Löw freut sich nur über die Ausbeute
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Joachim Löw fand nach einem Spiel zum Vergessen überraschend schnell wieder seine Fassung. Nur wenige Minuten nach dem äußerst glücklichen 2:1 (1:0) in der FIFA WM-Qualifikation gegen den "kleinen" Nachbarn Österreich analysierte der Bundestrainer die vielen Unzulänglichkeiten seiner Stars ruhig und mit Bedacht - als hätte es seine vielen Tobsuchtsanfälle zuvor nicht gegeben. Mehrmals war der 52-Jährige während des Prestigeduells gegen den Erzrivalen wie Rumpelstilzchen an der Seitenlinie herumgesprungen und hatte seinem Unmut lautstark Luft gemacht.

Doch die ganze Aufregung über den zeitweisen Rückfall in längst vergessen geglaubte Rumpelfussball-Zeiten hatte Löw nach einem perfekten Start auf dem Weg zur FIFA WM 2014™ nach Brasilien bald wieder verdrängt. "Wichtig ist, dass wir gewonnen und sechs Punkte auf dem Konto haben. Das ist erfreulich", sagte der DFB-Coach und lächelte sogar kurz.

Vor den anstehenden Spielen am 12. Oktober in Dublin gegen die Republik Irland und am 16. Oktober in Berlin gegen Schweden weiß er aber auch, "dass wir uns klar steigern müssen". DFB-Präsident Wolfgang Niersbach verdeutlichte, dass man gegen die Iren und Schweden "nicht im Vorbeigehen gewinnt".

Schon gar nicht in der Form von Wien. Löw steht zweieinhalb Monate nach dem EM-Halbfinal-Aus gegen Italien noch ganz viel Arbeit bevor. Die Mängelliste auf dem Weg nach Rio ist lang. Vor allem die Besetzung des zweiten Außenverteidigers neben Kapitän Philipp Lahm bereitet abgesehen von den Themen Mittelstürmer, Standards und Chancenverwertung nach wie vor großes Kopfzerbrechen. Der gegen Österreich eingesetzte Marcel Schmelzer war auf der linken Seite ein Ausfall und konnte sich einmal mehr nicht empfehlen.

Beim 1:2 durch Zlatko Junuzovic (57.) dürfe der Dortmunder "den Fehler nicht begehen. Da gibt es normalerweise kein Durchkommen. Außerdem wurde ihm einige Male der Ball in den Rücken gespielt", sagte Löw, setzte aber mangels Alternativen auf das Prinzip Hoffnung: Man werde "weiter mit Marcel Schmelzer arbeiten und hoffen, dass er sich auf diesem internationalen Niveau weiterentwickelt". Eine kleine, grundsätzliche Warnung schickte er aber schon hinterher: "Durchschnittlich zu spielen, reicht nicht, weil wir den Anspruch haben, international top zu sein."

Dies galt im DFB-Team, das auswärts in der WM-Qualifikation seit 1934 weiter ungeschlagen ist, nicht nur für den Problemfall Schmelzer. Nach dem 2:0 durch Tore des schwachen Marco Reus (44.) und des nicht viel besseren Mesut Özil (52./Foulelfmeter) müsse sein Team "das Spiel viel besser dominieren und in Ruhe beenden. Durch unsere Fehler haben wir uns selber in Bedrängnis gebracht", monierte Löw, dessen Mannschaft sogar noch ganz viel Glück hatte, dass der Bremer Legionär Marko Arnautovic ("Ich will Entschuldigung sagen ans ganze Land") in der 87. Minute eine Riesenchance zum Ausgleich leichtfertig ausließ.

So war es "wie immer in den letzten Jahren. Österreich spielt gut und hat gute Chancen - und Deutschland gewinnt", sagte Österreichs Trainer Marcel Koller nach der achten Pleite in Folge gegen die Piefkes konsterniert. Das sei "auch weltklasse" und der "kleine, aber entscheidende Unterschied". Ähnlich sah es auch sein Kollege: "Wir waren ein Stück weit cleverer."

Ansonsten gab es wenig Grund, zufrieden zu sein. Auch die Vorgabe, mit mehr Pressing spielen zu wollen, wurde nicht umgesetzt. Vielmehr erhielt die DFB-Auswahl sogar Anschauungsunterricht vom "kleinen" Österreich, das Özil und Co. eine halbe Stunde lang überhaupt nicht ins Spiel kommen ließ.

"Wir wollten Pressing diesmal nur situativ spielen, um uns Raum nach vorne zu lassen", erklärte Löw. Um dies über 90 Minuten durchzuziehen, reiche eine Woche Training nicht aus. "Da müssen wir Monate darauf hinarbeiten. Das müssen die Spieler besser lernen und beherrschen."

Die waren immerhin einsichtig, dass sie im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion vor 47.000 Zuschauern wenig bis gar keine Klasse gezeigt hatten. "Wir haben sehr viele Fehler gemacht, gerade im Aufbauspiel", sagte Torwart Manuel Neuer.

"Mit der Qualität, die wir haben, müssen wir ballsicherer auftreten", meinte Toni Kroos. Und Holger Badstuber forderte: "Wir müssen wieder mehr Selbstsicherheit ausstrahlen, weil wir der Favorit sind." Aber man dürfe jetzt "nicht unruhig werden". Sein Motto: "Nicht so viel erzählen, sondern unsere Arbeit machen."

Letztendlich überwog aber trotz der Selbstkritik an einer dürftigen Leistung die Zufriedenheit "über unseren sehr guten Start und die sechs Punkte", wie Kapitän Philipp Lahm unterstrich. Es sei ihm lieber, ergänzte Thomas Müller, "dass wir mit viel Arbeit gegen einen sehr guten Gegner gewinnen, als mit zehn Übersteigern zu verlieren".