"Viel Feind', viel Ehr'!", soll Georg von Frundsberg einst gesagt haben. So mancher Fussballer hat sich in seiner Karriere die eigenen Fans zum "Feind" gemacht, indem er zum Erzrivalen des Klubs gewechselt ist - viel Ehre hat dieser sicherlich gewagte Schritt aber nicht unbedingt eingebracht. Fragen Sie nach bei Johan Cruyff, bei Luis Figo oder bei Sol Campbell - oder einfach hier bei FIFA.com.
1990 herrschte in Florenz zwei Tage lang Aufruhr. 50 Personen wurden verletzt. Und das alles nur, weil ein gewisser Roberto Baggio seinen Wechsel zu Juventus Turin bestätigt hatte. Die Tifosi der Fiorentina waren noch enttäuscht ob des kurz zuvor verlorenen Endspiels im UEFA-Pokal gegen eben jene Turiner und betrachteten den Abgang von Italiens damaligem Lieblingskind schlicht als Verrat. Baggio selbst ließ verlauten, er fühle sich "verpflichtet, den Transfer zu akzeptieren". Bei seiner ersten Rückkehr nach Florenz im April 1991 aber verhielt sich der so Gescholtene äußerst nobel. Er verweigerte die Ausführung eines Elfmeters und zog nach Spielende demonstrativ den Hut vor den ehemaligen Anhängern. Baggio nahm sogar einen ihm zugeworfenen Florenz-Schal auf. Es war eine irgendwie surreale Szene, in der sich Pfiffe und Beifall mischten.
Von aufgeladener Atmosphäre kann auch Luis Figo ein Liedchen singen. Nach fünf Spielzeiten beim FC Barcelona hatte es der Portugiese gemacht wie vor ihm Bernd Schuster sowie Michael Laudrup und war zu Real Madrid gewechselt, das dafür im Jahr 2000 die damalige Rekordsumme von 67 Millionen Euro an die Katalanen überwies. Drei Monate später sollten sich beim ersten Clasico nach Figos Wechsel zu den Merengues Jagdszenen im Camp Nou abspielen. Die 98.000 Zuschauer pfiffen ihren ehemaligen Helden über 90 Minuten gnadenlos aus. Nach der Begegnung erklärte Figo: "Jetzt bin ich entschlossener denn je, mit Real Madrid zu triumphieren." Einige erboste Fans vergaßen ihm das nicht und bewarfen ihn 2002 mit einem Schweinekopf, der noch heute makabererweise in einem katalanischen Museum ausgestellt ist.
Eine weitere Barça-Legende ist der Niederländer Johan Cruyff, der sich jedoch in seinem Heimatland unbeliebt machte. Als ihm Ajax Amsterdam nämlich die gewünschte Vertragsverlängerung verweigerte, war König Johan so sehr in seinem Stolz verletzt, dass er 1983 ausgerechnet zu Feyenoord Rotterdam wechselte und zum Abschied obendrein gegen die alte Liebe giftete: "Ich gehe natürlich davon aus, die Meisterschaft zu gewinnen!" Wohl dem, der solch vollmundigen Worten dann auch Taten folgen lassen kann. Cruyff konnte. Im Jahr darauf gewann er das Double!
"Wir haben Jesus, ihr habt Judas"
Nicht anders erging es dem Schotten Mo Johnston. Nach zwei Jahren beim FC Nantes zog es den Ex-Stürmer von Celtic Glasgow nach Hause. Es deutete auch alles darauf hin, dass er wieder bei den Bhoyz unterschreiben würde, für die er schon zwischen 1984 und 1987 auf Torejagd gegangen war. Dann aber überzeugte ihn Graeme Souness, der damalige Trainer der Rangers, von einem Wechsel ausgerechnet zum Erzrivalen. Johnston wurde der erste Katholik im Ibrox Park und löste damit einen Sturm der Entrüstung in beiden Lagern aus: Bei Celtic schimpfte man ihn "Judas", bei den Rangers wurden Dauerkarten aus Protest zurückgegeben.
Was in Schottland Celtic und die Rangers, sind in Frankreich Transfers zwischen Paris Saint-Germain und Olympique Marseille. Bei diesen lassen die Fans keine Gelegenheit aus, den Betroffenen ihre Abneigung zu zeigen. So geschehen 2004 im Pariser Prinzenpark. Dort stand auf einem Transparent in Richtung Frédéric Déhu: "Wir haben Jesus [als Anspielung auf Bart und Haarpracht des Kolumbianers Mario Yepes], ihr habt Judas!" Von Jean Djorkaeff 1970 bis Claude Makélélé 2008 - die Liste der Fussballer, die dennoch beide Trikots getragen haben, ist lang. Weitere Beispiele sind Fabrice Fiorèse, Florian Maurice, George Weah, Lorik Cana und Jérôme Leroy.
In England wiederum ist die Rivalität zwischen Tottenham Hotspur und Arsenal London so groß, dass nur wenige Spieler überhaupt gewagt haben, die Seiten zu wechseln. Sol Campbell ist einer von ihnen. 250 Spiele für die Spurs hatten ihn bei Tottenham schon zur Legende gemacht. Mit seinem Wechsel ausgerechnet zu Arsenal mutierte er über Nacht vom Held zum Schuft. Der englische Nationalspieler hatte damals nämlich durchaus auch Angebote anderer europäischer Renommierklubs. Dass er trotzdem just den Gunners den Zuschlag gab, haben ihm die treuen Tottenham-Fans nie verziehen.
Gatti: Der Vater aller Derbys
Der Torhüter Hugo Orlando Gatti prägte die Glanzzeiten beider argentinischer Spitzenvereine. 1964 war es River Plate eine kolossale Summe wert, sich die Dienste des Schlussmanns für vier Jahre zu sichern. 1976, acht Jahre später also, wechselte El Loco dann zu den Boca Juniors, wo er seine Karriere erst 1989 beendete. In diesen dreizehn Jahren trug "der Verrückte", wie man Gatti auch nannte, das Boca-Trikot 372 Mal. Bis heute ist Gatti der Spieler mit den meisten argentinischen Derbys. 38 Mal war er beim Superclasico zwischen den Millonarios und den Xeneizes dabei.
Beenden wollen wir unsere kleine Weltreise zu den berühmtesten Überläufern der Fussballgeschichte in Brasilien bei Romario. Der Weltmeister von 1994 wechselte zwischen 1985 und 2008 nämlich ganze vier Mal zu Vasco da Gama und drei Mal zu Flamengo. Bei Vasco begann und beendete er seine Karriere. Das hielt ihn aber nicht davon ab, trotz der angeblich schärfsten Rivalität der Welt, zwischenzeitlich immer Mal wieder in Rio Station zu machen. Zu dieser Furchtlosigkeit passt es denn auch, dass O Baixinho ausgerechnet im rotschwarzen Meer des Mengão sein 999. Profitor schoss. Und wahrscheinlich hätte er an diesem Tag auch gern einen Doppelpack markiert.
Was Ronaldo, seinen Nachfolger im Angriff der Seleçao, angeht, so trat dieser bis hin zur Wahl seiner Vereine genauestens in die Fußstapfen von Romario. Tatsächlich trug Il Fenomeno nicht nur das Trikot von Barça und von Real in Spanien sondern auch noch von Inter und dem AC Mailand in Italien. Was soll man dazu noch sagen?
Ihre Meinung zählt!
Eric Cantona von Leeds zu Manchester United, Aimé Jacquet von AS Saint-Etienne zu Olympique Lyon, Ronald Koeman von Ajax zum PSV Eindhoven, Andreas Möller von Borussia Dortmund zu Schalke 04: Sie alle sind zum Erzrivalen gewechselt. Diese Liste ist lang und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Deshalb wollen wir Sie bitten, sie zu vervollständigen. Klicken Sie dazu einfach unten auf "Kommentar hinzufügen".
