Nur wenige Trainer können einen solch bemerkenswerten Lebenslauf wie Luiz Felipe Scolari vorweisen. Auf Klubebene gelang ihm der Gewinn der brasilianischen Meisterschaft, die Copa Libertadores konnte er gar mit zwei verschiedenen Mannschaften erobern. Auf internationaler Ebene zeichnete er für den Weltmeistertitel Brasiliens beim FIFA Weltpokal Korea/Japan 2002™ verantwortlich und führte die Nationalauswahl Portugals ins Finale der UEFA EURO 2004.

Scolari sorgte im Juli indes für eine Überraschung, als er einen Klub namens Bunyodkor Tashkent übernahm. Unter dem 60-Jährigen startete der usbekische Titelverteidiger eine beeindruckende Serie und zieht an der Spitze der Tabelle einsam seine Kreise. Doch die wahre Herausforderung, die Felipão in diesem Engagement sieht, ist eine andere: er möchte den Hauptstadtklub zum Gewinn der AFC Champions League und zur nächsten FIFA Klub-Weltmeisterschaft im kommenden Dezember führen.

Ich träume davon, dann nach Brasilien zurückzukehren, wo ich meine Karriere beenden möchte - erst danach werde ich mich zur Ruhe setzen.
Luiz Felipe Scolari, brasilianischer Star-Trainer

Im Vorfeld der Viertelfinalpartie seiner Schützlinge nächsten Monat gegen die Pohang Steelers aus der Republik Korea sprach FIFA.com mit Scolari über seine Arbeit bei Bunyodkor, die Unterschiede zwischen europäischem, asiatischem und südamerikanischem Fussball sowie seine Pläne für die Zukunft.

Felipão, nachdem Sie solch namhafte Mannschaften wie Brasilien, Portugal und den FC Chelsea trainiert hatten: Warum entschieden Sie sich, ausgerechnet nach Usbekistan zu gehen?
Rivaldo schlug mir das vor. Er war damals bereits seit fast einem Jahr hier. Ich hatte bereits von der Struktur des Klubs erfahren und war von den Zielen und dem Ehrgeiz der Verantwortlichen bei Bunyodkor fasziniert - ein Projekt dieser Größenordnung ist ein Traum!

Wie denken Sie über die usbekische Liga?
Ehrlich gesagt wusste ich nicht sehr viel darüber, bevor Rivaldo dort hinging. Doch nun kann ich Ihnen eine ganze Menge erzählen. Es ist offensichtlich, dass Bunyodkor und Pakhtakor sehr viel stärker als die restlichen Mannschaften des Landes sind, und unter diesen beiden Mannschaften wird auch der Titel ausgefochten. Wenn eines Tages drei oder vier Teams mit diesen zwei Topklubs mithalten und sie herausfordern können, wird sich der usbekische Fussball sehr schnell weiterentwickeln. Usbekistan verfügt über viele junge Talente, und die Nachwuchsauswahl des Landes hat sich für die diesjährige U-20-Weltmeisterschaft in Ägypten qualifiziert. Ich denke, dass das A-Nationalteam in vier oder fünf Jahren ebenfalls für Aufsehen sorgen wird. In der Zwischenzeit sollte Usbekistan möglichst viele Testspiele gegen europäische und südamerikanische Mannschaften absolvieren.

Welche Bedeutung hat der Fussball in Usbekistan?
Ich bin erst seit kurzer Zeit in diesem freundlichen Land, doch ich habe bereits erfahren, dass der Fussball den Menschen hier viel bedeutet. Ich denke, dass Usbekistan eine große Zukunft vor sich hat. Wie gesagt, die U-20-Nationalmannschaft ist bei der Weltmeisterschaft dabei - das spricht Bände. Usbekische Spieler werden in naher Zukunft für Schlagzeilen sorgen.

Bunyodkor sorgte bereits kürzlich international für Schlagzeilen, als es hieß, dass der Klub kurz vor der Verpflichtung von Samuel Eto'o stehe. Obwohl dieser beabsichtigte Transfer nicht zustande kam: Sehen Sie die Möglichkeit, dass andere große Stars in naher Zukunft nach Usbekistan wechseln?
Über das Geschäft mit Eto'o kann ich Ihnen nichts sagen, aber ich würde in naher Zukunft gerne einige große Stars zu Bunyodkor holen. Wir sehen uns bereits um. Wir werden sehen.

Wie unterscheiden sich der südamerikanische, der europäische und der asiatische Fussball?
In Europa wird der Taktik größere Aufmerksamkeit geschenkt. In Südamerika gibt es mehr Improvisation. Der asiatische Fussball hat zwar noch nicht das gleiche Niveau erreicht, doch der Fussball hier ist zur Hälfte Taktik und zur Hälfte individuelle Technik. Er ähnelt mehr dem südamerikanischen als dem europäischen Stil.

Wie hat sich der Fussball in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Im modernen Fussball spielt das Geschäft eine viel größere Rolle. Alles dreht sich darum, Geld zu verdienen. Die Fussballer wechseln ständig die Klubs. Früher hatten die Spieler Angst davor, als Söldner abgestempelt zu werden. Doch es gab auch einige erfreuliche Verbesserungen in den Bereichen Wissenschaft, Technologie und im Marketing. Diese Bereiche sind heute fest zugehörige Bestandteile des Spiels. Und das Coaching wurde ebenfalls maßgeblich weiterentwickelt. Heute sind die Mannschaften viel abhängiger von ihrem Trainer.

Planen Sie in naher Zukunft eine Rückkehr nach Europa?
Ich haben einen Vertrag über anderthalb Jahre mit Bunyodkor. Vielleicht danach. Eventuell verlängere ich meinen Aufenthalt hier, vielleicht aber auch nicht. Doch ich träume davon, dann nach Brasilien zurückzukehren, wo ich meine Karriere beenden möchte - erst danach werde ich mich zur Ruhe setzen. Doch wenn einer meiner Söhne den Wunsch hat, an einer europäischen Universität zu studieren, dann müsste ich in Europa arbeiten.

Ist es für Sie eine Option, als Trainer bei der nächsten FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ dabei zu sein?
Daran zweifele ich. Die Weltmeisterschaft in Südafrika spielt in meinen Plänen keine Rolle.

Welche sind für Sie momentan die besten Mannschaften auf internationaler und auf Klubebene?
Für einen Brasilianer ist diese Frage leicht zu beantworten - ich denke immer, dass Brasilien die beste Nationalmannschaft hat. Auf Klubebene denke ich, dass der FC Barcelona über das beste Team verfügt. Sie spielen einen so schönen Fussball.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?
Ich strebe immer danach, dass Bestmögliche zu erreichen. Also möchte ich mit Bunyodkor alle Wettbewerbe gewinnen, an denen wir teilnehmen, vor allem die asiatische Champions League.