Der 31-jährige Mittelfeldspieler Lincoln Cássio de Souza Soares kehrte allem Anschein nach genau zum richtigen Zeitpunkt in seine brasilianische Heimat zurück. Nach acht Jahren in Europa wurde er in dieser Woche offiziell bei Palmeiras São Paulo vorgestellt - gerade noch rechtzeitig, um die bunte Karnevalssaison in Brasilien hautnah mitzuerleben.

Er könnte diese Zeit zwar genießen, doch der Ex-Profi von Galatasaray Istanbul und frühere Topspieler von Schalke 04 zieht es stattdessen vor, in den kommenden Tagen intensiv zu trainieren. Die tiefe Verbundenheit zur weltweiten Sportart Nummer eins ist bei ihm so stark ausgeprägt, dass ihn selbst die Verlockungen eines solch populären Festes wie dem Karneval nicht vom Fussball ablenken können.

Lincoln hat gerade neun Monate ohne Pflichtspiel hinter sich. Daher brennt er förmlich darauf, seinem neuen Trainer Muricy Ramalho zur Verfügung stehen zu können, um fortan eine Schlüsselrolle in dessen Mannschaft zu spielen, die im Moment dabei ist, ihr enttäuschendes Abschneiden in der Vorsaison vergessen zu machen.

Lincoln sprach mit FIFA.com über seine Erwartungen bei seinem neuen Klub und seine Hoffnung, möglichst bald wieder ein gutes Verhältnis zu den brasilianischen Fans aufbauen zu können. Und das alles mit einer Motivation, die vergleichbar ist mit der eines "Jungen, der gerade erst in die Profi-Mannschaft aufgerückt ist."

Das heißt nicht, dass er die leidenschaftlichen Fans von Galatasaray Istanbul schon vergessen hätte, doch jetzt gilt es für ihn erst einmal, die Palmeiras-Fans auf seine Seite zu bringen...

Muricy Ramalho, der Trainer von Palmeiras, betonte in letzter Zeit immer wieder seinen Wunsch nach einem kreativen Mittelfeldakteur. Gleichzeitig ist er hinreichend dafür bekannt, dass er von seinen Offensivspielern auch mal eine konsequente Manndeckung fordert. Sind Sie darauf vorbereitet?
Darüber habe ich mit Muricy noch nicht gesprochen. Ich weiß aber, dass er die von ihm betreuten Teams gern möglichst breit in Defensivaufgaben einbezieht und der gesamten Mannschaft stets alles abverlangt. Er wiederum weiß, dass ich ein Spieler bin, der seinen Vorderleuten die Bälle zuspielen kann. Genau das wird auch meine Aufgabe bei Palmeiras sein. Da ich so viele Jahre in Europa aktiv war, bin ich natürlich an die dort herrschende taktische Disziplin und somit an eine mannschaftsdienliche Spielweise gewohnt. Diese Forderung hat mich in Europa auf Schritt und Tritt begleitet. Ich bin also gerüstet, sobald man von mir verlangt, diese Rolle auch hier zu übernehmen.

Die Fans rechnen derzeit damit, Sie künftig im Mittelfeld an der Seite von Cleiton Xavier und Diego Souza spielen zu sehen. Beide sind recht unterschiedliche Spielertypen. Was glauben Sie, wie Sie mit den beiden zurechtkommen? Wie stellen Sie sich das Zusammenspiel mit ihnen vor?
Talenten gegenüber bin ich stets aufgeschlossen. Ich bin nicht für die Mannschaftsaufstellung zuständig, das obliegt dem Trainer. Und Muricy besitzt in dieser Hinsicht eine Menge Erfahrung. Dennoch habe ich bei meiner Ankunft hier deutlich gemacht, dass ich mit der Absicht gekommen bin, als ständiger Stammspieler in die Mannschaft integriert zu werden. Ich meine, dass unser Team alle Voraussetzungen besitzt, um aus Diego Souza, Cleiton Xavier und mir ein gut funktionierendes Mittelfeld-Trio zu formen. Mittlerweile sind viele Klubs erfolgreich dazu übergegangen, eine solche taktische Variante zu praktizieren.

Wie würden Sie Ihre konkrete Verfassung bezeichnen, in der Sie nach Brasilien zurückkehren?
Ich bin reifer geworden und kehre mit viel wertvoller Erfahrung zurück, die ich in den großen Ligen Europas gesammelt habe. Das empfinde ich als Glück, zumal ich auf Erfolge zurückblicken kann, die mich mit Stolz erfüllen. Trotzdem habe ich heute immer noch die gleichen Träume wie etwa ein junger Fussballer, der gerade den Sprung in die Profi-Mannschaft seines Vereins geschafft hat.

Bei Palmeiras ist nach der herben Enttäuschung, die das Team im vergangenen Jahr im Campeonato Brasileirão verkraften musste, die Sehnsucht nach einem Titel verständlicherweise groß. Anderseits ist die Tatsache, dass man bei einem Klub spielt, dessen Fans mit denen von Galatasaray vergleichbar sind, alles andere als ein leichtes Unterfangen. Wird es für Sie eventuell dadurch leichter, dass sie direkt von Istanbul in die Heimat gewechselt sind?
Ich habe immer in bedeutenden Klubs gespielt, die alle eine riesige Fangemeinde hinter sich haben. Das begann mit Atlético Mineiro, das auf die besten Fans von Brasilien zählen kann. Gleiches gilt für den 1. FC Kaiserslautern, Schalke 04 und Galatasaray Istanbul, wobei der türkische Traditionsklub in meinen Augen die weltweit beste Fangemeinde hinter sich hat. Daher ist diese Art Erwartungsdruck für mich auch keine Belastung. Ich bin bereit, mit der Mannschaft um die Titel zu kämpfen, die sich die Zuschauer so sehr herbeisehnen. Übrigens befand ich mich in der Türkei schon einmal in einer solchen Situation, und zum Glück haben wir gleich zwei Trophäen geholt (den türkischen Meistertitel und den türkischen Super-Cup).

Wie empfanden Sie Ihren langjährigen Aufenthalt im Ausland? Immerhin sind Sie als gerade einmal 22-Jähriger außer Landes gegangen. Was haben Sie in Europa am meisten aus ihrer brasilianischen Heimat vermisst, und was wird Ihnen nach Ihrer Rückkehr am meisten von Europa fehlen?
Europa war eine gute Erfahrung, die mir sehr geholfen hat. Da ich schon als junger Mann aus Brasilien wegging, fiel mir die Anpassung an eine andere Spielkultur nicht so schwer. Auch in kultureller Hinsicht habe ich vieles dazugelernt, denn ich habe ja in Ländern gelebt, die über eine reiche Kulturgeschichte verfügen. Das gilt für Deutschland ebenso wie für die Türkei. Von diesen Erfahrungen kann ich bis an mein Lebensende zehren. Was ich indes in Europa immer vermisst habe, war die Lebensart des brasilianischen Volkes. Umgekehrt glaube ich, dass mir an Europa zumindest im Alltag das eine oder andere fehlen wird. Aber das ist nichts, was mich wehmütig machen könnte.

Trotz der Bedeutung, die ein Klub wie Schalke 04 auch im internationalen Fussball besitzt, sind Sie bislang nicht in die Seleção berufen worden. Lag es an der übermächtigen Konkurrenz? Ist man schon mal an Sie herangetreten, um Sie für die deutsche Nationalmannschaft zu gewinnen?
In Brasilien ist die Konkurrenz immer groß. Dennoch glaube ich nicht, dass dies der Grund meiner Nichtnominierung für die Seleção war, zumal mich Dunga im Vorfeld der Copa América 2007 in der Vorauswahl berücksichtigte und auch sonst mehrmals mit mir Kontakt Kontakt aufnahm. Ich respektiere die Ansicht der Trainer. Andererseits kann ich immer noch nicht ganz nachvollziehen, dass ich zwar in die Vorauswahl kam, letztlich aber doch nicht berufen wurde. Und das, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt beim Bundesligisten Schalke 04 als bester Spieler galt, während einige an meiner Stelle nominierten Spieler bei ihren Klubs nur zweite Wahl waren. Was die Sache mit der deutschen Nationalmannschaft anbelangt, so wurde dieser Wunsch immer wieder mal an mich heran getragen. Doch ich habe stets klar gestellt, dass ich für Brasilien spielen wolle.