Es war sein Spiel. Und seine Kulisse. Ganz alleine stand Christoph Metzelder vor der imposanten Südtribüne des wohl emotionalsten Stadions der Nation und wurde minutenlang gefeiert. Zum 100-jährigen Jubiläum seines Ex-Klubs Borussia Dortmund reiste der deutsche Innenverteidiger mit Real Madrid in seine Heimat. Vergangene Woche gewann Spaniens Rekordmeister mit 5:0, und Metzelder feierte auf ganz besondere Weise seinen nachträglichen Abschied.
Dieser war ihm im Sommer 2007 verletzungsbedingt verwehrt geblieben. Umso mehr Gänsehautfeeling jetzt bei Metzelder: Der 28-Jährige ist beliebt.
47 Mal lief er bereits als Abwehrchef der deutschen Nationalmannschaft auf. Bei den letzten zwei WM-Endrunden verkörperte er die typisch deutschen Kämpfertugenden. Außerhalb des Platzes ist er dagegen ruhig, nachdenklich und elegant. Metzelder hat eine eigene Stiftung für Kinder und Jugendliche, entspannt gerne im Museum und im Theater, betrachtet die Welt des Fussballs auch gerne mal aus einer anderen Perspektive.
Sein letztes Länderspiel war das Finale der UEFA EURO 2008 in Wien. Seit der 0:1-Niederlage gegen Spanien sind sich Bundestrainer Joachim Löw und Metzelder einig, dass eine Nominierung erst wieder in Frage kommt, wenn der deutsche Sympathieträger bei Real zu mehr Einsätzen kommt. Genau das könnte rechtzeitig zur FIFA WM 2010 in Südafrika der Fall sein. Der Leitwolf brennt darauf, zurückzukehren. Für ein Exklusiv-Interview mit FIFA.com nahm er sich gerne Zeit.
Herr Metzelder, aus den spanischen Medien ist zu hören, dass Sie nun deutlich mehr Wertschätzung bei Ihrem Klub genießen. Man nannte Sie gar einen "Gentleman-Fussballer". Sind Sie nun bei Real Madrid endlich angekommen?
In erster Linie bin ich ja Sportler, und als ein solcher definiert man sich über die eigene Stärke auf dem Platz. Das letzte Jahr war schwierig für mich, auch weil ich mit großer Konkurrenz konfrontiert war. Am Ende des Tages kommt es aber auch darauf an, welche Selbsteinschätzung man von sich hat und ob man mit dem, was man geleistet hat, zufrieden ist. Ich habe nun in diesem Sommer eine überraschend gute Vorbereitung erwischt, und zudem kommt mir die Einstellung des neuen Trainers entgegen.
Als Gentleman und als ein Fussballer, der auch mal über den Tellerrand hinausblickt, gelten Sie ja auch in Ihrer Heimat Deutschland schon seit jeher. Schmeichelt Ihnen dieses Image?
Ich muss dazu sagen, dass das ja ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Ich mache mir darüber eigentlich keine Gedanken, denn - wie schon gesagt - ich bin zuerst ein Sportler. Das ist es, woran ich mich auch selbst messe. Aber natürlich ist es schön, zu hören, dass man erkannt hat, dass ich mich auch gerne mit anderen Dingen beschäftige und dass ich vielleicht ein etwas anderer Fussballer bin.
Was ist schwieriger im heutigen Profi-Fussball: In jedem Spiel seine 100-prozentige Leistung abzurufen, oder sich und seinen Verein auch in der Öffentlichkeit stets vorbildlich zu präsentieren?
Wissen Sie, das eine schließt das andere ja nicht aus. Meine Hauptverpflichtung ist es, sportliche Leistung abzurufen und vor jedem Spiel so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Darüber hinaus sollte einem aber auch bewusst sein, dass der Fussball im öffentlichen Interesse steht. Viele Kinder und Jugendliche nehmen uns Spieler als Vorbild. Das ist eine Verpflichtung, die man als Fussball-Profi auf keinen Fall vergessen darf.
Sie gelten als moderner Innenverteidiger, einer der komplexesten Positionen im heutigen Fussball. Wie intelligent muss man sein, um die Rolle eines Weltklasse-Abwehrspielers auszufüllen?
Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden zwischen Intelligenz und Spielintelligenz. Klar hat sich das Spiel durch die Rückpassregel und durch das Auflösen des Liberos, an dem man vor allem in Deutschland noch lange festhielt, und dem damit verbundenen Spiel einer Abwehrkette auf einer Linie vor allem für Verteidiger deutlich verändert. Heute ist man auf dieser Position auch immer ein Aufbauspieler, das Anforderungsprofil ist deutlich gestiegen. Als Verteidiger ist man heutzutage auch ein Stratege, während die Offensivspieler eher die Künstler sind.
Erzählen Sie uns: Wie ist das tägliche Leben an der Seite von Stars wie Kaká und Cristiano Ronaldo?
[lacht] Ach, viele Dinge kommen doch von außen. In der Kabine ist man unter Kollegen, da entzaubert sich vieles. Ich empfinde sie als ganz normale Mannschaftskameraden. Sie sind herausragende Spieler, und außerhalb des Platzes sind sie ganz einfach verschiedene Persönlichkeiten - der eine eher ruhiger, der andere nicht.
Können Sie uns in ein paar Sätzen aus Ihrer Sicht den Mythos Real Madrid erklären...?
Hier bei Real ist es diese Mischung, die es ausmacht. Diese großartige Tradition gepaart mit dem Streben nach Fortführen der Titel und Erfolge. Wenn man bedenkt, dass in Spanien der König kommt, und dann Real Madrid - das sagt doch alles!
Sie haben den Druck ausgehalten, bei zwei WM-Endrunden als Abwehrchef von Deutschland ihren Mann zu stehen. Nun sind sie einem anderen Druck ausgesetzt, dem täglichen Beweisen im Star-Ensemble von Real. Ist das eine andere Dimension?
Es ist eine tolle Erfahrung! Stellen Sie sich doch einfach unser Training vor. Hier im Mannschaftstraining werde ich Tag für Tag auf einem Niveau herausgefordert, das man bei anderen Klubs Wochenende für Wochenende in der Meisterschaft erlebt.
Tut es unter dieser Voraussetzung nicht besonders weh, die deutsche Nationalmannschaft im Moment nur vor dem TV-Gerät verfolgen zu dürfen?
Ich sehe es so, dass ich mich derzeit nur über Real Madrid empfehlen kann. Am Ende jeden Tages muss ich als Sportler zufrieden mit mir sein, meinen großen Teil dazu beigetragen zu haben, wieder nominiert zu werden. Ich denke, das tue ich im Moment.
Deutschland gilt weltweit noch immer als die Mannschaft, die bedingungslos für Attribute wie Kampfeswillen und mentale Stärke steht. Sie standen bei den letzten beiden WM-Endrunden wie ein Symbol für genau diese Werte. Wie schwierig ist es, immer wieder diesen Qualitäten gerecht zu werden?
Ich glaube, dass genau das die große Herausforderung ist im Fussball. Das Talent bekommt man in die Wiege gelegt. Aber dieses Talent am Ende auch umzusetzen, darum geht es. Das ist unsere tägliche Aufgabe. Es ist eine Frage des Geistes und der Konzentration, sich immer wieder selbst zu beweisen.
Kann Deutschland nach dem dritten Platz bei der FIFA WM 2006 und dem zweiten Platz bei der UEFA EURO 2008 in Südafrika nächstes Jahr Weltmeister werden?
Wir müssen uns über eines bewusst werden: Die sportlichen Qualitäten haben wir dafür nicht! Da sind sechs bis sieben andere Teams auf der Welt fussballerisch ganz einfach besser. Wir müssen andere Qualitäten in die Waagschale werfen, und ich denke sogar, dass das eigentlich umso höher einzuschätzen ist. Wenn wir das wieder schaffen, werden wir gefährlich sein. Unsere nächste deutsche Fussball-Generation wird vielleicht im Fussballerischen qualitativ besser sein. Das sieht man ja auch, wenn man die jüngsten EM-Erfolge von U-17, U-19 und U-21 betrachtet. Da hat man vor einigen Jahren einen entscheidenden Schritt in der Ausbildung gemacht und die Weichen gestellt.
Würde die Fussball-Welt bei der FIFA WM 2010 wieder einen Christoph Metzelder mit Vollbart sehen?
[lacht] Na klar! Ich werde diese Tradition auf jeden Fall fortführen! Eigentlich kommt das ja aus dem Eishockey, da trägt man - wenn's am Ende der Saison spannend wird - den Playoff-Bart. Bei der WM 2006 habe ich mit meinem kleinen Bruder gesprochen, und dann habe ich das während der Vorrunde des Turniers in Deutschland angefangen. Ich finde, das ist eine gute Aktion. Und ich mach das auch nächstes Jahr wieder, wenn ich dabei bin. Mir ist egal, ob die anderen das gut oder blöd finden.
Werden wir Sie nochmal in der deutschen Bundesliga wiedersehen?
Die Wege des Fussballs sind unergründlich. Ich finde, dass sich der Wettbewerb in der Bundesliga so groß entwickelt wie in keiner anderen Liga. Aber im Moment zählt für mich natürlich nur Real, ich fühle mich hier wohl und ich denke nicht an andere Vereine.
