Als Spieler wurde Jupp Heynckes Welt- und Europameister, feierte dreimal die deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokalsieg und den Erfolg im UEFA Cup. Der heute 64-Jährige ist somit einer der erfolgreichsten deutschen Fussballer aller Zeiten, und auch als Trainer setzte Heynckes seine positive Laufbahn fort.
Vor genau 30 Jahren gab er an der Seitenlinie von Borussia Mönchengladbach sein Debüt. Es folgten Engagements bei Bayern München, in Spanien und Portugal, bevor er nach Deutschland zurückkehrte. Den Höhepunkt seiner Karriere als Coach feierte er 1998, als er mit den Königlichen von Real Madrid die UEFA Champions League gewann.
Nach einer längeren Pause holten ihn die Bayern zum Ende der vergangenen Saison zurück auf die Trainerbank. In den letzten Partien der Spielzeit 2008/09 führte der erfahrene Coach den deutschen Rekordmeister zur Vize-Meisterschaft und somit zur direkten Champions League-Qualifikation.
Bayer Leverkusen beobachtete das Treiben an der Isar anscheinend ganz genau, denn Sportdirektor Rudi Völler präsentierte Anfang Juni mit Jupp Heynckes den neuen Cheftrainer des Werksklubs. Und der Weltmeister von 1990 sollte seine Bemühungen nicht bereuen.
Mit Heynckes kehrte der Erfolg an den Rhein zurück. Nach sechs Spieltagen ist Leverkusen noch ungeschlagen und führt punktgleich mit dem Hamburger SV die Bundesliga-Tabelle an. Einzig im DFB-Pokal erlitt die junge Mannschaft einen Rückschlag, als man bei Zweitligist 1. FC Kaiserslautern in der zweiten Runde ausschied.
FIFA.com sprach exklusiv mit dem erfahrenen Trainer über seine Erfahrungen an der Seitenlinie, Bayer Leverkusen sowie die FIFA WM 2010.
Herr Heynckes, Sie feiern in dieser Saison Ihr 30-jähriges Jubiläum als Trainer. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre erste Partie an der Seitenlinie?
Mein erstes Spiel als Trainer von Borussia Mönchengladbach war gegen Schalke 04. Viel mehr weiß ich aber davon nicht mehr. Ich war damals 34 Jahre alt und war zuvor ein Jahr Assistent von Udo Lattek. In Gladbach wollte man einen Schnitt machen. Der damalige Manager Helmut Grashoff fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, den Posten zu übernehmen, und ich sagte 'Ja'. In der ersten Saison wurden wir trotz vieler Abgänge Siebter und erreichten das Finale des UEFA-Pokals.
Mit der Borussia, im Anschluss bei Bayern München und in Spanien folgten sehr erfolgreiche Jahre. War der Champions League-Sieg mit Real Madrid der Höhepunkt Ihrer Trainer-Karriere?
Das stimmt, in Gladbach hatte ich sehr erfolgreiche acht Jahre. Zwischen 1983 und 1987 wurden wir zweimal Dritter und zweimal Vierter. Das Team spielte damals auf einem sehr hohen Niveau. Eigentlich hatte ich fast überall Erfolg, wo ich tätig war. Auch bei Athletic Bilbao und CD Teneriffa, wo ich keinen Titel gewonnen habe. Die Zeit mit Bayern München und Real Madrid sticht natürlich aufgrund der Erfolge heraus. Der Champions League-Sieg für Real nach 32 Jahren ohne Titel im europäischen Landesmeister-Wettbewerb und der Empfang von zwei Millionen Menschen in der Stadt ist etwas, das man nie vergisst.
Es gab jedoch auch schwierige Zeiten als Coach. Wie bewerten Sie die Stationen in Frankfurt, Schalke und Gladbach, wo Sie frühzeitig scheiterten?
Ich habe eigentlich sehr gute Erinnerungen an Frankfurt. Aber damals ging es im Verein leider bergab, und ich konnte diesen Trend nicht mehr stoppen. Auf Schalke fehlten damals viele Spieler aus Verletzungsgründen, doch trotzdem haben wir gute Arbeit geleistet und die Qualifikation zum UEFA-Pokal erreicht. In Gladbach war es etwas anderes, da habe ich keine wettbewerbsfähige Mannschaft vorgefunden. Die Borussia ist jedoch immer noch mein Klub, und ich pflege sehr gute Kontakte dorthin.
Sie haben als Coach schon viel erlebt. Welche Unterschiede zu früheren Zeiten stellen Sie im Trainergeschäft fest?
Als Trainer muss man mit den Veränderungen des Geschäfts zurecht kommen. Das beginnt bereits bei der heutigen Medienpräsenz. Der Fussball ist insgesamt viel athletischer und schneller geworden, die Stadien hochmodern. Für junge Trainer war es in den 70er und 80er Jahren sicherlich einfacher, da man sich ausschließlich auf die Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren konnte. Ich habe damals sogar noch nebenbei als Scout gearbeitet.
Mit Bayer Leverkusen feierten Sie einen tollen Saisonstart und liegen mit dem Hamburger SV an der Tabellenspitze. Wie erklären Sie sich den jüngsten Erfolg?
Wir hatten eine sehr gute Vorbereitung, deswegen ist der Saisonstart kein Zufallsprodukt. Im DFB-Pokal haben wir uns noch schwer getan, aber in der Bundesliga haben wir bislang gute Leistungen gezeigt. Es ist sehr erfreulich, wie die Spieler meine Vorgaben umsetzen. Die Stimmung innerhalb der Truppe ist sehr gut. Trotzdem gibt es immer Dinge, die man verbessern muss. Wir müssen noch verstärkter als Kollektiv auftreten und sowohl im Defensiv- als auch im Offensivverhalten Dinge ändern. Der erfolgreiche Start in die neue Spielzeit ist ein Produkt aus akribischer und intensiver Arbeit sowie dem Glauben der Spieler an das Konzept.
In Renato Augusto, Eren Derdiyok oder Toni Kroos verfügen Sie über sehr junge und talentierte Spieler in Ihrem Kader. Wie schätzen Sie das Potenzial Ihres Teams ein?
Diese und auch andere Spieler wie Daniel Schwaab oder Stefan Reinartz können noch viel mehr. Für mich ist Ihre Entwicklung keine Überraschung. Man muss diesen Jungs das Vertrauen schenken, das ist ganz wichtig. Wenn man dann die Schwächen unter vier Augen mit ihnen durchspricht, gehen Sie für Dich durchs Feuer. Meine Aufgabe ist es, sie zu leiten. Diese jungen Akteure müssen lernen, erwachsen zu werden.
Mit Stefan Kießling verfügen Sie auch über den Top-Torjäger der Bundesliga. Trotzdem hat er den endgültigen Sprung in die deutsche Nationalmannschaft noch nicht geschafft. Wie bewerten Sie seine Form?
Ich sehe seine Leistung und die Entwicklung, die er durchgemacht hat. Ich werde ihn jedoch nicht in die DFB-Elf reden. Das regelt sich von selbst. Ich habe damals zwei Jahre warten müssen, bis ich zur Nationalmannschaft eingeladen wurde. Stefan hat sich bislang toll präsentiert, ist viel ruhiger und effektiver geworden. Er entwickelt derzeit immer mehr Ehrgeiz, und wenn er weiterhin seine Leistung bringt, wird er seinen Weg gehen. Ich denke, dass es die richtige Entscheidung von Joachim Löw war, zu den etablierten Stürmern zu halten.
Was trauen Sie dem Nationaltrainer und seiner Mannschaft denn im Falle der Qualifikation für die FIFA WM 2010 in Südafrika zu?
Zuerst einmal ist es fantastisch, dass die U-21 die EM gewonnen hat. Ich denke, wir werden den einen oder anderen Spieler bald regelmäßig in der A-Nationalmannschaft sehen. Die WM in Südafrika wird schwieriger als die in Deutschland, ganz einfach weil der Mannschaft dort der nicht zu unterschätzende Heimvorteil fehlen wird. Der DFB war jedoch immer ein guter Organisator vor großen Turnieren und wird die besten Voraussetzungen für die Mannschaft schaffen. Außerdem leistet der Nationaltrainer eine tolle Arbeit.
Sie als Kenner des weltweiten Fussballs: Welcher Klub verfügt derzeit über die beste Mannschaft?
Der FC Barcelona vor drei Jahren mit Ronaldinho, Deco und Samuel Eto'o war schon ein klasse Team, doch der FC Barcelona der vergangenen Saison kam der Perfektion sehr nahe. Die Mannschaft zeigte wunderbaren, teilweise außergewöhnlichen Fussball. Das war schon sehr beeindruckend. Das ist zu großen Teilen der Verdienst von Trainer Pep Guardiola. Im Champions League-Finale wirkte Manchester United fast aussichtlos unterlegen.
Und wenn wir gerade über das beste Team sprechen, wer ist in Ihren Augen der beste Spieler der Welt?
Auf den besten Mittelfeldspieler der Welt kann ich mich problemlos festlegen. Das ist Andres Iniesta. All seine Aktionen sind durchdacht, und er strahlt immer Ruhe aus. Außerdem ist er blitzschnell und seine Ballbehandlung ist einfach nur klasse.
