Im Mai beschäftigten die Fans von Borussia Mönchengladbach vor allem zwei wichtige Dinge: Ob das Team sich im Relegationsspiel gegen den VfL Bochum den Verbleib in der 1. Bundesliga sichern kann und ob der Abwehrspieler Dante sein Versprechen erfüllen und sich die Haarpracht abrasieren würde, falls das Ziel erreicht werden sollte. Wenn man nach der Reaktion von Spielern und Zuschauern nach dem Abpfiff geht, als der Verbleib in der Eliteklasse in trockenen Tüchern war, fragt man sich, welche der beiden Fragen eigentlich Priorität hatte.
Dante wurde nämlich von seinen Mannschaftskameraden eingefangen und musste sich von seiner voluminösen Lockenpracht verabschieden, die seit seiner Ankunft beim Klub im Jahr 2009 sein Markenzeichen war. Noch im Stadion musste die Mähne weichen, nachdem die Gladbacher sich mit einem hart erkämpften Unentschieden in Bochum den Klassenerhalt gesichert hatten. Noch zur Halbzeit hatten sie mit 0:1 hinten gelegen, das Hinspiel hatten sie zu Hause knapp mit 1:0 für sich entschieden. "Es war ein tolles Gefühl, als die Haare schließlich abgeschnitten wurden, weil wir schließlich alle sehr glücklich darüber waren, den Abstieg vermieden zu haben. Das war vielleicht eine Party", erklärte der Brasilianer gegenüber FIFA.com.
Auch wenn am Ende eine positive Erinnerung zurückgeblieben ist, war es doch eine schwere Zeit, die der Spieler aus Salvador nun mit gebührendem Abstand betrachten kann. Seine Borussia, die in der letzten Saison noch am unteren Tabellenende rangierte, hat nämlich eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht und ist plötzlich ganz vorn in der Tabelle anzutreffen.
Anpassung
Bevor der 27-jährige Dante in Mönchengladbach zur Kultfigur wurde, musste er einen langen Weg zurücklegen. Er startete seine Karriere bei kleinen Klubs im brasilianischen Bundesstaat Bahia und wechselte schließlich zu Juventude in Rio Grande do Sul. Dort lernte er eine Seite Brasiliens kennen, die sich erheblich von seiner Heimatregion unterschied. Damals erforderte seine Karriere zum ersten Mal eine Anpassung an neue Lebensumstände, die ihm aber sehr schnell gelingen sollte. Das war im Übrigen auch später meistens der Fall. Er betont immer wieder, dass er zu den Spielern gehört, die härter arbeiten, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen: "Ich werde stärker, wenn ich mit Problemen konfrontiert bin."
2002 spielte er im Alter von 18 Jahren bereits in der Série A der brasilianischen Meisterschaft und stand Superstars wie Romário, Kaká, Robinho und Luís Fabiano gegenüber. Er ließ sich von den großen Namen jedoch keinesfalls einschüchtern und sammelte wertvolle Erfahrungen für einen Spieler auf seiner Position. 2004 stand dann der Wechsel nach Europa an, wo er von OSC Lille verpflichtet wurde. Bei dem französischen Klub hatte er in zwei Spielzeiten nur wenige Chancen. "Ich habe gute Erinnerungen, aber es gab auch Probleme. Schließlich war ich noch sehr jung, und die Umstellung war schwierig. Ich hatte Probleme, mich an die veränderten Bedingungen zu gewöhnen, aber ich glaube, am Ende ist mir das ganz gut gelungen", erinnerte er sich.
Am Ende suchte der Verteidiger einen Neuanfang im belgischen Fussball. Nach einem Jahr bei Charleroi wechselte er zu Standard Lüttich, mit dem er zwei Mal belgischer Meister wurde. Aber er hatte nicht nur mit Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern hat in Europa auch abseits des Spielfelds eine beachtliche Entwicklung durchgemacht. So spricht er heute beispielsweise Französisch und Deutsch. "Mir geht es sehr gut in Deutschland, ich bin sehr glücklich und verstehe mich mit allen hervorragend", berichtete der Spieler, der verheiratet ist und zwei Kinder hat.
Volle Kraft voraus
Seit er 2009 seinen ersten Vertrag in Deutschland unterzeichnet hat, musste Dantes Team immer eher um den Klassenerhalt kämpfen und war kaum in der Lage, den Spitzenmannschaften gefährlich zu werden. In dieser Saison sieht das Szenario nach sieben Bundesliga-Spieltagen allerdings anders aus. Borussia Mönchengladbach rangiert derzeit auf dem dritten Tabellenplatz und konnte gleich am ersten Spieltag einen sensationellen Auswärtssieg gegen Bayern München feiern. Die Frage, ob es realistisch sei zu glauben, das Team könne auf diese Weise weitermachen, bejahte der Innenverteidiger. Die Mannschaft sei seit den harten Duellen gegen Bochum vor knapp sechs Monaten gewachsen. "Wir kämpfen alle sehr dafür. Alles, was im letzten Jahr passiert ist, hat die Mannschaft zusätzlich gestärkt und uns viel Selbstvertrauen gegeben. In dieser Saison gehen wir mit viel Vertrauen in unsere Fähigkeiten an den Start, und bisher ist alles optimal gelaufen."
Die kämpferische Einstellung und Persönlichkeit Dantes gelten als entscheidender Faktor für den enormen Aufschwung der Gladbacher. Er inspiriert sowohl seine Mannschaftskameraden als auch die Fans auf den Tribünen, von denen sich zahlreiche ihm zu Ehren inzwischen mit Afro-Perücken ausstaffiert haben. Der Brasilianer, dessen Vertragsverlängerung in diesem Jahr für den Klub absolute Priorität hatte (jetzt bis 2014), war von dieser Begeisterungswelle überrascht, die in seiner zweiten Saison bei den Gladbachern begann.
Als er sich dann im Mai tatsächlich die Haare abrasieren ließ, demonstrierte auch er seine Verbundenheit zum Verein. Jetzt glaubt er, dass den Fans vielleicht die Mähne als Erkennungszeichen ihres Idols auf dem Spielfeld fehlt. Aber bis die wieder nachgewachsen ist, wird sicherlich noch einige Zeit vergehen, wenn überhaupt. "Ich weiß noch nicht genau, aber bis jetzt habe ich die Haare erstmal wachsen lassen. Mal sehen, wie es wird", so der Brasilianer zurückhaltend. Vielleicht möchte er diese Erfahrung ja nicht noch einmal machen – zumindest nicht mit dem dramatischen Hintergrund der letzten Saison.
