Paola Trapattoni hat es schon fast aufgegeben. Aus der Weltreise, die sie eigentlich immer schon mal mit ihrem Mann machen wollte, wird wohl nichts. Und so muss sie sich denn zufrieden geben mit einer Europatournee im Rhythmus der Spielzeiten, denn ihr Gatte ist Giovanni Trapattoni, ein nimmermüder Handlungsreisender in Sachen Fussball.
"Ich stelle mir oft die Frage, wann ich mit dem Fussball aufhören werde. Bloß die Antwort habe ich noch nicht gefunden", meint der Mann, den sie in Italien liebevoll "Trap" nennen, verschmitzt. Ein anderer Spitzname Trapattonis ist "Mister", und der "Mister" ist stets adrett gekleidet und trägt das weiße Haupthaar perfekt frisiert. Das mag einer der Gründe für seine natürliche Autorität sein. Einer wie Trapattoni muss nicht erst mit seinem Lebenslauf wedeln, um Respekt zu bekommen.
Wenn man ihn fragt, wo er seinen jugendlichen Elan her nimmt, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: "Ich versuche, mir jeden Tag ein neues Ziel zu setzen, mir eine neue Aufgabe zu stellen. Es ist gar nicht mal das Gewinnen, das mich anspornt. Vielmehr will ich meiner Mannschaft eine gute Ballbehandlung und technisch starken Fussball einimpfen und es den Spielern ermöglichen, auch auf Positionen zurecht zu kommen, die sie eigentlich noch gar nicht kannten."
Mit seinem Ex-Schützling Lothar Matthäus als profiliertem Co-Trainer an seiner Seite ist ihm das in dieser Spielzeit wieder einmal eindrucksvoll gelungen. Gleich im ersten Anlauf führte "Trap" den SV Red Bull Salzburg zur Meisterschaft. Nun ist Salzburg zwar der reichste Klub Österreichs, leicht war die Aufgabe aber laut Trapattoni dennoch nicht. "Es ist nie einfach. Die Mannschaft hatte einen Umbruch hinter sich, ich musste mich an eine neue Kultur gewöhnen, wir mussten ein Team werden", zählt er auf. "Spieler aus 13 Nationen mussten unter einen Hut."
Für Torhüterlegende Dino Zoff, der lange mit dem "Mister" zusammen gearbeitet hat, ist "Trapattoni der ideale Mann zum Aufbau eines Kollektivs".
Die richtige Taktik
In Österreich brauchte Trapattoni nicht lange dafür. Scharf wie nie zuvor ging der "Mister" den Job in der Alpenrepublik an. Beim Ausdauertraining wie bei den Dehnübungen tanzte alles nur nach seiner Pfeife. Denn Respekt muss man sich erarbeiten. Nachdem er so die Grundlagen geschaffen hatte, machte sich der Erfolgstrainer als nächstes daran, das richtige Taktikschema für seine neue Mannschaft zu finden. Damit bewies er gleichzeitig auch, dass er keineswegs auf ein System fixiert ist und kein allgemein anwendbares Patentrezept hat. "Ich weiß nicht, wie oft ich im Lauf der Jahre das Spielsystem geändert habe - vom klassischen 4-4-2 über 4-3-3 bis hin zum 4-2-3-1, das ich in der Nationalmannschaft habe praktizieren lassen."
Trapattoni ist ein Mann des Wortes, und so erklärt er: "Man muss Erfahrung aufweisen können und den internationalen Fussball gut kennen, wenn man auch im Ausland Erfolg haben will. Man muss die Sprache erlernen, seine Ernährung umstellen, sich den landestypischen Gepflogenheiten anpassen, und man darf vor allem niemals improvisieren, wenn es darum geht, akzeptiert zu werden. Andernfalls tritt man auf wie der Elefant im Porzellanladen."
Fast schon erscheint es logisch, dass Salzburg mit Trapattoni erstmals seit zehn Jahren wieder die österreichische Meisterschaft geholt hat. Fünf Spieltage vor Schluss hat Red Bull satte 20 Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten SV Mattersburg.
Für Trapattoni sind solche Erfolge beinahe Alltag. In seinen 33 Jahren als Trainer hat er acht Mannschaften betreut (Juventus Turin, Inter Mailand, Bayern München, Cagliari Calcio, Fiorentina, Benfica Lissabon, VfB Stuttgart und Red Bull Salzburg) und mit ihnen insgesamt 23 Titel geholt, davon allein zehn Meisterschaften in vier verschiedenen Ländern - sieben in Italien (Juventus 6, Inter 1), eine in Deutschland mit Bayern (1997), eine in Portugal (Benfica, 2005) sowie die bislang letzte in Österreich mit Salzburg.
In der Ruhmeshalle europäischer Spitzentrainer
Trapattoni befindet sich damit im illustren Kreis europäischer Trainerlegenden. Wie der Österreicher Ernst Happel (Niederlande, Belgien, Deutschland, Österreich) holte auch Trapattoni Titel in vier verschiedenen Ländern. Übertroffen wird er in dieser Hinsicht nur noch vom Ungarn Bela Guttman, der in fünf Ländern Meister geworden ist (Ungarn, Italien, Brasilien, Portugal und Uruguay) und vom Rekordmann Tomislav Ivic aus Kroatien (Meister in Jugoslawien, den Niederlanden, Belgien, Griechenland, Portugal und Frankreich).
Auch nach der Gesamtanzahl der Titel rangiert Trapattoni mit 23 an dritter Stelle. Vor sich hat er nur noch die beiden Schotten Sir Alex Ferguson (33 Titel) und Jock Stein (26), mit dem Ukrainer Valeri Lobanoski (ebenfalls 23) ist er gleichauf, der Deutsche Ottmar Hitzfeld (22) sitzt ihm im Nacken.
Ausgerechnet die vier Jahre an der Spitze der Squadra Azzurra sind so etwas wie ein Fleck auf der ansonsten weißen Weste einer außergewöhnlichen Karriere. Zwischen 2000 und 2004 hatte Trapattoni 44 Spiele lang die Verantwortung (25 Siege, 12 Unentschieden, sieben Niederlagen). Bei den beiden großen Turnieren unter seiner Leitung war Italien aber nur Misserfolg beschieden. Beim FIFA-Weltpokal Korea/Japan 2002™ kam das Aus im Achtelfinale, bei der Europameisterschaft zwei Jahre darauf in Portugal schon in der Vorrunde.
"In Italien werde ich keine Mannschaft mehr übernehmen. Aber der Gedanke an eine neue Erfahrung in einem anderen Land hat mich gereizt, zumal man hier (in Salzburg) auch mit Blick auf die Champions League in der kommenden Saison auf mich setzt. Es könnte interessant werden, die Qualifikation zu überstehen und die Gruppenphase zu bestreiten", verrät Trapattoni, dass er sich offenbar schon voll und ganz in seine nächste Aufgabe gestürzt hat.
Giovanni Trapattoni
Geboren am 17. März 1939 in Cusano (Mailand)
Position als Spieler: Defensives Mittelfeld
274 Spiele in der Serie A, Debüt am 24. Januar 1960
17 Länderspiele für Italien (1 Tor)
Spielerkarriere:
AC Mailand (1959 - 1971)
Erfolge: Europapokal der Landesmeister 1963 und 1969, Interkontinental-Pokal 1969, Europapokal der Pokalsieger 1968, Italienischer Pokalsieger 1967
Trainerkarriere:
AC Mailand (1974 - 76), Juventus Turin (1976 - 86), Inter Mailand (1986 - 91), Juventus Turin (1991 - 94), Bayern München (1994/95), Cagliari Calcio (1995/96), Bayern München (1996 - 98), Fiorentina (1998 - 2000), Nationaltrainer Italien (2000 - 2004), Benfica Lissabon (2004/05), VfB Stuttgart (2005/06), Red Bull Salzburg (2006/07)
Erfolge (wichtigste Titel):
Italienischer Meister (1977, 1978, 1981, 1982, 1984, 1986 und 1989), Europapokal der Pokalsieger (1985), Interkontinental-Pokal (1985), UEFA-Pokal (1977, 1993, 1991), Deutscher Meister (1997), Portugiesischer Meister (2005), Österreichischer Meister (2007)
