Auf dem Gelände von Borussia Mönchengladbach herrscht gute Stimmung. Egal wohin man schaut, man sieht zufriedene Gesichter. Beim Vormittagstraining der Fohlenelf gibt Trainer Lucien Favre freundlich aber bestimmt Anweisungen, seine Akteure gehorchen folgsam und lassen den Ball laufen. Währendessen beobachten die Kiebitze am Spielfeldrand lächelnd das Treiben ihrer Stars.

Blickt man rund drei Monate zurück, wirkt dieses aktuelle Bild der Borussia fast schon surreal. Ende Mai verhinderte der Traditionsklub vom Niederrhein durch einen knappen Erfolg in der Relegation gegen den VfL Bochum den Abstieg in die Zweitklassigkeit.

Nun belegt der Fast-Absteiger nach drei Spieltagen und Erfolgen gegen Rekordmeister Bayern München sowie dem ehemaligen Champion VfL Wolfsburg das erste Mal seit der Saison 1998/99 nach einem kompletten Wochenende Platz eins im deutschen Oberhaus. Doch Vorsicht: Das letzte Mal, als dies gelang, stieg Gladbach am Ende der Spielzeit ab.

Positives Denken kann Berge versetzen
Von dieser Statistik will Havard Nordtveit allerdings nichts wissen, wie der norwegische Defensiv-Allrounder im Exklusiv-Interview mit FIFA.com erklärte: "Wenn man negativ denkt, wird man nicht besser. Die Konzentration muss immer auf den positiven Aspekten liegen, dann kann man alles schaffen."

Der 21-Jährige hat allen Grund, zuversichtlich an die kommenden Aufgaben zu gehen, denn er ist einer der Garanten für den guten Saisonstart. Auch dank seiner starken Leistungen stellen die Fohlen mit nur zwei Gegentoren die zweitbeste Abwehr der Liga und sind neben Hannover 96 das einzige Team ohne Niederlage.

Dem Talent kommt im 4-2-3-1-System von Coach Favre eine entscheidende Rolle zu. Im defensiven Mittelfeld zieht er die Fäden im Spielaufbau und ist gleichzeitig das Bindeglied zwischen Abwehrkette und Offensiv-Abteilung.

Anerkennung von höchster Stelle
Seine Leistungen beeindrucken auch Experten wie Jan-Åge Fjørtoft. Der ehemalige norwegische Nationalspieler und Bundesliga-Akteur von Eintracht Frankfurt ließ jüngst verlauten: "Havard ist ein Supertyp mit einer fantastischen Einstellung. Er hat in Gladbach eine neue Rolle gefunden und füllt diese sehr gut aus."

Nordtveit bleibt angesichts des Lobes jedoch cool. "Natürlich habe ich mitbekommen, dass man über mich spricht. Aber man muss auf dem Boden bleiben", stellte er im Gespräch mit FIFA.com klar.

Trotz seines jungen Alters bringt das Spitzbubengesicht eine große Reife mit, denn er hat schon viel erlebt. Mit 16 Jahren gab der Tattoo-Fan sein Profi-Debüt in Norwegen. Im Alter von 17 wechselte er nach England zum FC Arsenal, um im weiteren Verlauf bei UD Salamanca, Lillestrom SK und dem 1. FC Nürnberg auf Leihbasis aktiv zu sein. Vergangenen Januar schloss er sich dann dem fünfmaligen deutschen Meister an.

Ein Glücksfall für beide Seiten
"Für mich war es sehr gut, dass ich bereits in so jungen Jahren Profi-Erfahrung sammeln konnte. Der frühe Wechsel nach London fiel mir dann auch nicht schwer, da sich Arsenal toll um mich gekümmert", erinnerte sich Nordtveit, der nur lobende Worte für seinen ehemaligen Arbeitgeber fand.

In der Winterpause der vergangenen Spielzeit entschied sich der 1,88-Meter-Mann trotzdem gegen die Gunners und für die Fohlen, um mehr Spielpraxis zu bekommen und sich so für höhere Aufgaben in Norwegens Nationalelf zu empfehlen. In Gladbach erkämpfte sich der Charakterkopf auf Anhieb einen Stammplatz und wirft nun Wochenende für Wochenende seine internationale Erfahrung in die Waagschale.

"Borussia ist ein sehr großer Verein. Hier kann ich mich kontinuierlich verbessern. In Gladbach finde ich alles vor, um meinen Weg zu gehen", lobte Nordtveit das Umfeld seines aktuellen Klubs.

Ein Mann für die Nationalmannschaft
Auch Fjørtoft, der mittlerweile in Deutschland als TV-Experte tätig ist, traut seinem Landsmann noch einiges zu: "In meinen Augen ist er ein klarer Kandidat für die norwegische Nationalmannschaft. Sein einziges Problem ist, dass man ihn in Norwegen als Innenverteidiger sieht."

Blickt man auf den vergangenen Freitag, scheint dieses "Problem" ausgeräumt. Nordtveit agierte beim 4:1-Heimsieg gegen die Wölfe als Innenverteidiger und zeigte eine starke Partie. Dies wird auch Egil Olsen, Norwegens Nationaltrainer, nicht verborgen geblieben sein.

Drillo war es, der dem positiven Zeitgenossen aus Gladbach bereits Anfang Juni zum Debüt im Dress seines Heimatlandes verhalf. Beim 1:0-Sieg gegen Litauen debütierte Nordtveit zu Beginn der zweiten Halbzeit. "Es war ein großartiger Moment für mich. Das ist es, wofür ich jeden Tag hart arbeite", erinnerte sich der sympathische Defensiv-Allrounder an die Partie in Oslo.

Nordtveits großer Traum
Nachdem Nordtveit zuletzt wieder in der U-21 aktiv war und beim Freundschaftsspiel gegen die Tschechische Republik (3:0) Mitte August nicht zum A-Kader gehörte, darf sich das Talent nun abermals berechtigte Hoffnungen auf die nächsten EM-Qualifikationsspiele Anfang September gegen Island und in Dänemark machen.

"Es wird natürlich schwierig, sich für Polen und die Ukraine zu qualifizieren, aber die Möglichkeit besteht. Wir konzentrieren uns auf uns und wollen die nötigen Punkte sammeln. Hoffentlich können wir die Chance nutzen", kommentierte er die Situation in der Gruppe H, in der Portugal, Dänemark und Norwegen punktgleich an der Spitze liegen.

Sollte sich Norwegen erstmals seit 2000 wieder für das kontinentale Kräftemessen qualifizieren, würde die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches von Nordtveit näher rücken, denn er träumt davon, bei einem großen Turnier für sein Heimatland zu spielen. Sollte dies gelingen, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach die gute Stimmung aus Mönchengladbach auf die norwegische Nationalmannschaft übertragen.