"Eine erfolgreiche Mannschaft verändert man nicht", lautet eine alte Fussballregel. Dieser Grundsatz scheint seit einigen Spielzeiten auch bei Olympique Marseille zu fruchten, denn - obgleich in den letzten 17 Jahren kein bedeutender Titel mehr hinzu kam - war es vor allem die Beständigkeit des Klubs aus der südfranzösischen Hafenstadt, die ihm sowohl einen Platz an der Tabellenspitze in Frankreichs Ligue 1 als auch eine aktive Rolle im Konzert der besten europäischen Vereinsmannschaften bescherten.

Seit dem Ende der vergangenen Saison jedoch befindet sich Olympique in einer Phase des radikalen Neuaufbaus. Schuld daran sind einige unglückliche Umstände oder Ereignisse. Kurioserweise haben diese Veränderungen aber nicht zu einer Destabilisierung der Mannschaft geführt. Im Gegenteil: Wenige Stunden vor Beginn der neuen Saison gilt Olympique Marseille sogar als Favorit auf den nächsten Meistertitel!

Die Südfranzosen sind es in ihrer langen Vereinsgeschichte gewohnt, mit Turbulenzen und Tiefschlägen fertig zu werden. Dennoch wären sie sicher froh gewesen, wenn ihnen der vorerst letzte Schlag dieser Art erspart geblieben wäre. Die Rede ist von der Nachricht vom Tode von Robert Louis-Dreyfus, der dem Klub seit dem Jahr 1996 als Eigentümer vorstand.

Dieser schmerzliche Verlust war der traurige Höhepunkt einer Kette von unglücklichen Umständen und Ereignissen, die mit der Ankündigung des bei den Fans nahezu vergötterten Trainers Eric Gerets, die Mannschaft zum Saisonende zu verlassen, ihren Anfang genommen hatte. Die vorzeitige Ankündigung seines Weggangs hat Olympique am Ende vielleicht sogar den Titel gekostet. Ein paar Wochen später verabschiedete man den Klubpräsidenten Pape Diouf, der inzwischen über fünf Jahre hinweg gute Arbeit geleistet hatte, und dankte ihm dafür, dass er Olympique Marseille wieder zu einem beständigen und glaubwürdigen Verein gemacht hat.  

"Müssen wieder angreifen"
Auch wenn die Marseiller Fans in ihrer anfänglichen Wut und Enttäuschung noch der Meinung waren, dass das bewährte Führungs-Duo nicht zu ersetzen sei, dauerte es nicht lange, bis sie wieder Grund zur Freude hatten. Didier Deschamps löste den Belgier als Coach ab, und Jean-Claude Dassier trat die Nachfolge von Diouf an. Danach fand die Mannschaft rasch wieder in die Erfolgsspur zurück.

"Marseille ist für Frankreich das, was Barcelona für Spanien oder Neapel für Italien ist: In diesen Städten herrscht eine Fussballbegeisterung, wie man sie an keinem anderen Ort findet", so der neue Klubchef wenige Tage nach seinem Amtsantritt. "Wir haben eine solide, talentierte und erfahrene Mannschaft. Deshalb wäre es auch unverständlich, wenn wir eine schlechte Saison spielen würden. Wir müssen dieses Jahr unbedingt wieder angreifen."

Derlei Ankündigungen hörte man in Marseille, wo man immer schon Wert darauf legte, dass die Vereinsführung ihren Worten auch Taten folgen lässt, nur allzu gern. Und tatsächlich wurden inzwischen 40 Millionen Euro in die Verstärkung der Mannschaft investiert. Etwa die Hälfte davon gab Olympique für die Verpflichtung von Luiz "Lucho" Gonzalez, argentinischer Nationalspieler und Ex-Kapitän des FC Porto, aus.

Von nun an dürfte man innerhalb des Teams zunehmend auch spanische Laute hören, zumal man sich darüber hinaus auch die Dienste von zwei früheren Topstars von Real Madrid gesichert hat. Zum einen handelt es sich dabei um den argentinischen Nationalverteidiger Gabriel Heinze, dessen Einsatzbereitschaft ihm rasch die Sympathien der Südfranzosen einbringen dürfte und der damit die Tatsache, dass er einst bei Paris Saint-Germain unter Vertrag stand, vergessen machen könnte. Der zweite Neuzugang ist Topstürmer Fernando Morientes. Sein Vertrag beim FC Valencia war ausgelaufen, und er hatte früher bei AS Monaco unter Deschamps bereits eine Schlüsselposition eingenommen. Im Jahr 2004 war er mit dem Klub ins Finale der UEFA Champions League eingezogen.

Und auch auf der europäischen Bühne hofft man bei Olympique darauf, fortan länger im Wettbewerb zu bleiben als in den beiden vorangegangenen Spielzeiten, als man bereits in der Gruppenphase ausschied. Vor diesem Hintergrund sind auch die Neuverpflichtungen von routinierten und zugleich temperamentvollen Spielern wie dem Kameruner Stéphane Mbia (bisher Stade Rennes), dem kompromisslosen Außenverteidiger Cyril Rool (bisher OGC Nizza) und dem senegalesischen Innenverteidiger Souleymane Diawara vom amtierenden Meister Girondins Bordeaux zu sehen. Marseille hat seit jeher auf Sieg gespielt", so Coach Deschamps. "Egal, ob wir Neuzugänge bekommen hätten oder nicht, man hätte mir in jedem Fall die gleichen Ziele vorgegeben. Wenn man mir dazu auch noch mehr Mittel zur Verfügung stellt, um diese Ziele umzusetzen, bin ich natürlich sehr damit einverstanden!"

"Die Erwartungen sind groß"
Sicher, bisher hat Olympique in der neuen Saison noch keinen einzigen Punkt eingefahren, da der Startschuss der Ligue 1 erst am morgigen Samstag in der Auswärtspartie bei Grenoble Foot 38 fällt. Dennoch haben die Südfranzosen bei der Konkurrenz und unter den Beobachtern der französischen Fussballszene schon jetzt eine Menge Pluspunkte sammeln können. Dies belegen mehrere Umfragen in Frankreichs Sportpresse, die Olympique Marseille für diese Saison übereinstimmend einen Platz unter den ersten drei voraussagen.

So sahen die Trainer der Ligue 1 laut einer Umfrage der Wochenzeitschrift France Football in Olympique Marseille den Favoriten schlechthin für den nächsten Meistertitel. Die gleiche Frage stellte L'Equipe an Trainer, Spieler und Klubpräsidenten der Ligue 1, und auch hier war das Ergebnis das gleiche! Die damit verbundene Erwartungshaltung stört den früheren Kapitän und heutigen Trainer von Olympique indes wenig. "Bei OM sind die Erwartungen stets groß, das war schon immer so", räumt der Titelträger der UEFA Champions League von 1993 ein. "Was immer man auch darüber denken mag, am Ende wird das Ganze stets nur auf dem Platz entschieden. Und genau dort wollen wir so effizient wie nur möglich spielen."

Vielleicht sogar ein bisschen effizienter als in den beiden letzten Jahren, als man am Ende auf Rang drei bzw. zwei landete. Denn in Marseille gilt die Devise, dass selbst dann, wenn die Spieler neue Gesichter haben, die ehrgeizigen Ziele die gleichen bleiben. "Unser Ziel ist, dieses Mal einen Platz besser abzuschneiden als in der vergangenen Saison", so die Hoffnung von Deschamps.