
Eine allseits bekannte Ehe-Weisheit besagt, dass das verflixte siebte Jahr das Jahr der Trennung ist. Ob Tranquillo Barnetta diesen Spruch im Hinterkopf hatte, bleibt offen. Fakt ist jedoch, dass sich der Schweizer Nationalspieler, der zuvor sieben Spielzeiten für Bayer Leverkusen in der Bundesliga aktiv war, in der Sommerpause dafür entschied, die Zelte im Rheinland abzubrechen, um bei Schalke 04 anzuheuern.
Eine mutige Entscheidung, denn bei der Werkself zählte der 27-Jährige lange Zeit zu den Stützen des Teams, ehe ihn eine Verletzung fast die gesamte vergangene Saison kostete. Doch der Ausblick auf die UEFA Champions League und sein Traum von der FIFA WM 2014™ sorgten dafür, dass der ablösefreie Offensiv-Allrounder einen Dreijahresvertrag bei den Königsblauen unterschrieb.
"Jetzt hat eine neue Zeit mit einer neuen Herausforderung begonnen, und das tut mir gut. Deshalb fühle ich mich mit dem Schritt nach Schalke sehr wohl. Der Klub ist ein richtiger Traditionsverein, und von den Teamkollegen bin ich sehr gut aufgenommen worden", ließ Barnetta die vergangenen Wochen im Interview mit FIFA.com Revue passieren.
Große Vorfreude auf die Champions League
Vor allem die Teilnahme an der europäischen Königsklasse war einer der Gründe, nach 187 Ligapartien das Trikot des Champions League-Finalisten von 2002 gegen die königsblaue Kluft aus Gelsenkirchen einzutauschen.
"Für mich ist es das erste Mal, dass ich in der Champions League spielen kann, da ich zu meiner Leverkusener Zeit verletzt war. Das tat damals sehr weh. Umso mehr freue ich mich jetzt auf die Königsklasse mit Schalke", blickte der sympathische Eidgenosse auf die internationale Bühne.
Mit dem Tabellendritten der Vorsaison hat sich der Mittelfeldakteur nicht nur in der Champions League eine Menge vorgenommen, sondern will auch in heimischen Gefilden eine Duftmarke setzen. Barnetta zeigte sich gegenüber FIFA.com selbstbewusst, obwohl Double-Champion Borussia Dortmund und Rekordmeister Bayern München bei den Experten als heißeste Titelanwärter zählen.
"Wir dürfen nicht den Fehler machen und bereits jetzt sagen, dass andere Teams besser sind. Sicher sind andere Klubs vom Papier her stärker, aber letztendlich ist es wichtig, dass man als Mannschaft funktioniert. Und das haben wir in erster Linie selbst in der Hand. Wir gehen topfit in die neue Spielzeit und wollen Durchhänger vermeiden. Dann schauen wir, was am Ende herausspringt", ließ er verlauten.
Ob das 2:2 zum Saisonauftakt in Hannover bereits ein Durchhänger war, bleibt Auslegungssache. Immerhin drehte Schalke die Partie beim UEFA Europa League-Qualifikanten nach einem 0:1 zur Pause und hätte um ein Haar den ersten Dreier der neuen Spielzeit eingefahren.
Barnetta stand nicht in der Startelf und wurde erst in der 80. Minute für den 18-jährigen Julian Draxler eingewechselt. Der Konkurrenzkampf im Team von Trainer Huub Stevens ist groß. Barnetta bleibt ob der momentanen Situation jedoch gelassen und erklärt das wie ein alter Hase.
"Konkurrenz und Druck gehören im Profifussball dazu. Ich bringe eine gewisse Erfahrung mit, die vor allem während einer solch langen Saison wichtig sein kann. Wir sind insgesamt gut besetzt, werden aber auch jeden einzelnen Spieler benötigen, da eine solche Spielzeit extrem Kräfte raubend ist", sagte das 68-Kilogramm-Leichtgewicht.
Doch Barnetta weiß, wie wichtig seine Rolle innerhalb des Vereins im Hinblick auf seine Karriere in der Schweizer Nationalmannschaft ist, mit der er unbedingt zur FIFA WM Brasilien 2014™ will. Auch deshalb wird er sich mit der Besetzung als Ergänzungsspieler auf Dauer nicht zufrieden geben.
"Ich mache mir selbst keinen Druck, aber ich denke, dass es für jeden Nationalspieler wichtig ist, im Verein regelmäßig zum Einsatz zu kommen. Das ist bei mir genauso. Man hat in der Vergangenheit gesehen, dass Spieler, die im Ausland nicht genug Einsatzzeiten bekommen, Schwierigkeiten in der Nationalmannschaft haben. Deshalb ist es mein Ziel, möglichst oft zu spielen", so die Kampfansage an Draxler und Co.
Der große Traum von Brasilien
Ottmar Hitzfeld, Trainer der Schweizer Auswahl, wird die Situation Barnettas auf Schalke ganz genau beobachten. Denn obgleich der 1,78-Meter-Mann bereits 62 Länderspiele für sein Heimatland bestritten hat, einen Freifahrtschein wird er von seinem deutschen Coach nicht erhalten.
Schon gar nicht in der momentanen Situation. In knapp zwei Wochen beginnt die WM-Qualifikation, in der die Schweiz eine machbare Aufgabe erwischt hat. Norwegen, Slowenien, Albanien, Zypern und Island gesellen sich nämlich in der Gruppe E zu den Eidgenossen.
"Die vom Papier her leichte Gruppe ist genau das Problem. Die Erwartungen in der Schweiz sind sehr groß, da es keinen klaren Favoriten in unserer Staffel gibt. Wir müssen immer über uns hinauswachsen und auch bei vermeintlich schwachen Gegnern unsere Leistung bringen. Dann haben wir Chancen, uns für die WM zu qualifizieren. Unser Anspruch ist das allemal", warnte der erfahrene Internationale vor den anderen Teams.
Am 7. September treffen Barnetta und Co. in Ljubliana auf Slowenien, vier Tage später empfängt man in Luzern Albanien. "Wir müssen hellwach sein, um gute Leistungen zu bringen. Ein guter Start ist enorm wichtig, um nicht von Beginn an hinterher laufen zu müssen", weiß der erfahrene Auswahl-Spieler.
Als Gruppenerster würde sich die Mannschaft von Hitzfeld direkt für die WM am Zuckerhut qualifizieren. Barnetta ist für diese Herausforderung bereit: "Es wäre sensationell, wenn ich mit der Schweiz meine dritte WM spielen könnte. In Brasilien dabei zu sein, wäre ein Traum."
Das verflixte siebte Jahr ist im Hinblick auf die Nationalmannschaft jedenfalls nicht in Sicht. Barnetta feierte im September 2004 sein Debüt im Dress der Schweiz und spielte seine erste WM 2006 in Deutschland. Der dritten WM-Teilnahme stehen somit "nur" die fünf Gegner aus der Gruppe E im Wege.



