"Als Torhüter versuchst du natürlich immer, Glanzparaden abzuliefern, aber ich glaube, bei Elfmetern kann man sich richtig in Szene setzen."

Sein Ruf als "Elfmeterkiller" eilte Michel Vorm voraus, als er vom FC Utrecht zu Swansea City wechselte. Viel mehr wusste man dort von ihm nicht. Nach sechs Monaten in der Premier League hat der Niederländer jedoch bewiesen, dass er zu den Top-Verpflichtungen des Sommer-Transferfensters 2011 zählt und zu den besten Torhütern der Liga gehört.

Er hatte inzwischen auch schon Gelegenheit, die Eigenschaft zu zeigen, für die er am berühmtesten ist. Gegen Wigan Athletic und Fulham hielt er jeweils einen Elfmeter und holte damit wohl vier Punkte für seine Mannschaft. Es ist keinesfalls reine Glückssache, dass er hier so gute Ergebnisse vorweisen kann. "Ich mache schon vor jedem Spiel ein paar Hausaufgaben", so Vorm gegenüber FIFA.com. "Wir analysieren die Mannschaften zwar nicht so genau, aber im Internet findet man Videos der Elfmeterschützen jedes Teams und solche Kleinigkeiten helfen dir schon dabei, einen Elfer zu halten."

Glaube an die eigenen Fähigkeiten
Interessanterweise vertritt Vorm außerdem die Auffassung, einer der Hauptgründe dafür, dass Torhüter nicht mehr Elfmeter halten, läge darin, dass sie sich schon vorher mit der Unvermeidbarkeit des Tores abfinden. "Viele Torhüter, die sich ein Elfmetertor einfangen, machen meiner Meinung nach nicht den Eindruck, dass sie wirklich alles daran setzen, den Schuss zu halten", erklärt er. "Wenn ein Strafstoß ausgeführt und verwandelt wird, denken sie: 'O.K., es war ein Elfer. Ich konnte nichts dagegen tun.'"

"Ich setze mich selbst stärker unter Druck und will ihn wirklich halten. Natürlich gehört auch etwas Glück dazu, aber gehaltene Elfmeter gehören schließlich zu den Dingen, die die Entscheidung für dein Team bringen können." Vor allem durch diesen Glauben an die eigenen Fähigkeiten hat sich der 28-Jährige in der Saison 2011/12 von einem geachteten Ersatztorhüter der niederländischen Nationalmannschaft und Leistungsträger eines mittelmäßigen Klubs der Eredivisie zu einem echten Herausforderer von Maarten Stekelenburg, dem derzeitigen Stammtorhüter in Bert van Marwijks Oranje-Team, und zu einer der großen Überraschungen der Premier League gemausert.

Zum Auftakt stand nur fünf Tage nach seinem Wechsel nach Wales gleich eine Partie gegen Ligakrösus Manchester City an. Das war sicherlich ein Härtetest, aber trotz einer 0:4-Niederlage wusste Vorm direkt zu überzeugen. "Die Eingewöhnung ist mir ziemlich leicht gefallen, weil hier so ähnlich gespielt wird wie bei uns in Holland und in der Nationalmannschaft. Das hat mir die Anpassung erleichtert", erklärt er.

Interesse der Top-Klubs nimmt zu
"Natürlich muss man seine Fähigkeiten unter Beweis stellen, und ich wusste, dass ich das Talent hatte. Ich bin selbstsicher, aber ich habe auch von Beginn an gut gespielt und erste Eindrücke sind sehr wichtig. Ich hätte mir keinen besseren Start vorstellen können."

Seitdem lieferte er einen starken Auftritt nach dem anderen ab. Nach Swanseas beeindruckenden jüngsten Ergebnissen gegen Tottenham Hotspur, Aston Villa und den FC Arsenal haben bereits einige ganz große Klubs des Landes ihr Interesse an ihm bekundet. Vorm geht jedoch locker mit der ganzen Sache um.

"Wenn man bei einem Klub wie Swansea, der natürlich nicht gerade der größte der Liga ist, sehr gut spielt, seinen Kasten ein paar Mal sauber hält (neun Mal inzwischen) und einige Elfmeter hält, ist es normal, dass die Leute sich positiv über einen äußern."

Bereit, wenn die Elftal Hilfe braucht
Damit hat er seinen guten Ruf weiter ausgebaut und kämpft nun im niederländischen Kader für die UEFA EURO 2012 um einen Platz zwischen den Pfosten. Dieses Ziel war letztendlich auch einer der Gründe für seinen Wechsel in die Premier League. "Stekelenburg und ich haben beide in der Eredivisie gespielt, aber dann ist er in die Serie A gewechselt, und es war für mich wichtig zu beweisen, dass ich auch auf höchstem Niveau spielen kann. Ich wollte Van Marwijk meine Qualitäten zeigen."

"Er kannte sie natürlich schon vorher, aber wenn ich sie auf diesem Niveau zeige, wird er die Situation vielleicht etwas anders einschätzen. Andererseits finde ich auch, dass Stekelenburg seine Sache wirklich gut macht. Ich hoffe also, Van Marwijk die Wahl nicht leichter zu machen, aber er trifft immer logische Entscheidungen."

Vorm hat jedoch nicht die Absicht, Unruhe zu stiften und weiß sehr wohl, welche Position er derzeit im Oranje-Team einnimmt. Schließlich ist er bisher erst neun Mal zum Einsatz gekommen. "Ich weiß, dass ich in der Nationalmannschaft den Status des Ersatztorwarts habe, aber ich glaube, ich habe jede Woche gezeigt, wozu ich fähig bin, falls Van Marwijk mich braucht."

Ein Mann mit surinamesischen Wurzeln
Vorm hat dennoch das Gefühl, dass sich seine Position in der Mannschaft schon etwas verändert hat. Obwohl er bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™, wo die Niederländer sich erst im Finale knapp gegen Spanien geschlagen geben mussten, auf der Bank saß, ist er der Ansicht, dass ihm diese Erfahrung bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine zugute kommen wird.

"Ich war vorher noch nie bei einem großen Turnier dabei gewesen, und alles hatte so riesige Ausmaße – das Interesse, die Spiele, es war schon fantastisch für mich, das zum ersten Mal zu erleben. Natürlich möchte man spielen, aber die Situation wird ganz anders sein, wenn ich 2012 die Nummer zwei bin."

Sollte Vorm bei der EURO 2012 zu einem Einsatz kommen, dann wäre er der erste Torhüter mit surinamesischen Wurzeln, der die Niederlande bei einem großen Turnier vertritt. Stanley Menzo war der letzte Schlussmann aus der ehemaligen niederländischen Kolonie im Kader der Oranje, Feldspieler gab es hingegen in Hülle und Fülle. Die Familie seines Vaters stammt aus Suriname, und Vorm ist stolz auf sein Erbe.

Vorm: "Es hat schon so viele gute Spieler gegeben, die aus Suriname stammten oder deren Eltern von dort kamen. Ich finde, darauf muss man stolz sein. Spieler wie Clarence Seedorf, [Ruud] Gullit, [Frank] Rijkaard, [Edgar] Davids, alles hervorragende Leute. Darauf sind auch die Surinamesen sehr stolz. Wenn ich in Holland bin, sagen sie mir immer, wie stolz sie darauf sind, dass ich bei Swansea spiele und zur Nationalmannschaft gehöre."

EM-Triumph als Ziel
Ob Vorm den Niederlanden zum Titel verhelfen kann, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall ist er sich der Tatsache bewusst, dass die Erwartungen nach dem zweiten Platz 2010 in Südafrika hoch sein werden. Allerdings wurde das Team in eine knifflige Gruppe gelost, in der auch Deutschland, Portugal und Dänemark vertreten sind. Das macht die Sache nicht gerade einfach. Vorm räumt ein, dass er dem 9. Juni zwar selbstbewusst entgegensieht, sich nach der jüngsten 0:3-Niederlage in einem Freundschaftsspiel gegen Deutschland aber auch darüber im Klaren ist, dass es schwer werden wird, falls einer der großen Stars ausfallen sollte.

"Wir wissen, dass wir genug Qualität in der Mannschaft haben. In der Qualifikation haben wir bewiesen, dass wir ein sehr gutes Team sind. Bei der Europameisterschaft haben wir die beste Chance zu zeigen, was wir unter Druck leisten können. Wenn alle fit sind und wir so selbstbewusst wie immer auftreten, werden wir wohl direkt das Finale anpeilen. Ich denke, unser einziges Ziel ist der Gewinn des Pokals. Wenn man einen Pokal gewinnen möchte, muss man jeden schlagen, angefangen mit Dänemark."

Die Niederlage im WM-Finale in Johannesburg dürfte noch immer schmerzen, und vielleicht ist sie ja eine Zusatzmotivation auf dem Weg zum Höhepunkt des diesjährigen Wettbewerbs in Kiew. "Für mich ist es immer noch ein schreckliches Gefühl daran zu denken, dass der Sieg möglich war", meint Vorm.

Eine bessere Motivation, jetzt noch einen Schritt weiter zu gehen, gibt es doch kaum, oder?