Die vorherrschenden Farben in den Straßen Istanbuls sind dieser Tage Schwarz und Weiß. Zehntausende Fans von Beşiktaş JK feierten am Wochenende ausgelassen die erste türkische Meisterschaft seit sechs Jahren. Weil das Team von Erfolgstrainer Mustafa Denizli kurz zuvor auch den nationalen Pokal gewinnen konnte und damit der erste Klub des Landes seit dem Jahre 2000 ist, der das Double perfekt gemacht hat, ist man rund um den Bosporus davon überzeugt, dass sich die Schwarzen Adler endgültig wieder auf einem Höhenflug befinden, der den Traditionsklub zurück auf Augenhöhe zu den Stadtrivalen Galatasaray AŞ und Fenerbahçe SK führt.

"Es ist großartig, dass wir das Double eingefahren haben. Ich bin sehr glücklich. In meinem Inneren fühlt es sich an wie ein Vulkan", sagte Denizli nach dem entscheidenden 2:1-Sieg bei Denizlispor am letzten Spieltag des türkischen Oberhauses sichtlich gerührt, um dann hinzuzufügen: "Wir haben es geschafft, ein langes Abenteuer erfolgreich abzuschließen." Der 59-Jährige hat mit diesem Triumph gleich doppelt Geschichte geschrieben, denn er ist nicht nur der erste türkische Trainer, der Beşiktaş zur Meisterschaft geführt hat, sondern auch der erste Coach überhaupt, der mit allen drei Istanbuler Großklubs die Süper Lig gewinnen konnte. "Meine Mannschaft hat diesen Triumph total verdient", so der ehemalige türkische Nationalspieler.

Sivasspor verpasste die große Überraschung
Dabei sah es lange Zeit so aus, als steuere man in der Türkei auf eine Sensation zu. Das überraschend starke Ensemble von Sivasspor war es, das die Schlagzeilen beherrschte, in dem man den Großteil der vergangenen fünf Monate die Tabellenführung inne hatte. Dass es am Ende doch nicht zum erhofften ersten Titelgewinn eines nicht aus Istanbul kommenden Klubs seit 1984 gereicht hatte, lag daran, dass dem Team von Coach Bülent Uygun am Ende die Luft ausging. Ausgerechnet Beşiktaş' Nachbar Galatasaray ließ die Höhenflieger aus der anatolischen Provinz dank eines Doppelpacks des neuen türkischen Superstars Arda Turan am letzten Spieltag mit 2:1 stolpern und machte die Schwarzen Adler somit endgültig zum Champion.

Die Qualität setzte sich durch, denn Beşiktaş hatte mehr Siege und weniger Niederlagen als Sivasspor auf dem Konto, was zu einer Fünf-Punkte-Differenz führte. Die Uygun-Schützlinge schafften es also nicht, der erst fünfte Klub nach den drei Istanbuler Giganten sowie Trapzonspor zu werden, der in der Geschichte der Süper Lig Meister wurde, darf sich aber trotzdem als Zweitplatzierter auf die Qualifikation für die UEFA Champions League freuen. Trabzonspor und Fenerbahçe folgen auf den Plätzen drei bzw. vier und müssen sich ebenso wie der Tabellenfünfte Galatasaray mit der Teilnahme an der neugeschaffenen UEFA Europa League zufrieden geben.

Galatasaray konnte Erwartungen nicht erfüllen
Vor allem für Gala war es eine enttäuschende Saison. Der Vorjahresmeister verlor insgesamt siebenmal in der Fremde, darunter ein 1:4 bei Fenerbahçe und ein 1:2 bei Beşiktaş, stellte mit 39 Gegentreffern die mit Abstand schlechteste Abwehr der "Top 7" und rutschte nur deshalb noch ins internationale Geschäft, weil Fener als unterlegener Pokalfinalist (2:4 gegen Beşiktaş) ohnehin für die Europa League qualifiziert ist.

Ein kleiner Trost: Immerhin stellten die Löwen vom Bosporus, die gemeinsam mit Fenerbahçe (jeweils 17 Titel) türkischer Rekordmeister sind, den besten Torjäger der Saison: Milan Baros bewies sein ganzes Können und traf beeindruckende 20 Mal ins gegnerische Netz. Gemeinsam mit Australiens Superstar Harry Kewell, der eine starke erste Saison im Gala-Trikot spielte, brachte Baros das als äußerst emotional bekannte Publikum im Ali-Sami-Yen-Stadion aber dennoch zu selten zum Jubeln. "Es gibt nur eine angemessene Position für Galatasaray, und das ist ganz oben. Wenn Galatasaray nicht ganz oben steht, dann gibt es heftigen Gegenwind", sagte Kewell vor wenigen Wochen im Exklusiv-Interview mit FIFA.com. Demnach wird es ein stürmischer Sommer.

Beginn einer neuen Ära für Beşiktaş?
Während Konyaspor, Kocaelispor und Hacettepe SK den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten müssen, hofft der nunmehr 13-malige türkische Meister Beşiktaş auf den Beginn einer neuen Ära. Die Medien feiern vor allem Yusuf Simsek und Fabian Ernst als die Architekten und Wegbereiter des Aufschwungs. "Unser Mittelfeld mit Simsek und Ernst hatte sehr großen Anteil am Erfolg. Beide wurden den Erwartungen gerecht", so Coach Denizli.

Der 24-malige deutsche Nationalspieler wechselte im vergangenen Winter von Schalke 04 an den Bosporus. "Wir haben einen guten Fussball gespielt und unsere Fans nicht enttäuscht", so Ernst. Der nächste Schritt für die Schwarzen Adler soll nun ein Erfolg auf der internationalen Bühne sein, damit man mit Galatasaray, UEFA-Pokalsieger in der Saison 1999/00, und Fenerbahçe, UEFA Champions League-Viertelfinalist in der Saison 2007/08, gleichzieht. Mit Trainerfuchs Mustafa Denizli sollte man dafür genau den richtigen Mann an der Seitenlinie haben.