"Irgendwie hatte man schon mitbekommen, dass der liebe Gott etwas mit uns vor hatte", sagte Hans Meyer in seiner ganz typischen Art und inmitten des fränkischen Jubels im Berliner Olympiastadion am vergangenen Samstagabend. Der Trainer des 1. FC Nürnberg hatte seine Mannschaft gerade zum DFB-Pokalsieg geführt, dem ersten Titel der deutschen Fussball-Traditionsadresse seit dem Gewinn der neunten deutschen Meisterschaft im Jahre 1968. Dass er dabei auch selbst etwas Historisches geleistet hat, wollte der 64-Jährige gar nicht erst an die "große Glocke" hängen.

Als erstem Trainer überhaupt gelang Meyer das Kunststück, nach dem DDR-Pokal nun auch den Triumph im gesamt-deutschen Wettbewerb zu feiern. "Es wurde auch höchste Zeit, denn es sind nicht mehr viele in der Lage dazu", meinte der Erfolgstrainer nach dem 3:2-Sieg nach Verlängerung in einem ebenso hochklassigen wie dramatischen Endspiel gegen den frischgebackenen Deutschen Meister VfB Stuttgart. "Ich bin ja auch Historiker. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal Geschichte schreibe."

Mit Carl Zeiss Jena gewann der manchmal kauzige, zumeist sympathische und stets intellektuell wirkende "Evergreen" der deutschen Trainergilde 1972, 1974 und 1980 bereits drei Mal den zweitwichtigsten nationalen Vereinstitel. Bei seinem ersten Erfolg war der damalige Trainer-Jungstar gerade einmal 29 Jahre alt. Im Herbst seiner Karriere ist Meyer nun auch noch zu greifbarem Ruhm in der Ära nach der Wiedervereinigung gekommen, annähernd so ausgelassen gefreut wie seine Nürnberger Schützlinge hat er sich indes erwartungsgemäß nicht: "Vor Freude zu tanzen, das habe ich schon als junger Trainer nicht getan."

Über Umwege in der Bundesliga etabliert
Ohne Zweifel: Die Laufbahn des Sympathieträgers ist einzigartig. Und das nicht nur, weil er in Nürnberg aus einer als Bundesliga-Durchschnittsteam angesehenen Truppe einen Titelträger gemacht hat und den "Club" in den UEFA-Pokal führen konnte. "Eigentlich müsste man jetzt zurücktreten. Ein DFB-Pokalsieg und ein sechster Platz in der Liga - mehr ist mit dieser Mannschaft nicht drin", erklärte Meyer inmitten des Berliner Freudentaumels augenzwinkernd in die laufenden TV-Kameras. Wer ihn kennt, weiß: Dieser Satz war wieder einmal gezielt ausgesprochen, um seine Spieler schon einmal vorausblickend für die neue Spielzeit zu motivieren.

Meyer ist ein Fuchs. Er ist ein großer Psychologe. Er spielt sein eigenes Spiel, das er perfekt beherrscht. Und obwohl er mit allen Wassern gewaschen ist, wirkt er stets menschlich. Kein anderer Coach in Deutschland hat eine derartige Ausstrahlung. Und kein anderer hat einen so großen Erfahrungsschatz wie er. Für den gebürtigen Brisener, das in der heutigen Tschechischen Republik nahe Bilin liegt, ist der DFB-Pokalsieg mit Nürnberg nicht der größte Erfolg in seiner Karriere. "Wenn man mit einer Bezirksauswahl Jena drei Mal Weltklasse schlägt und ins Europacup-Finale kommt, ist das noch ein Stückchen mehr Wert als der DFB-Pokal", glaubt er und erinnert sich dabei an das Finale der Pokalsieger 1981, das er mit Carl Zeiss Jena 1:2 gegen Dinamo Tiflis verlor.

Nach der Wende heuerte Meyer zwischen 1996 und 1999 in den Niederlanden an und kam als Übungsleiter des FC Twente Enschede zu großer Anerkennung. Der ungewohnte Weg ins deutsche Nachbarland prägte ihn deutlich. Neben seinen äußerst ausgeprägt vorhandenen psychologischen Qualitäten eignete er sich dort ein großes taktisches Wissen an, ehe er als nur Experten bekannter Fachmann im deutschen Fussball bei Borussia Mönchengladbach anheuerte, um den Traditionsklub aus der Zweiten Liga zurück ins Oberhaus zu führen. Im Dezember 2003 wechselte Meyer dann in die Hauptstadt, rettete Hertha BSC Berlin vor dem Abstieg und wollte sich schließlich in seine verdiente Rente verabschieden.

"Er ist ein perfekter Coach"
Doch es kam anders. 15 Monate ohne Fussball waren ihm genug, dem Lockruf aus dem Fränkischen konnte er nicht widerstehen. Was folgte, war eine sensationelle Erfolgsgeschichte, die den "Club" als verstaubten, alten Fussball-Dinosaurier zu einem modern, attraktiv und euphorisch spielenden Team mutieren ließ, das den Gegnern das Fürchten lehrt. In dieser Saison bezwangen die Nürnberger den Meister aus Stuttgart nicht nur in Berlin, sondern auch in der Liga - und das gleich zwei Mal: mit 3:0 und mit 4:1!
"Er ist ein perfekter Coach", sagt Nürnbergs argentinischer Linksverteidiger Javier Pinola und unterstreicht damit, dass Meyer der Vater des zurückgekehrten Erfolges in Nürnberg ist. Wo auch immer er war, dem Trainer-Routinier gelang es immer, sein Team auf ein höheres Level zu hieven. So auch beim "Club".

"Ich kann nur eine Mannschaft besser machen. Einzelne Spieler kann ich nicht besser machen", sagte Meyer einmal, als er nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt wurde. Für ihn zählt nur das Kollektiv. Und der Charakter. In seinen Mannschaften gibt es selten einen alles in den Schatten stellenden Star, vielmehr stets ein funktionierendes Ensemble mit Persönlichkeiten, die wissen, was sie wollen, und die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. So wie in Nürnberg Mittelfeldchef Tomas Galasek, 34 Jahre alt und 57-maliger tschechischer Nationalspieler. "Wir hatten uns um ihn bemüht, obwohl ich ihn menschlich nicht kannte. Hätte ich damals schon seinen Charakter gekannt, hätte ich mich noch mehr um ihn bemüht", lobt Meyer seine verlängerte Hand auf dem Platz.

Auch wenn der Trainer des neuen DFB-Pokalsiegers aufgrund seiner oft beißend zynischen Art, die er immer wieder gerne in Interviews zur Schau stellt, in Ausnahmefällen nicht auf Gegenliebe stößt, so ist der "Mensch Meyer" im deutschen Fussball-Geschäft doch eines der letzten Originale. Und weit mehr als nur ein "Hans im Glück". Angesichts seines Könnens, psychologische und taktische Qualitäten zu vermitteln, brauchten die Überflieger aus Nürnberg in der zurückliegenden Saison wahrlich nicht ausschließlich darauf zu vertrauen, dass der "liebe Gott" etwas mit ihnen vorhatte.