Am 6. Dezember vergangenen Jahres übernahm der Schweizer Fussballlehrer Christian Gross das Traineramt beim deutschen Bundesligisten VfB Stuttgart. Der Deutsche Meister von 2007 und Tabellendritte der Vorsaison belegte zu diesem Zeitpunkt den 16. Platz im deutschen Oberhaus und hätte am Saisonende somit in die Relegation gemusst.

Auch in der UEFA Champions League lief es für die Schwaben alles andere als rund. Nach fünf Partien und nur einem Sieg rangierte man auf dem dritten Platz der Gruppe G hinter Spitzenreiter FC Sevilla sowie dem rumänischen Vertreter Unirea Urziceni und war weit davon entfernt, die K.o.-Runde der Königsklasse zu erreichen.

Doch der Schachzug von Sport-Direktor Horst Heldt, den Erfolgstrainer aus der Alpenrepublik zu verpflichten, sollte sich schon nach kurzer Zeit auszahlen. Der Eidgenosse feierte bereits in seiner ersten Partie als Trainer des VfB einen immens wichtigen Erfolg, als er im letzten Gruppenspiel der Champions League gegen den rumänischen Meister einen 3:1-Sieg einfuhr und somit das Ticket für das Achtelfinale löste.

Aus Einzelspielern ein Team geformt
Gross, der seine Trainer-Karriere 1988 beim FC Wil begann und über die Stationen Grasshopper-Club Zürich (1993-97), Tottenham Hotspur (1997-98) und zuletzt FC Basel (1999-2009) zu den Schwaben kam, schaffte es in Windeseile, aus verunsicherten und erfolglosen Einzelspielern wieder eine Mannschaft zu formen, die an sich glaubt.

Das spiegelte sich auch in der Bundesliga wider, wo der Klub bis zu Gross' Verpflichtung aus 15 Begegnungen nur magere zwölf Punkte holte und gegen den Abstieg kämpfte. Unter der Leitung des Eidgenossen legten die Stuttgarter in den vergangenen Monaten eine beeindruckende Serie hin. 23 Zähler aus elf Partien bedeuten derzeit den neunten Tabellenplatz. Und hatte man Anfang Dezember noch 13 Punkte Rückstand auf einen internationalen Platz, sind es mittlerweile nur noch acht Zähler, die man hinter dem Hamburger SV, der den fünften Platz innehält, liegt.

Gross, der vor allem mit seinem ehemaligen Klub FC Basel große Erfolge feierte und während seiner Zeit beim FCB viermal Schweizer Meister und Pokalsieger wurde, scheint den Draht zur Mannschaft gefunden zu haben, der dem Ex-Trainer Markus Babbel abhanden gekommen war.

Leistungsexplosionen bei Top-Spielern
Nicht anders sind die Leistungssteigerungen von Spielern wie den deutschen Internationalen Cacau und Sami Khedria sowie dem Russen Pavel Pogrebnyak zu erklären. Während der defensive Mittelfeldspieler Khedira im ersten Saisondrittel eher durch seine unsichere Spielweise aufgefallen war, so ist der 22-Jährige mittlerweile nicht mehr aus der ersten Elf wegzudenken.

Gleiches gilt für Stürmer Pogrebnyak. Der russische Nationalspieler sammelte in den ersten zwölf Bundesliga-Begegnungen für seinen neuen Klub gerade einmal drei Scorer-Punkte (zwei Tore, ein Assist) und kam nur sechsmal über die volle Spielzeit zum Einsatz. Seitdem er die Unterstützung des neunfachen Schweizer Trainer des Jahres spürt, zahlt der ehemalige Akteur von Zenit St. Petersburg das in ihn gesetzte Vertrauen mit starken Darbietungen zurück.  In seinen vergangenen elf Partien steuerte der Angreifer vier Treffer und drei Torvorlagen zum Erfolg des VfB bei.

Noch gravierender erkennt man die gute Arbeit von Christian Gross am Beispiel Cacau. Der aus Brasilien stammende deutsche Nationalspieler fand unter Babbel zu keinem Zeitpunkt dieser Saison zu seiner Form aus vergangenen Zeiten. Ein Tor in zwölf Bundesliga-Partien waren das ernüchternde Ergebnis.

Unpopuläre Entscheidungen gehören dazu
Doch auch der 29-Jährige hat in den vergangenen Wochen bewiesen, dass ihm der Trainerwechsel gut getan hat. Sieben Treffer in sechs Begegnungen im deutschen Oberhaus sowie das wichtige Führungs-Tor im Achtelfinal-Hinspiel der Königsklasse gegen Titelverteidiger FC Barcelona gingen auf sein Konto.

Gross traf jedoch auch unpopuläre Entscheidungen und trennte sich in der Winterpause von namhaften Spielern, die in seiner Planung keine Rolle mehr spielten. Prominentestes "Opfer" war der deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, der unter dem Schweizer keine Aussichten auf einen Stammplatz hatte und zu Lazio Rom in die italienische Serie A wechselte.

Der ehemalige türkische Nationalspieler Yildiray Bastürk ging nach England zu den Blackburn Rovers, während der Schweizer Internationale Ludovic Magnin in die Heimat zum FC Zürich zurückkehrte.

"Spiel des Jahres" in Barcelona
Der ausgedünnte Kader des VfB präsentiert sich indes in bestechender Form. Denn auch wenn man am vergangenen Freitag gegen das Spitzenteam von Schalke 04 knapp mit 1:2 erstmals unter Gross auswärts unterlag, so war für die Mannschaft des Eidgenossen viel mehr gegen die Königsblauen drin.

Am Mittwoch steht nun das "Spiel des Jahres" gegen den FC Barcelona an. Im Rückspiel des Achtelfinals der UEFA Champions League ist nach dem 1:1 in Stuttgart für die Schwaben noch alles drin.

"Insgesamt ist es ein sehr gutes Resultat. Es gibt nicht viele Mannschaften in der Welt, die gegen Barcelona ein Unentschieden holen. Ob es fürs Weiterkommen reicht, werden wir sehen", sagte Gross nach dem Hinspiel. Und Sami Khedira äußerte sich noch selbstbewusster: "Mit einer Topleistung wie in der ersten Hälfte können wir auch in Barcelona bestehen. Im Fussball ist alles möglich. Wir fahren sicherlich nicht als Sparringspartner nach Barcelona."

Katalanen haben Respekt vor Schwaben
Ob als Sparringspartner oder nicht, der FIFA Klub-Weltmeister hat nach dem starken Auftritt der Schwaben vor eigenem Publikum Respekt vor der Mannschaft von Christian Gross. "Stuttgart hat stark gespielt, zum Glück konnten wir in der zweiten Halbzeit das wichtige Auswärtstor erzielen. Jetzt müssen wir im Rückspiel unseren Heimvorteil ausnutzen, um ins Viertelfinale einzuziehen", ließ FIFA Weltfussballer Lionel Messi verlauten.

Und auch der schwedische Torjäger Zlatan Ibrahimovic zollte dem VfB Respekt: "Stuttgart ist ein sehr gutes Team, sie haben im Hinspiel sehr aggressiv gespielt und zu Hause alles gegeben. Aber beim Rückspiel im Camp Nou werden wir ein anderes Spiel sehen."

Die Generalprobe ist Barça am Wochenende jedenfalls geglückt. Auf eindrucksvolle Weise unterstrich die Mannschaft von Trainer Pep Guardiola ihre Meisterschafts-Ambitionen in Spanien und fertigte den Tabellendritten FC Valencia dank dreier Tore des argentinischen Superstars Lionel Messi mit 3:0 ab.

Bleibt also abzuwarten, ob Gross mit seiner Mannschaft die große Überraschung in Katalonien gelingt. Ein Beispiel sollten sich die Schwaben vielleicht an Rubin Kasan und dem FC Sevilla nehmen. Dies sind in dieser Saison nämlich die einzigen Vereine, denen das Kunststück gelungen ist, in Barcelona zu gewinnen. Der russische Meister siegte in der Gruppenphase der Champions League mit 2:1, während Stuttgarts Gruppengegner im Achtelfinale der Copa del Rey ebenfalls mit 2:1 die Oberhand behielt.