Howard: "Klinsmann ist ein sehr fortschrittlicher Denker"
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Tim Howard präsentierte sich Mitte August in herausragender Form und trug maßgeblich zum historischen ersten Sieg der U.S.-amerikanischen Nationalmannschaft im mythischen Aztekenstadion in Mexiko-City bei. Der 78-malige Nationalkeeper, der einen Teil seiner Karriere beim englischen Spitzenklub Manchester United verbrachte, bezeichnete den 1:0-Sieg als einen der wichtigsten Momente seiner Karriere.

In einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com sprach der jetzige Stammtorhüter des FC Everton über diesen historischen Tag, die unvermindert intensive Rivalität zwischen den USA und Mexiko, die bevorstehenden WM-Qualifikationsspiele gegen Jamaika und seine Überzeugung, dass sich die Toffees in dieser Saison für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren können.

Er setzt eine Menge verschiedenster Ideen um, die alle darauf abzielen, jeden einzelnen Spieler auf dem Feld besser und uns als Team stärker zu machen. Seine Ideen sind dabei nicht auf den Fussball beschränkt, sondern es geht auch um Lebensführung und Einstellung.
Tim Howard über Jürgen Klinsmann

Was bedeutet der 1:0-Sieg im Aztekenstadion im Freundschaftsspiel gegen Mexiko für Sie persönlich und für den U.S.-amerikanischen Fussball insgesamt?
Dieser Triumph ist uns unendlich wichtig. Das war zuvor noch keiner U.S.-amerikanischen Mannschaft gelungen. Im Laufe der Jahre haben wir alle darauf gehofft, dass wir die Spielertruppe sein würden, die den Bann endlich brechen kann. Es macht uns sehr stolz, dass wir zu der Spielergeneration gehören, die endlich einen Sieg im Aztekenstadion geholt hat. Das war auf jeden Fall einer der wichtigsten Momente meiner Karriere.

Ist es sehr einschüchternd, im Aztekenstadion aufzulaufen?
Man wartet in einem langen, dunklen, unterirdischen Tunnel. Es ist kalt und man kann nicht richtig sehen, wo man hingeht. Man kann regelrecht die Orientierung verlieren. Und dann läuft man hinaus ins grelle Sonnenlicht und in eine überaus einschüchternde Arena, deren Tribünen scheinbar senkrecht hoch in den Himmel ragen. Von dem unglaublichen Lärm, den die 100.000 Zuschauer machen, wird man fast taub und fühlt sich regelrecht erschlagen. Es ist ein unvergessliches Erlebnis.

Und das alles schon vor dem Anpfiff...
Genau. Und dann kommt ja noch die Höhenlage dazu, das ist ein enormer Faktor. Und normalerweise spielt man gegen eine Mannschaft, die den Ball clever in den eigenen Reihen hält, so dass man ständig hinterher laufen muss. Die Jahre vergehen und sie verlieren dort nie. Und mit der Zeit kommen immer mehr psychologische Faktoren hinzu. Man muss also zum einen mit den körperlichen und physiologischen Dingen klarkommen und zudem noch mit den psychologischen. Als Gastmannschaft hat man es im Aztekenstadion also alles andere als leicht.

Es gab sehr viel Medienrummel rund um das Spiel, nachdem Mexiko kurz zuvor erstmals die Olympische Goldmedaille gewonnen hatte. Hat das die Situation verändert?
Auf jeden Fall. Die Mexikaner hatten gerade in London Gold gewonnen und das Spiel war in aller Munde. Kaum jemand hat sich allerdings mit uns beschäftigt, aber das ist immer so. Das alles gab der Sache noch einmal ein ganz anderes Gesicht. Wir sind dabei zu einer echten Einheit zusammengerückt. Die entscheidenden Faktoren waren Kampfgeist und Entschlossenheit. Wir hätten genügend Ausreden für eine Niederlage gehabt, schließlich war es nur ein Freundschaftsspiel und es gab eine ganze Menge Faktoren im Umfeld - doch wir haben sie alle überwunden.

Wie würden Sie die Rivalität zwischen den USA und Mexiko beschreiben? Wer hat derzeit Oberwasser, El Tri oder die Stars and Stripes?
Das ändert sich immer wieder und die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Außerdem hängt es natürlich davon ab, was man betrachtet. Mexiko hat die Olympischen Spiele gewonnen und in jüngster Zeit gute Ergebnisse geholt. Also sehen sich die Mexikaner im Moment selbst ganz oben. Aber wir haben in der WM-Qualifikationsgruppe die Nase vorn gehabt, also kann man auch argumentieren, dass die USA Oberwasser haben.

Erzählen Sie uns noch etwas mehr über diese Rivalität. Sie scheint wirklich sehr hitzig zu sein...
Es ist jedenfalls eine gesunde Rivalität. Wir wollen beide die Besten sein und treiben uns gegenseitig immer weiter an. Wir wollen beide die letzte Qualifikationsrunde erreichen. Mit unserem Sieg im Aztekenstadion haben wir jedenfalls unseren Teil dazu beigetragen, dass die Debatte jetzt wieder eröffnet ist. In gewisser Weise haben wir das Blatt wieder gewendet, dass sich mit den Olympischen Spielen in Richtung Mexiko geneigt hatte. Wir sind wieder auf Augenhöhe und mittendrin. Das macht die Spiele zwischen den beiden Konkurrenten so großartig.

Was sagen Sie zum bisherigen Verlauf der Ära Jürgen Klinsmann? Was hat sich geändert? Was ist unverändert geblieben?
Klinsmann ist ein sehr fortschrittlicher Denker. Er setzt eine Menge verschiedenster Ideen um, die alle darauf abzielen, jeden einzelnen Spieler auf dem Feld besser und uns als Team stärker zu machen. Seine Ideen sind dabei nicht auf den Fussball beschränkt sondern es geht auch um Lebensführung und Einstellung.

Sind alle mit seinen Ideen einverstanden?
Wenn man viele neue Ideen in eine große Gruppe einbringt, ist es kaum möglich, alle für alles zu begeistern. Aber wir haben jedenfalls eine großartige Truppe zusammen und alle Jungs wollen unbedingt siegen und arbeiten hart, um seine Ideen und Vorstellungen auf dem Platz umzusetzen.

Am kommenden und dem folgenden Wochenende stehen zwei WM-Qualifikationsspiele gegen Jamaika auf dem Programm. Was erwarten Sie davon?
Jamaika ist ein kniffliger Gegner und im "Office" in Kingston zu spielen ist eine schwere Aufgabe. Wir hoffen, dass wir den Schwung aus dem Aztekenstadion mitnehmen können und auch dort Erfolg haben, wo wir bisher nur selten gewonnen haben.

Jamaika hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Was macht das Team so gefährlich?
In gewisser Weise ähneln die Jamaikaner uns. Eigentlich sind sich sogar Jamaika, Kanada und die USA recht ähnlich und liegen in der Spielstärke eng beieinander. Sie alle haben starke, athletische Spieler und einige Akteure, die sehr gut wissen, wie der Ball im Spiel laufen muss. Wenn man gegen einen Gegner spielt, der in diesen Belangen gleichwertig ist, dann muss die Taktik stimmen. Wir müssen den richtigen Rhythmus finden und versuchen, auf dem Feld so viele Bereiche wie möglich zu dominieren.

Die Qualifikation begann für die USA mit einem doch etwas mühevollen 3:1-Sieg gegen Antigua und Barbuda und einem nachfolgenden Auswärts-Unentschieden gegen Guatemala. Was sagen Sie zu diesem Auftakt?
Am Ende war der Sieg gegen Antigua und Barbuda ja doch noch recht deutlich. Der Gegner hat uns zwar mit seinem schnellen, robusten Spiel ein paar Probleme bereitet, doch wir sind damit fertig geworden. Auf das Spiel gegen Guatemala blicke ich aber mit wesentlich größeren Sorgen zurück. Wir waren früh in Führung gegangen und hätten die Partie nach Hause bringen müssen. Wenn man den Gegner wieder ins Spiel kommen lässt, dann kann das ins Auge gehen und genau das ist dort unten passiert. Wir müssen vor beiden Toren energischer und entschlossener spielen, doch insgesamt denke ich, dass unser Start in Ordnung war.

Mit dem FC Everton haben Sie in der Premier League zwei Siege aus den ersten drei Spielen geholt. Was sind die Gründe für diesen starken Saisonauftakt?
Der Teamgeist bei unserem Klub ist einfach unglaublich. Niemand entwickelt Star-Allüren und jeder kämpft mit vollem Einsatz für jeden. Wenn man gleich im ersten Saisonspiel Manchester United zu Gast hat, denkt man zuerst einmal 'Oh mein Gott', doch ich finde, dass wird das Spiel dominiert haben und den Sieg verdient hatten.

Trainer David Moyes hat den Kader in den vergangenen Jahren kontinuierlich verstärkt. Worin besteht sein Geheimnis?
Moyes hat ein sehr gutes Erfolgsrezept. Er holt nicht einfach jeden guten Spieler, den er kriegen kann. Er holt Spieler, die auf mindestens zwei Positionen spielen und sich voll und ganz mit Everton identifizieren können. Und die lenkt er dann in die richtige Richtung. Er ist ein unglaublich guter Motivator und wird von Jahr zu Jahr besser.

Was wäre für Everton in diesem Jahr eine erfolgreiche Saison?
Wir wollen auf einem der ersten sechs Plätze landen und uns damit für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren. Die UEFA Champions League ist vielleicht noch etwas zu hoch gegriffen, zumal wir nicht so viel Geld investieren können, wie die fünf oder sechs finanzstärksten Klubs in England. Doch ich denke, dass wir auf dem Platz die notwendige Klasse haben. Und es wäre wirklich toll, wieder im Wembley-Stadion zu spielen [Anm. d. Red.: Everton hatte dort in der Saison 2008/09 das Finale um den FA Cup gegen den FC Chelsea verloren]!