Bei Borussia Mönchengladbach ist das ominöse M-Wort kein Tabu mehr. "Das Ziel ist der Nicht-Abstieg, der Traum ist, Meister zu werden", sagte U-21-Nationalspieler Patrick Herrmann nach dem grandiosen 3:0 (1:0)-Coup der Rheinländer beim VfB Stuttgart keck und sprach damit als erster Borusse vom Titel.

Deutschland jedenfalls kommt aus dem Staunen über die Bundesliga-Wundertüte nicht heraus, und die "großen Drei" dürfen sich im Meisterschaftsrennen bei weiter nur einem Punkt Vorsprung auf Gladbach getrost gejagt fühlen. "Wer das Spiel der Gladbacher gesehen hat, kann ja gar nicht anders, als sich daran zu berauschen", schwärmte Borussen-Idol Günter Netzer in der Tageszeitung Die Welt und fügte ungeachtet aller Bedenken ("Hoffentlich kommt kein Einbruch") hinzu: "Die anderen müssen sie nun zunehmend ernster nehmen. Die Gladbacher gewinnen ihre Spiele und machen das Beste aus ihrer Situation. Am Ende könnten auch sie Meister werden."

Von der kaum noch zu unterdrückenden Euphorie im Borussia-Lager schien nach dem erstem Erfolg in Stuttgart seit 1994 sogar auch der sonst so besonnene Sportdirektor Max Eberl angesteckt. "Wir können uns noch verbessern", meinte der Ex-Profi nach den Treffern von Mike Hanke (31.), Reus (81.) und Igor de Camargo (84.).

Borussias breite Brust erscheint angebracht. Rang vier mit immer besseren Chancen auf eine UEFA Champions League-Teilnahme, lediglich ein Zähler Rückstand auf das punktgleiche Spitzentrio Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04, die beste Abwehr des Oberhauses (12 Gegentore) und die stärkste Zwischenbilanz seit Gladbachs bislang letztem Meister-Jahr 1977 (damals umgerechnet 42 Punkte) lassen ein sensationelles Happy End einer längst schon märchenhaften Saison nicht mehr ausgeschlossen erscheinen.

Umso bemühter war Erfolgsgarant Favre, dem heißblütigen Auftritt seiner Fohlen und auch Eberls Einschätzung eine kühlere Sichtweise entgegenzusetzen. "Es wird sehr schwer für uns, noch besser zu spielen", sagte der Schweizer nach seinem 50. Sieg als Bundesliga-Coach (106 Spiele).

Auch Reus, trotz seines Wechsels am Saisonende nach Dortmund weiterhin die Gladbacher Galionsfigur, wollte sich nicht den immer näher liegenden Begehrlichkeiten hingeben: "Wir haben unser Ding runtergespielt. Wir laufen, kämpfen und machen das, was der Trainer uns vorgibt. Wir spielen im Moment gut, aber das kann schnell wieder in die andere Richtung gehen."

Vorerst allerdings kaum wieder nach unten. Gladbachs Polster auf den Tabellenfünften Werder Bremen beträgt nach der getilgten Schmach der 0:7-Pleite in Stuttgart in der vergangenen Spielzeit bereits acht Punkte, der Vorsprung auf die Nicht-Europacup-Plätze sogar schon zwölf Zähler.

Dennoch mahnte auch Torschütze Hanke seine Teamkollegen, die inzwischen dreimal soviele Punkte wie zum gleichen Zeitpunkt der katastrophal verlaufenen Vorsaison geholt haben, vor dem nächsten Match bei Ex-Meister VfL Wolfsburg zu Bodenständigkeit: "Wir sind glücklich, dass wir oben dabei sind. Aber wir wissen auch, wo wir herkommen und dass wir keine Spitzenmannschaft sind. Deswegen fangen wir nicht an zu träumen."