In der diesjährigen brasilianischen Meisterschaft steht bereits der 34. Spieltag auf dem Programm, doch bisher war keine Mannschaft in der Lage, sich entscheidend abzusetzen. Die Fangemeinden von mindestens fünf Klubs machen sich nach wie vor berechtigte Hoffnungen auf den begehrtesten Pokal des Landes. Es hat den Anschein, als ob sich die Ausgeglichenheit und die Vielzahl der Titelkandidaten zu einem charakteristischen Wesenszug der höchsten brasilianischen Spielklasse entwickelt, die in diesem Ligasystem mit Hin- und Rückrunde erst seit 2003 Bestand hat.

"Wir haben tatsächlich noch nicht den Usain Bolt dieses Rennens ermittelt", scherzte etwa Ricardo Gomes, Trainer des Titelverteidigers und Meisters der vergangenen drei Jahre FC São Paulo, der auch in dieser Spielzeit um den Titel mitspielt. "Der FC São Paulo hatte als erstes das Rezept gefunden, wie ein solches Ligasystem erfolgreich anzugehen ist, und die drei Meisterschaften in Folge demonstrieren das. Doch inzwischen haben alle Mannschaften gelernt, sich richtig auf die Saison vorzubereiten, und deshalb ist die Liga so hart umkämpft", so die Einschätzung von Gomes, dessen Mannschaft den 34. Spieltag mit einem 1:1-Unentschieden bei Gremio Porto Alegre einleitete. Der FC São Paulo eroberte damit vorübergehend mit 59 Punkten die Tabellenspitze, doch hinter ihnen lauern SE Palmeiras mit 58 Punkten, Atlético Mineiro mit 56, Flamengo mit 54 und Internacional Porto Alegre mit 52, die allesamt an diesem Wochenende noch spielen.

Ein solch enges Rennen um den ersten Platz ist in der brasilianischen Meisterschaft eine neue Entwicklung. Es deutete sich zwar im vergangenen Jahr bereits an, als etwa um dieselbe Zeit die fünf Mannschaften São Paulo, Grêmio, Cruzeiro Belo Horizonte, Palmeiras sowie Flamengo noch Chancen auf den Titel hatten, doch in der Anfangszeit des Ligasystems sah dies ganz anders aus. Entweder entwickelte sich früh ein Zweikampf zwischen zwei den anderen Teams enteilenden Rivalen, wie zum Beispiel 2004 zwischen dem FC Santos und Atletico Paranaense oder 2005 zwischen Corinthians São Paulo und Internacional Porto Alegre, oder es schälte sich jeweils der besagte Usain Bolt heraus, der die Meisterschaft mit großem Vorsprung für sich entscheiden konnte, so etwa Cruzeiro im Jahr 2003 mit 13 Punkten Vorsprung oder der FC São Paulo 2006 und 2007 mit neun beziehungsweise 15 Punkten.

"FC Leiden"
Doch die Zeiten, in denen das Ziel bereits einige Spieltage vor Ende der Saison erreicht werden konnte, gehören endgültig der Vergangenheit an. Dies zumindest ist die Ansicht eines Mannes, der sich mit der brasilianischen Meisterschaft im Ligasystem bestens auskennt: Muricy Ramalho. Der Trainer zeichnete sich für die drei nationalen Titel des FC São Paulo zwischen 2006 und 2008 verantwortlich, bevor er am 15. Spieltag dieses Jahres die Mannschaft von SE Palmeiras übernahm und nach einem Sieg gegen Fluminense auf Anhieb die Tabellenführung eroberte. Seitdem hat Palmeiras den Platz an der Sonne an den folgenden 19 Spieltagen zwar verteidigen können, kann sich aber dennoch nicht als Favorit fühlen. "Wer Meister werden will, wird viel leiden müssen. Als wir fünf Punkte Vorsprung hatten und uns alle bereits zum Titelfavoriten kürten, sagte ich weiterhin, dass sich alles erst am Ende entscheiden wird", erklärte Muricy. "Der Kampf wird sehr hart sein, dass war mir von Anfang an klar."

Es gibt zahllose Möglichkeiten: Seit Beginn des Turniers belegten bereits 15 Mannschaften einen Platz unter den ersten Vier, die zur Teilnahme an der Copa Libertadores 2010 berechtigen. Und insgesamt zwölf Klubs, darunter auch der FC São Paulo und Flamengo, befanden sich im Verlauf der Saison mindestens einmal in der Abstiegszone unter den letzten Vier. "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die brasilianische Meisterschaft die am härtesten umkämpfte Liga der Welt ist. In Italien oder England weiß man, dass der Spitzenreiter sich gegen den Tabellenletzten durchsetzen wird. In Brasilien hingegen kann man das nicht sagen", meinte auch Brasiliens Nationaltrainer Dunga. Tatsächlich gab es im Verlauf der Rückrunde in den bisher acht Begegnungen, in denen die Klubs auf den internationalen Plätzen auf Mannschaften aus der Abstiegszone trafen, für erstere nicht einen einzigen Sieg, sondern sechs Niederlagen und zwei Unentschieden.

Bei soviel Ausgeglichenheit steigt auch das Interesse der Fans am Schicksal ihrer Lieblingsteams. "Zum jetzigen Zeitpunkt spielen noch mindestens fünf Mannschaften um den Titel mit, drei oder vier weitere haben noch Chancen auf einen der ersten vier Plätze, und mindestens sechs kämpfen noch gegen den Abstieg", zählte der Präsident des brasilianischen Fussballverbands (CBF) Ricardo Terra Teixeira auf. Das Ergebnis ist, dass der Zuschauerdurchschnitt bis zum 33. Spieltag mit 17.573 Personen pro Partie so hoch ist wie noch nie seit Einführung des Ligasystems. "Es ist ein Turnier auf höchstem Niveau, das großes Interesse weckt. Dies beweist, dass wir richtig damit lagen, diesen Spielmodus beizubehalten", erklärte Teixeira.

Fünf Spieltage vor Saisonschluss steht somit allen Titelfavoriten eine Serie von fünf Endspielen bevor. So lautet das Restprogramm aller Beteiligten:

São Paulo (59 Punkte)
04.11 - Grêmio - São Paulo 1:1
14.11 - Vitória (Heim)
22.11 - Botafogo (Auswärts)
29.11 - Goiás (A)
06.12 - Sport (H)

Palmeiras (58)
08.11 - Fluminense (A)
11.11 - Sport (H)
22.11 - Grêmio (A)
29.11 - Atlético Mineiro (H)
06.12 - Botafogo (A)

Atlético Mineiro (56)
08.11 - Flamengo (H)
14.11 - Coritiba (A)
22.11 - Internacional (H)
29.11 - Palmeiras (A)
06.12 - Corinthians (H)

Flamengo (54)
08.11 - Atlético Mineiro (A)
15.11 - Náutico (A)
22.11 - Goiás (H)
29.11 - Corinthians (A)
06.12 - Grêmio (H)

Internacional (52)
08.11 - Barueri (A)
15.11 - Santos (H)
22.11 - Atlético Mineiro (A)
29.11 - Sport (A)
06.12 - Santo André (H)