Es war ein Dienstagabend Ende September. Ein junger Mann aus São Gonçalo vor den Toren Rio de Janeiros traf per Kopf zum 3:3-Ausgleich und wurde von 50.000 Zuschauern frenetisch gefeiert. Der Torschütze heißt Anderson Soares de Oliveira. Er steht in den Statistikbüchern von CR Flamengo. Die jubelnden Fans trugen rot und schwarz.
Nein, dieser 24 Jahre alte Innenverteidiger - besser bekannt als Bamba Anderson - traf nicht für die Traditionsadresse vom Zuckerhut. Überhaupt spielte er in seinem bisherigen Leben erst drei Mal für die Profis von Flamengo. Die ihn feiernden rot-schwarzen Fans gehörten zu Eintracht Frankfurt. Und soeben hatte der Brasilianer, den man in seiner Heimat kaum kennt, das sensationelle Unentschieden seines Klubs gegen den deutschen Meister Borussia Dortmund perfekt gemacht.
Deutsch-brasilianische Erfolgsgeschichte
Eintracht und Flamengo haben vieles gemeinsam. Beide Klubs können auf leidenschaftliche Anhänger verweisen. Ihre Farben sind gleich. Und die Maskottchen - ein Geier und ein Adler - können fliegen. Ungeahnte Höhen erreichen aber momentan nur die Frankfurter.
Der UEFA-Pokalsieger von 1980 und Finalist des europäischen Landesmeister-Cups von 1960 kehrte kürzlich nach einjähriger Abwesenheit in die Bundesliga zurück. Nun befindet man sich nach 19 Punkten aus den ersten acht Partien sensationell auf Tabellenplatz zwei, spielt atemberaubenden Offensivfussball und wird als ultimative Überraschungsmannschaft der neuen Saison betrachtet. Auch dank Anderson.
Mit viel Mut ins Abenteuer gestürzt
Trotz eines Diego, Josué oder Luiz Gustavo ist es der 1,88 Meter große Brasilianer der Eintracht, der in Deutschland derzeit das breiteste Grinsen im Gesicht hat. Und irgendwie wird man bei ihm das Gefühl nicht los, dass er es noch immer nicht so ganz glauben kann, auf der anderen Seite des Atlantiks ziemlich weit oben angekommen zu sein. Zumal er früher in Südamerika nie besonders auffiel.
"Ich habe 2005 im Alter von 17 Jahren drei Spiele unter Joel Santana bei den Profis [von Flamengo] absolviert", erzählt Bamba Anderson im Exklusiv-Gespräch mit FIFA.com: "Mir erschienen aber die Aussichten, in Europa Profi zu werden, erfolgreicher. Und dies war auch mein Ziel." Angst davor, in die Fremde zu gehen, hatte er nicht. "Es fiel mir nicht schwer, weil ich bereits wusste, dass ich diesen Schritt machen will", so der in Frankfurt längst zum Sympathieträger avancierte Abwehrspezialist.
Die ersten Hürden waren hoch
Zunächst kamen die Verantwortlichen des für ihr hervorragendes Scouting in Brasilien bekannten deutschen Topklubs Bayer Leverkusen auf ihn zu. Schnell war jedoch klar, dass Anderson den Weg über Ausleihen an Zweitliga-Klubs gehen würde. 2010 kam der Durchbruch, als er dank seiner starken Leistungen für Fortuna Düsseldorf vom Fachblatt kicker zum besten Innenverteidiger der Rückrunde in der zweiten Bundesliga gewählt wurde. Fortan war der schwierige erste Schritt Vergangenheit.
"Ich bin bei 35 Grad aus Brasilien weg und bei fünf Grad in Deutschland angekommen. Das ist erst einmal ein Schock", so Anderson mit einem Lächeln im Gesicht. "In erster Linie war da die sprachliche Herausforderung, das Klima und die Art und Weise, wie zum Beispiel bei deutschen Klubs trainiert wird. Hier wird einfach mehr gelaufen als in Brasilien", beschreibt er seine damaligen ersten Eindrücke.
Als Frankfurter äußerst zufrieden
Mittlerweile hat sich für den Ehemann und Vater einer Tochter vieles verändert: "Nach über vier Jahren in Deutschland kann ich sagen, dass ich angekommen bin." Über Borussia Mönchengladbach landete Anderson in Frankfurt. Auf Leihbasis war er in der vergangenen Saison der unumstrittene Abwehrchef, als die Eintracht den Wiederaufstieg schaffte. Daraufhin sicherten sich die Hessen vollends die Dienste des Mannes, der noch immer gerne die Flamengo-Spiele verfolgt und längst zwei rot-schwarze Herzen in seiner Brust trägt.
Nun soll das Märchen vom mutigen und selbstbewussten Außenseiter, der den Giganten das Fürchten lehrt, so lange wie möglich weitergehen. "Wir haben einen sehr guten Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft und verstehen uns alle sehr gut", so der offenherzige Südamerikaner, der keinen Hehl daraus macht, dass er sich auch gerade wegen der guten Stimmung im Team besonders wohl in Frankfurt fühlt. "Es ist noch zu früh, über die Zukunft zu sprechen. Wir haben eine junge Mannschaft und Spieler, die sich weiter entwickeln wollen. Unser Ziel ist der Klassenerhalt. Den aktuellen Tabellenplatz genießen wir natürlich, wissen aber auch, dass es auch wieder anders laufen kann."
Zwei Spielkulturen miteinander vereint
Anderson bleibt bescheiden. Er würde immer den Weg der kleinen Schritte wählen. Und vermutlich würde er bis heute nicht wahrhaben wollen, sich in gewisser Weise auch auf den Spuren von brasilianischen Defensivspezialisten wie Dunga, Lucio oder Juan, die allesamt in der Bundesliga zur Weltklasse herangereift sind, zu befinden.
Ohne Zweifel aber wird auch die Nummer 23 der Eintracht von diesem gewissen Phänomen profitieren, bei dem besonders Abwehrspieler vom Zuckerhut ausgerechnet im deutschen Fussball noch besser werden. "Hier lernt man, körperlich zu spielen", glaubt Anderson: "Ich würde mich mittlerweile als europäischer Innenverteidiger mit brasilianischer Technik beschreiben."
Der ganz große Traum
Er weiß selbst nur zu gut, dass genau solche Abwehrspieler auch in der brasilianischen Nationalmannschaft gefragt sind. Vermessen wäre es, zu glauben, dass er als Stammverteidiger eines Tabellenzweiten in einer der stärksten Ligen des Alten Kontinents nicht auch heimlich darauf hofft, die FIFA WM 2014 im eigenen Land spielen zu dürfen. "Jeder brasilianische Fussball-Profi träumt von der Seleção", sagt deshalb auch Bamba Anderson. "Aber ich konzentriere mich derzeit nur auf Eintracht Frankfurt", fügt er hinzu.
So oder so: Der ursprünglich das Fussball-ABC beim FC Tombense erlernte Bamba Anderson befindet sich auf dem besten Wege, es seinem Vorbild aus seiner Zeit als Jugendlicher gleichzutun. Das nämlich heißt Renato Augusto, ist zwar sogar 29 Tage jünger als er, hat es aber über Flamengo und Leverkusen in die Seleção geschafft. Wer da nicht mal an offensichtliche Parallelen denkt...
