Forlán: "Ich brauche keine Ziele, um mich zu motivieren"
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Nach 17 Jahren, in denen er in den besten Ligen der Welt aktiv war, gehört der 33-jährige Uruguayer Diego Forlán zu denjenigen Fussballern, die nicht mehr ausführlich vorgestellt werden müssen. Nach Gastspielen in Argentinien, England, Spanien und heute Brasilien gilt dies erst recht seit der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™. Der Stürmer krönte dort den hervorragenden vierten Platz seiner Nationalmannschaft mit dem Gewinn des goldenen Balles von adidas als bester Spieler des Turniers.

Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com sprach Forlán über seine Rückkehr zum südamerikanischen Fussball, die aktuelle Situation der uruguayischen Nationalmannschaft sowie darüber, was seine bereits heute so reiche Karriere in der Zukunft für ihn bereithält.

Selbst ich als junger Mann habe das Team nie etwas gewinnen sehen außer der Copa América 1987, die ebenfalls in Argentinien ausgetragen wurde. Heute sehen sie ein anderes Uruguay, und die Menschen sind glücklich. Sie sollen es genießen.
Diego Forlán

Diego, was bedeutet die Rückkehr nach Südamerika für Ihre Karriere?
Es bedeutet eine neue Situation in einem neuen Land. Nach zehn Jahren in Europa schien es mir der richtige Moment für eine Veränderung. Nach meinen Erfahrungen in Italien, und nachdem ich in Spanien und England gespielt hatte, kam ich zu dem Schluss, dass diese Etappe meiner Karriere abgeschlossen ist.

Gab es in Europa keine Herausforderungen mehr für Sie?
So sehe ich das nicht. Tatsächlich waren es zehn spektakuläre Jahre, unabhängig von der Frage, ob ich bei Inter wenig gespielt habe. Und auch wenn ich gute Angebote hatte, um dort weiterzumachen, ergab sich diese Option, mit einem Drei-Jahres-Vertrag zu einem bedeutenden Klub in einer sehr starken Liga zu gehen. Darüber hinaus bedeutete dies, dass ich wieder näher an meiner Heimat, bei meiner Familie und meinen Freunden sein könnte. Alles fügte sich, um zurückzukehren.

Schließen Sie damit eine mögliche Rückkehr auf den alten Kontinent aus?
Ehrlich gesagt, denke ich zurzeit weder an Europa noch daran, sonst irgendwo hinzugehen! Ich bin 33 Jahre alt und möchte so lange wie möglich spielen – aber ich weiß noch nicht, wie es mir gehen wird, wenn ich 36 bin! (lacht)

Haben Sie die Möglichkeit geprüft, in Uruguay zu spielen?
Nein. Um ehrlich zu sein: Niemand wusste, dass ich nach Südamerika zurückkehre, weil das Angebot von Internacional vertraulich behandelt wurde, bis alles in trockenen Tüchern war. Deshalb hatte kein uruguayisches Team die Möglichkeit, an mich zu denken.

Ist dies für Sie etwas wie eine offene Rechnung?
Nicht im Geringsten. Außerdem wäre es nicht leicht, und ich ziehe es vor, niemandem falsche Hoffnungen zu machen. Ich bin zufrieden mit meiner Entscheidung: Inter ist ein großartiger Klub.

Was überzeugte Sie an der brasilianischen Liga?
Dass es schon immer ein ausgeglichener Wettbewerb war, mit sechs oder sieben Teams, die um die ersten vier Plätze spielen. Und in den letzten Jahren hat die Liga ihr Profil geschärft und den Modus vereinheitlicht. Es wird guter Fussball gespielt, es gibt große Klubs, attraktive Klassiker – es ist eine schöne Herausforderung.

Welche Unterschiede bestehen zum Fussball in Europa?
Der augenfälligste Unterschied ist die Größe der Spielfelder, die hier größer sind. Es ist schwieriger, die Räume zu füllen, aber es wird auch generell ein ziemlich dynamischer Fussball gespielt. Ansonsten sind die Unterschiede relativ, je nach Mannschaft, Trainer oder Spieler – ein "schwaches Team" landet überall ganz hinten!

Sprechen wir über die Nationalmannschaft. Wie bewerten Sie das Abschneiden Uruguays beim Olympischen Fussballturnier?
Nun, ich sage nichts Neues, aber so ist der Fussball. Es ist kein Scherz, dass alles sehr ausgeglichen ist – diese drei Spiele waren sehr schwer für uns! Selbst die Vereinigten Arabischen Emirate, die wir am Ende bezwingen konnten, ließen den Ball gut laufen und erarbeiteten sich mehrere Torchancen. Und sehen Sie nur Senegal: Es erwies sich als eine schnelle, kräftige und technisch starke Mannschaft, und sie erzielte das zweite Tor in Unterzahl! Es gibt keine vorhersehbaren Ergebnisse mehr.

Wären Sie gerne dabei gewesen?
Genauso wie alle Älteren, die nicht dort waren. Doch wir kannten die Regeln, und ich persönlich habe mir keine Illusionen gemacht. Ich nahm es damals ganz normal auf und ich denke, meine Teamkameraden taten dasselbe.

Oscar Tabárez hob es als Beweis für die Reife des Teams hervor, die unerlässlich für den erfolgreichen Prozess ist, den Uruguay zurzeit durchläuft…
Ja, es herrscht sowohl auf wie neben dem Platz eine sehr gute Atmosphäre. Das hilft in den positiven Momenten, aber besonders in den negativen.

Denken Sie angesichts der jüngsten Ergebnisse, dass der Status des Favoriten zur Last für die Mannschaft wurde?
Überhaupt nicht! Die Leute können über diese Favoritenrolle nachdenken, aber wir nicht. Wir sind immer gleich und vertrauen darauf, zu was wir in der Lage sind und wie weit wir kommen können, aber nichts weiter. Die Qualifikation war noch nie leicht für Uruguay. Hier verbessern sich alle Nationalteams ständig weiter, das ist offensichtlich.

Trotzdem ist es wohl nicht leicht, mit der Euphorie der so leidenschaftlichen Fans Uruguays zu leben…
(unterbricht) … Die Fans erleben einen besonderen Moment, mit zahlreichen Erfolgen nach vielen Jahren der Durststrecke. Es ist verständlich, dass sie sich freuen und das zum Ausdruck bringen, vor allem die jüngeren Generationen. Selbst ich als junger Mann habe das Team nie etwas gewinnen sehen außer der Copa América 1987, die ebenfalls in Argentinien ausgetragen wurde. Heute sehen sie ein anderes Uruguay, und die Menschen sind glücklich. Sie sollen es genießen.

Könnten Sie und die Fans eine vierte Playoff-Runde in Folge ertragen?
Nein, das wäre sehr hart! (lacht) Im Ernst: Solange wir uns für die WM qualifizieren, ist es mir egal, wie es geschieht. Es war noch nie leicht für uns und das Ziel besteht darin, es vorzeitig zu schaffen. Doch solange wir dabei sind, akzeptiere ich gerne wieder eine Playoff-Runde.

Ist das nun die größte Motivation in Ihrer Karriere, nachdem Sie in Südafrika 2010 mit dem goldenen Ball ausgezeichnet wurden, 2011 die Copa América gewannen und zum Rekordtorschützen Ihrer Nationalmannschaft aufstiegen?
Zweifellos, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich ständig neue Ziele setzen müssen, um sich zu motivieren: Es macht mir Spaß, zu trainieren, zu spielen und diesen Beruf zu leben. Solange ich dieselbe Freude daran wie heute habe, ergeben sich die Herausforderungen von ganz alleine.

Ein Ziel für Sie könnte sein, in Brasilien erneut zum besten Spieler der WM gewählt zu werden…
Zunächst müssen wir uns qualifizieren, dann müsste ich nominiert werden, wir müssten spielen und gewinnen! (lacht). Das Besondere an dieser Auszeichnung ist, dass sie nicht mehr angestrebt werden muss, sie ist bereits Geschichte.

Sprechen wir über Ihr Leben außerhalb des Platzes. Was ist das Schönste und das Schlimmste an einem Leben als Fussballer?
(Denkt nach)... Ich entschied mich, vom Fussball zu leben, und es ist spektakulär. Du hast die Möglichkeit, zu reisen, verschiedene Länder und andere Kulturen kennen zu lernen, Freunde auf der ganzen Welt zu haben. Du verlierst aber auch Dinge, die nicht mehr zurückkommen, wie die Zeit, die du fern deiner Familie verbringst – doch man muss in allen Berufen Opfer bringen. Wichtig ist, zufrieden zu sein mit dem, was man ist. Und nicht denken zu müssen: "Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn..."

Sie hingegen mussten die gute und die schlechte Seite des Ruhms kennenlernen…
Das bleibt nicht ohne Wirkung, klar, doch es war meine Entscheidung und ich muss mit ihr leben. Mein Ziel war immer, es so gut wie möglich zu machen und dabei immer ich selbst zu bleiben. Ich glaube, das ist mir gelungen.

Sie haben bereits angedeutet, dass Sie noch einige Zeit weiterspielen wollen. Dennoch möchte ich zum Abschluss fragen: Fürchten Sie den Ruhestand?
Überhaupt nicht. Ich weiß, dass es früher oder später eintreten wird, doch jetzt versuche ich, dies alles zu genießen. Ich denke darüber nach, später weiter mit dem Fussball verbunden zu bleiben. Es gibt viele Möglichkeiten dazu, aber ich weiß noch nicht wie. Was ich sicher weiß: Jetzt ist nicht der Moment, um darüber nachzudenken.