spielen, nicht widerstehen und
nahm die Herausforderung an, Al-Nasr wieder an die Spitze zu
führen.
Die neue Saison in den Vereinigten Arabischen Emiraten beginnt im September, der brasilianische Ausnahmekönner hat daher genügend Zeit, sich an sein neues Umfeld zu gewöhnen und seine neuen Mannschaftskameraden kennen zu lernen. Mit dem Serben Nenad Jestrovic und dem vor kurzem verpflichteten Ivorer Candia Traori verfügt Al-Nasr über zwei durchschlagskräftige Stürmer, die in der Lage sind, viele Tore zu erzielen. Renato soll hinter diesen beiden Spitzen zaubern und Al-Nasr wieder an die Spitze des heimischen Fussballs führen.
