Seit seinem Wechsel nach England im Jahr 2005 spielt Nemanja Vidic, der serbische Nationalverteidiger in Diensten von Manchester United, so konstant wie kaum ein anderer. FIFA.com sprach mit dem 27-Jährigen darüber, wie er sich so schnell und so gut im Old Trafford einleben konnte.

Der frühere Spieler von Roter Stern Belgrad und Spartak Moskau sprach auch über seine Hoffnung auf eine Qualifikation für die FIFA WM 2010 in Südafrika und verriet uns, was es ihm bedeutet, in der überaus erfolgreichen Mannschaft von Manchester United zu spielen, die Fussballgeschichte schreibt.

Sie haben als kleines Kind mit Ihrem Bruder Dusan angefangen, Fussball zu spielen. Haben Sie auch damals schon als Verteidiger gespielt?
Nein. Wie alle jungen Spieler habe ich am liebsten auf wechselnden Positionen gespielt. Aber am liebsten spielte ich auf der rechten Seite. Bis ich 13 war, spielte ich als Stürmer, dann wurde ich als rechter Verteidiger eingesetzt und kurz danach wurde ich Innenverteidiger.

Wie war es, als Roter Stern Belgrad Sie unter Vertrag nehmen wollte?
Ich war völlig aus dem Häuschen! Schon als Kind und in meiner ganzen Jugend war ich ein Fan von Roter Stern Belgrad. Damals war Roter Stern Europapokalsieger und Gewinner des Interkontinental-Pokals. Für die meisten Kinder in Belgrad war es der größte Traum, das Trikot dieser Mannschaft zu tragen.

Welche wichtigen Lektionen haben Sie dort gelernt?
Meine Siegermentalität. Davor hatte ich nur für kleinere Klubs gespielt, bei denen die Erwartungen viel geringer waren. Aber bei Roter Stern Belgrad war das ganz anders. Dort standen wir unter dem Druck, jedes Spiel gewinnen zu müssen. Ich habe mich dieser Herausforderung gestellt und mir diese Mentalität bis heute bewahrt. Diese Einstellung ist sehr wichtig, insbesondere bei Manchester United.

Im Jahr 2000 wurden Sie an den FK Spartak Subotica ausgeliehen. Wie wichtig war die Zeit dort für Ihre Karriere?
Das war eine neue Herausforderung. Dass ich für einen kleineren Klub spielte, förderte meine professionelle Einstellung. Ich erkannte, wie wichtig es war, gut zu spielen und mich zu bewähren, damit ich mehr Spiele für Roter Stern bestreiten konnte. Ich musste eine Reihe neuer Lektionen lernen, was im Rückblick positiv zu meiner Entwicklung als Spieler und als Person beigetragen hat.

Fiel es Ihnen schwer, aus Serbien nach Moskau zu wechseln?
Nein, eigentlich nicht. Als ich bei Spartak Moskau anheuerte, gab es dort schon einige Serben im Kader. Das hat mir dabei geholfen, mich dort schnell zurecht zu finden. Ich habe viele schöne Erinnerungen an meine Zeit in Moskau, die mir sehr viel bedeuten.

Welche Ihrer Qualitäten waren es wohl, die Manchester United auf Sie aufmerksam werden ließen?
Ich war ein guter Verteidiger. Ich habe mehrere Jahre bei Spartak und insbesondere in der Nationalmannschaft gute Leistungen gezeigt. Wir haben beispielsweise in zehn Qualifikationsspielen für die WM 2006 nur ein einziges Tor kassiert. Man hatte meine Fortschritte schon über längere Zeit beobachtet, und offenbar reichte das, um mich unter Vertrag zu nehmen. Welche Qualitäten man nun genau in mir erkannt hat, müssen Sie den Stab von Manchester United fragen. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden, dass ich die Chance habe, für einen solch fantastischen Klub zu spielen.

Waren Sie sehr nervös, als Sie Ihren ersten Vertrag in Manchester unterschrieben haben?
Ich muss zugeben, dass ich darüber etwas überrascht war, aber ich war natürlich auch extrem glücklich. Natürlich wusste ich schon vor meinem Wechsel, was Manchester United für ein außergewöhnlicher Klub ist, und ich wusste auch, dass hier sehr viele sehr starke Spieler waren. Ich habe mich reingekniet und sehr hart gearbeitet. Besonders nervös war ich nicht, aber ein bisschen Nervosität empfindet wohl jeder ab und zu.

Haben die anderen Spieler Ihnen geholfen, sich in England einzuleben?
Ja, meine Mannschaftskameraden waren fantastisch und haben mir wirklich sehr geholfen. Am Anfang war es nicht ganz leicht für mich, mich dort einzuleben, doch im Klub haben alle dafür gesorgt, dass ich mich rundum willkommen fühlte. Schon vom ersten Tag an habe ich auch mein Englisch verbessert und jetzt kann ich mich bei allen bei Manchester United bedanken!

Auf dem Spielfeld harmonieren Sie fantastisch mit Rio Ferdinand. Sind Sie auch abseits des Feldes gute Freunde?
Ja. Wir verbringen sehr viel Zeit in unmittelbarer Nähe zueinander, bei den Spielen, im Training, auf Reisen, beim Essen und bei vielen anderen Aktivitäten. Auch abseits des Feldes haben wir ein sehr gutes Verhältnis zueinander, genau wie auf dem Feld.

Die Spieler bei Manchester United scheinen sich überhaupt recht nahe zu stehen. Ist das auf dem Platz hilfreich?
Man kann keine guten Ergebnisse erreichen, wenn die Atmosphäre in der Mannschaft nicht stimmt. Das ist eine Tatsache, und jeder Klub braucht eine gute Atmosphäre. Das wichtigste dabei ist, dass diese gute Atmosphäre nicht nur vorgeschoben ist. Sie muss aufrichtig und freundlich sein. Wir haben einen ganz außerordentlichen Teamgeist. Wenn dies gegeben ist und man so hochklassige Spieler hat, wie wir bei Manchester United, dann sind gute Resultate fast zwangsläufig.

Welches Geheimnis steht hinter der herausragenden Defensivbilanz in dieser Saison?
Es gibt kein Geheimnis, wirklich nicht. In den vergangenen Wochen sind einige Spieler in die Mannschaft gekommen, die zu Beginn der Saison nicht oft gespielt haben. Sie haben hervorragende Leistungen gezeigt und bewiesen, wie stark unser Kader ist. Sie haben sich wirklich hervorragend bewährt. Das wichtigste ist, dass wir gemeinsam - als Mannschaft - stark sind.

Empfinden Sie starken Druck, dass dies so bleiben muss?
Nein. Das einzige, was ich nach unserer jüngsten starken Serie empfinde, ist ein gesteigertes Selbstvertrauen. Wir haben in den letzten Spielen viele Punkte gesammelt doch es ist sehr wichtig, jetzt nicht selbstgefällig zu werden. Wir versuchen, bis zum Saisonende so weiter zu machen, und wenn wir unsere jetzige Form bis dahin halten können, dann werden wir eine erfolgreiche Saison haben.

Freuen Sie sich als Verteidiger mehr über einen 1:0-Sieg als über einen 3:1-Erfolg?
Nein, eigentlich nicht. Ein Sieg ist immer gleich schön, und letztlich sind drei Punkte eben immer drei Punkte. Natürlich ist es für Verteidiger und Torhüter immer eine besonders schöne Sache, ohne Gegentor zu bleiben. Aber solange wir am Ende gewinnen, bin ich zufrieden.

Was für ein Gefühl ist es, für einen Klub zu spielen, der die wichtigsten Titel in England, Europa und der Welt gewonnen hat?
Das ist fantastisch, und ich bin sehr stolz darauf, dass ich ein Teil dieser großartigen Mannschaft bin. Wir gewinnen immer weitere Titel und fühlen uns bei ManU derzeit wie eine große, glückliche Familie. Aber natürlich haben wir nie genug Zeit zum Feiern, denn wir wollen immer auf unseren Erfolgen aufbauen. Wir setzen uns stets neue Ziele und die Fans fordern, dass wir diese Ziele auch erreichen.

Lassen Sie uns über die serbische Nationalmannschaft sprechen. Welche Gefühle hatten Sie bei Ihrem Debüt gegen Italien?
Ich habe fantastische Erinnerungen an dieses Spiel. Es war einer der wichtigsten Meilensteine meiner Karriere. Mit diesem Spiel kam meine Karriere erst richtig in Fahrt. Die Leute wussten plötzlich, wer ich war, und ich hatte mir einen eigenen Platz erobert. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Tor von Predrag Mijatovic. Das Spiel endete mit einem 1:1-Unentschieden, was für uns damals ein hervorragendes Resultat war.

Was bedeutet es Ihnen, Ihr Land zu repräsentieren?
Das ist eine große Verantwortung, die mir sehr viel bedeutet. Unser Land hatte in der Vergangenheit ein schlechtes Image. Wir Sportler versuchen, das zu ändern. Wir arbeiten für wohltätige Zwecke und unterstützen karitative Einrichtungen. Ich glaube, dass wir die Wahrnehmung Serbiens langsam ändern. Diesen Aspekt nehme ich sehr ernst.

Wie enttäuscht waren Sie darüber, dass Sie Deutschland 2006 verpasst haben? Hat das Ihre Entschlossenheit verstärkt, sich für Südafrika zu qualifizieren?
Der Wendepunkt für mich kam im letzten Qualifikationsspiel gegen Bosnien-Herzegowina, als ich des Feldes verwiesen wurde. Danach habe ich mir eine schwere Verletzung zugezogen und habe die WM verpasst. Jetzt haben wir eine noch bessere Mannschaft und unsere Chancen auf die Qualifikation stehen gut. Ich werde alles tun, was ich kann, um in Südafrika dabei zu sein. Das ist mein Traum.

Sie stehen in einer sehr schweren Gruppe mit Frankreich, Österreich und Rumänien. Sind Sie mit dem Start in die Qualifikation zufrieden?
Sie haben Start gesagt und damit bin ich einverstanden. Wir hatten in der Tat einen vielversprechenden Start, aber mehr auch nicht. Es ist sehr wichtig, dass wir mit den Füßen fest am Boden bleiben und uns stets auf das nächste Spiel konzentrieren. Am 28. März haben wir in Constanta ein sehr wichtiges Spiel gegen Rumänien. Dieses Spiel müssen wir gewinnen, wenn wir unsere Hoffnungen auf die Qualifikation nicht aufgeben wollen. Ich bin ziemlich optimistisch und denke, dass Serbien sich qualifizieren kann.

Was ist die größte Stärke der serbischen Mannschaft?
Die Jugend. Diese Spielergeneration kann mindestens fünf Jahre zusammen spielen. Das wird sich als sehr wichtig erweisen. Ich bin fest überzeugt, dass wir über genügend Klasse und Siegeswillen verfügen. Aber wir können uns noch weiter verbessern und wir müssen uns auch verbessern, wenn wir uns qualifizieren wollen. Ich glaube jedenfalls an unseren Kader.

Können Sie Ähnlichkeiten oder Parallelen zwischen Serbien und Manchester United erkennen?
Das lässt sich kaum vergleichen. Man kann zwei Mannschaften oder Klubs nicht einfach so vergleichen, dass ist fast unmöglich. In der serbischen Nationalmannschaft wollen wir einen ganz besonderen und einzigartigen Stil entwickeln. Wir haben die Klasse, schönen und attraktiven Offensivfussball zu spielen, und ich hoffe, dass die Fans das in Südafrika sehen werden.