Wenn man im Internet bei einer beliebigen Suchmaschine die Begriffe "David Beckham" und "L.A. Galaxy" eingibt, werden über 1.000 Artikel zum Thema ausgespuckt, die allein in den letzten 24 Stunden veröffentlicht wurden.
Die Mehrzahl dieser Artikel befasst sich mit solchen Fragen, ob Beckham und seine Frau Victoria in Hollywood gut ankommen werden, ob seine Präsenz in der U.S.-amerikanischen Major League Soccer den Stellenwert des Fussballs in den USA heben wird, oder ob er einen positiven und motivierenden Einfluss auf seine neuen Mannschaftskameraden ausüben kann.
Am 11. Januar gab der ehemalige Star von Manchester United seine Entscheidung bekannt, von Real Madrid in die U.S.-Profiliga zu wechseln: "Nachdem ich mit meiner Familie und meinen Beratern verschiedene Möglichkeiten durchgesprochen habe, ob ich entweder hier in Madrid bleiben soll oder zu einem anderen britischen oder europäischen Spitzenklub wechseln soll, habe ich mich dazu entschlossen, einen Vertrag beim U.S.-Klub Los Angeles Galaxy zu unterschreiben und ab August diesen Jahres in der MLS zu spielen. Ich freue mich auf die neue Herausforderung, den beliebtesten Sport der Welt in einem Land populärer zu machen, in dem die Leidenschaft für den Sport ebenso groß ist wie in meiner Heimat."
Etwas mehr als sechs Monate später, am Freitag, dem 13. Juli 2007, wird der jetzt 32-jährige David Beckham offiziell als der neue Spieler vorgestellt. Der Engländer wechselt allerdings zu einem Klub, der sich bedrohlich nah am Tabellenkeller der Western Division aufhält. Alexi Lalas, Klubpräsident und ehemaliger U.S.-Nationalspieler, glaubt, dass die Verpflichtung des englischen Mittelfeldspielers ein entscheidender Faktor für den holprigen Start seines Teams in die neue MLS-Saison war.
"Die Nachricht, dass der große Beckham zu uns stoßen wird, hat sich leider eher nachteilig auf die Mannschaft ausgewirkt, aber wir müssen mit dieser neuen Situation zurecht kommen", erklärt Lalas. "Dieses Jahr ist mit keinem anderen vergleichbar, das irgendein MLS-Team je erlebt hat. Es ist einzigartig, was die Spannung, den Ablauf, den Druck und das Medieninteresse angeht."
Doch welchen Effekt wird dieser Wechsel auf Beckhams Profi-Karriere haben? Seit Anfang 2007 hat sich sein Ruf massiv verbessert. Steve McClaren hatte ihn aus dem englischen Nationalteam verbannt, und Fabio Capello hatte ihm gesagt, dass er nicht mehr für Real Madrid spielen werde - doch der Londoner verhielt sich professionell und vorbildlich und zeigte bei den Trainingseinheiten in der spanischen Hauptstadt seine wahre Klasse.
Wieder da
Einen Monat später, nachdem Beckham durch seine
Leistungen Capellos Vertrauen zurück gewonnen hatte, stellte der
italienische Trainer ihn gegen Real Sociedad wieder auf. Der
Engländer traf und führte Real Madrid zum Sieg. Trotz einer
Bänderverletzung im Knie, die ihn fast den gesamten März außer
Gefecht setzte, ging Beckhams Stern langsam wieder auf.
Am 26. Mai 2007 gab der englische Nationalcoach McClaren bekannt, dass Beckham zum ersten Mal seit der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ wieder im Nationalteam der Three Lions auflaufen werde. Er stand in der Partie gegen Brasilien im neuen Wembley-Stadion in der Anfangsformation und bereitete prompt das erste Länderspieltor im neuen Stadion vor. Sein perfekt ausgeführter Freistoß von der rechten Seite landete genau auf dem Kopf von Mannschaftskapitän John Terry, der den Ball einköpfte - und "Becks" war wieder einmal der Held der Nation.
Fünf Tage später leistete der Mittelfeldspieler beim 3:0-Sieg gegen Estland die Vorlagen zu den Toren von Michael Owen und Peter Crouch. Zwei Wochen später gab es für Beckham wieder einen Anlass zum Feiern, als Real Madrid sich im Rennen um den spanischen Meistertitel um Haaresbreite gegen den FC Barcelona durchsetzte, was für den ehemaligen Star von Manchester United den perfekten Abschied aus dem Santiago-Bernabéu-Stadion bedeutete.
Hätte Beckham nach dieser Wiederbelebung seiner Profikarriere nicht noch ein paar Jahre länger in Spanien weiterspielen sollen? Natürlich kamen auch bei ihm selbst Zweifel auf. "Ich war davon überzeugt, in meiner Verfassung durchaus noch ein wenig länger bei Real Madrid bleiben zu können", sagt er. "Ich hätte locker noch weitere drei Jahre auf höchstem Niveau spielen können. Aber als die Vereinsführung mir im Januar mitteilte, dass man nicht die Absicht hatte, meinen Vertrag zu verlängern, traf ich meine Entscheidung."
"An dem Tag, als wir den Titel durch den 3:1-Sieg über Real Mallorca geholt hatten, blutete mir das Herz, aber da war die Entscheidung schon längst gefallen."
Pelé als Ratgeber
Sogar der vielleicht größte Fussballer aller Zeiten, Pelé,
ist der Meinung, dass Beckham die MLS genauso konkurrenzfähig
finden wird wie die Spitzenklubs der englischen Premier League oder
der spanischen Primera División.
Pelé, der in der damaligen NASL für Cosmos New York spielte, sagt: "Ich rate ihm schon jetzt, sich warm anzuziehen, denn es wird auch für ihn sehr schwer werden, sich in der U.S.-Liga zu behaupten, weil die Spieler sehr gut und physisch äußerst durchsetzungsstark sind. Darauf muss er sich einstellen. Und ich rate ihm, seine Fitness auf Vordermann zu bringen, denn es ist nicht leicht, in der U.S.-Liga zu spielen. Auch in den USA wird mittlerweile Fussball auf sehr hohem Niveau gespielt."
"Ich bin damals in die USA gegangen, um dem Profifussball den Weg zu bereiten, denn der Fussball, der zu meinen U.S.-Zeiten gespielt wurde, hatte Amateur- und College-Niveau. In den vergangenen Jahren hat sich der U.S.-Fussball jedoch sehr gut entwickelt. Ich hatte die Möglichkeit, mit den ganz großen Weltfussballern zu spielen, wie zum Beispiel Franz Beckenbauer, Carlos Alberto, Giorgio Chinaglia oder Johan Cruyff. Und das brachte die Kinder und auch die Erwachsenen dazu, mehr und mehr in die Stadien zu strömen und die Anhängerschaft wuchs. Nun muss Beckham diese Arbeit fortsetzen."
Auch José Mourinho, der Trainer des FC Chelsea, ist dieser Meinung und glaubt, dass Beckham dazu beitragen wird, den Fussball in den USA zum Massensport wachsen zu lassen.
"Es ist schade, dass der europäische Fussball einen Spieler wie Beckham verliert, aber gleichzeitig wollen wir alle in Europa, dass der Fussball auch in den USA populärer wird", erklärt der portugiesische Coach. "Es ist ein neuer Markt, der darauf wartet, erschlossen zu werden. Und wenn das gelingt, dann hat das positive Auswirkungen für alle. Und außerdem hätten sie keinen besseren Spieler für die Umsetzung dieses Ziels auswählen können als ihn, denn er ist mehr als ein Spieler."
Der ehemalige englische Nationalmannschaftskapitän, der höchstwahrscheinlich am 21. Juli in einem Freundschaftsspiel gegen Mourinhos FC Chelsea erstmals für seinen neuen Verein spielen wird, hat zugegeben, dass er durchaus ein wenig Nervosität verspürt.
"Die Leute glauben wahrscheinlich, dass ich Wunderdinge verrichten werde und wir am Ende unser erstes Spiel mit 10:0 gewinnen werden", erklärte er. "Das ist eines der Dinge, die mich ein wenig beunruhigen. Ich bin nicht der Typ von Spieler, der leicht und locker zehn Gegenspieler stehen lässt und am Ende sogar noch drei oder vier Tore schießt. Ich bin eher ein Arbeiter und Teamspieler."
Die Entscheidung über den Fortgang seiner internationalen Karriere wird wohl von Beckhams Auftritten in der Qualifikation zur UEFA EURO 2008 abhängen. Sollte er entscheidend dazu beitragen, dass das Team von McClaren die Endrunde in Österreich und der Schweiz erreicht, so wird der Mittelfeldstar sicher wieder wie ein Nationalheld gefeiert werden. Sollte er hingegen auf der internationalen Fussballbühne nicht (mehr) die Leistung bringen, die alle von ihm erwarten, wird man die langen Flüge und seinen Status als Superstar verantwortlich machen.
Seine Wirkung auf die Entwicklung der MLS indes könnte viel weitreichender und auch lukrativer sein. Im Augenblick schmückt Beckham die Titelseite des Sportmagazins Sports Illustrated. Das ist eine seltene Ehre für einen Fussballer. Sollte jedoch Beckhams Präsenz das Interesse der Amerikaner am Fussball weiter steigern, dann könnte dies mittelfristig durchaus zu einer weiteren Kräfteverschiebung im globalen Fussball führen.
