
Schwindelerregend. Das ist der Begriff, mit dem sich die kometenhafte Karriere von James Rodriguez wohl am besten beschreiben lässt. Der Kolumbianer ist gerade einmal 21 Jahre alt und auf Vereinsebene bereits daran gewöhnt, zu glänzen. Hier hat er sein Glück in zwei ausgesprochen starken Ligen wie der argentinischen und der portugiesischen versucht - und zwar jeweils mit Erfolg.
Der schnelle und vor allem bei Schüssen aus mittlerer Distanz torgefährliche Linksfuß steht derzeit beim FC Porto unter Vertrag und hat kürzlich auch in der Nationalmannschaft den großen Durchbruch geschafft. Gerade einmal ein Jahr nach seiner Teilnahme an der FIFA U-20-WM hat er bereits eine Führungsrolle in der Offensive der A-Nationalmannschaft von José Pekerman übernommen, die nach 16 Jahren zum ersten Mal wieder an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ teilnehmen will.
Im Qualifikationswettbewerb, in dem Kolumbien derzeit auf dem sechsten Platz rangiert - mit vier Punkten Rückstand auf das zweitplatzierte Uruguay -, stand Rodríguez bisher in allen fünf Partien seiner Mannschaft auf dem Platz. Aber das ist noch nicht alles. Im Oktober 2011 wurde er von den spanischsprachigen Usern von FIFA.com zum einflussreichsten Spieler der ersten Spieltage gewählt, und im Juni markierte er den ersten Treffer in der Ära Pekerman und entschied damit in Lima das Duell gegen Peru.
In Madrid, wo er im Vorfeld der nächsten Qualifikationsspiele gegen Uruguay und Chile an einem weiteren Trainingslager teilnahm, unterhielt sich der ehemalige Akteur von CA Banfield mit FIFA.com. Gesprächsthemen waren seine persönliche Entwicklung, seine Erinnerungen an alte Erfolge der Cafeteros sowie sein Traum, in die Fußstapfen eines Kindheitsidols zu treten: Carlos El Pibe Valderrama.
James, noch vor einem Jahr sind Sie bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft angetreten. Inzwischen sind Sie zunächst unter Leonel Álvarez und jetzt unter José Pekerman scheinbar zu einer festen Größe in der A-Nationalmannschaft Ihres Landes avanciert. Haben Sie das Trikot mit der Nummer zehn schneller bekommen als erwartet?
Ich bin natürlich unheimlich stolz! Für mich spielt es eine ganz wichtige Rolle, dass ich so jung schon einen Platz in der A-Nationalmannschaft habe. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich vor einem Jahr noch in der U-20 gespielt habe, bekommt das Ganze einen noch höheren Stellenwert. Schon als Junge habe ich davon geträumt, einmal das Nationaltrikot mit der Nummer zehn zu tragen. Jetzt geht dieser Traum glücklicherweise in Erfüllung. Das ist eine ganz große Sache, und ich möchte, dass es so bleibt.
Welche anderen Kolumbianer mit der Nummer zehn haben Sie als Kind bewundert?
Vor allem El Pibe [Carlos] Valderrama. Zu seiner Zeit war er hervorragend, und ich bewundere ihn sehr. Ich habe mich schon einmal mit ihm unterhalten und kann sagen, dass er ein toller Mensch ist, jemand, der dem gesamten Land viel Freude gebracht hat. Als Fussballer war er sehr intelligent: Er war ein hervorragender Passgeber, aber gleichzeitig auch torgefährlich. Deshalb wollten wir alle mit der Nummer zehn spielen.
Letztes Jahr haben die kolumbianischen Zuschauer bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft eine wichtige Rolle gespielt. Trotzdem konnte das Team im aktuellen Qualifikationswettbewerb noch kein einziges Heimspiel gewinnen...
Das stimmt. In der Qualifikation sieht es so aus. Wir müssen die beiden nächsten Spiele gewinnen, die für uns sehr, sehr wichtig sind. Wir müssen sehr konzentriert zu Werke gehen. Deshalb sind wir hierher nach Madrid gekommen: um konzentriert zu arbeiten und an einem Konzept zu feilen, das wir auf dem Spielfeld umsetzen können.
Stehen Sie aufgrund des Mangels an Heimsiegen vor der nächsten Partie gegen Uruguay noch stärker unter Druck?
Wir werden in Barranquilla spielen und müssen so oder so gewinnen. Aber Uruguay hat in den letzten Jahren hervorragende Spieler gehabt, und das ist auch jetzt der Fall. Das Team macht seine Sache sehr gut. Die Uruguayer stehen in der Qualifikation auf dem zweiten Platz und haben es durch langfristige Arbeit geschafft, eine gute Mannschaft auf die Beine zu stellen. Außerdem verfügen sie in der Offensive über Leute, die in Europa Erfolge feiern. Wir müssen wachsam sein, obwohl wir auch gute Spieler haben und durchaus gewinnen können.
Wie würden Sie die mangelnden Erfolge der kolumbianischen Nationalmannschaft in den letzten Jahren erklären? Ist das Team jetzt bereit, den großen Sprung nach vorn zu tun?
Unser Traum und der des gesamten Landes ist die Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Derzeit verfügen wir über eine Generation mit sehr guten Spielern. Ich glaube, vor einigen Jahren hatten wir nicht so hochklassige Spieler. Bisher konnten wir in der kniffligen Qualifikation nicht gerade viele Tore erzielen, in dieser Hinsicht hatten wir kein Glück. Das bringt uns in eine sehr schwierige Situation. Aber deshalb sind wir ja jetzt hier: um ein Konzept umzusetzen, mit dem wir Spiele gewinnen können.
Womit kann Kolumbien das Ziel erreichen?
Vor allem mit Spielern, die in Europa erfolgreich sind. Das beste Beispiel ist [Radamel] Falcao in Spanien. Letztes Jahr hat er in der Liga eine tolle Saison gespielt und die UEFA Europa League gewonnen. Er spielt in der Nationalmannschaft eine wichtige Rolle.
Inwieweit kann der neue Nationaltrainer José Pekerman die Mannschaft positiv beeinflussen?
Mit ihm läuft alles sehr gut. Er ist ein Trainer, der über viel Erfahrung in der WM-Qualifikation verfügt und mit der argentinischen Auswahl bereits an der WM in Deutschland teilgenommen hat. Ich glaube, er wird uns sehr helfen.
Nach der Partie gegen Uruguay müssen Sie bei Tabellenführer Chile antreten. Mit wie vielen Punkten aus diesen beiden Partien wären Sie zufrieden?
Mit sechs Punkten. Über etwas anderes denken wir gar nicht nach. Uns ist bewusst, dass dies sehr schwierige Spiele werden, aber wir haben Spieler, mit denen wir in der Lage sind zu gewinnen.
Bei Kolumbiens letzter Teilnahme an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ waren Sie gerade einmal sieben Jahre alt. Haben Sie noch Erinnerungen daran?
Ich war noch ziemlich klein, kann mich aber noch an einige Dinge erinnern, zum Beispiel an das Tor von [David] Beckham gegen [Farid] Mondragón. Obwohl Kolumbien nach der ersten Runde ausgeschieden ist, war es eine gute WM. Jetzt hoffen wir, uns für die nächste Auflage qualifizieren und in Brasilien eine gute Leistung bringen zu können.
Träumen Sie davon, auf dieser Bühne in die Fußstapfen von Valderrama zu treten?
Ja, darauf hoffe ich! Es wäre ein Traum, bei einer WM dabei zu sein. Und nicht nur teilzunehmen, sondern auch den Titel gewinnen zu können. Da das Turnier in Brasilien stattfindet, könnten mehr Leute aus Kolumbien anreisen und dabei sein. Wir werden versuchen, eine gute Qualifikation zu spielen und 2014 dabei zu sein.
Noch eine letzte Frage: Wir wissen, dass Sie sich beim FC Porto sehr wohl fühlen. Würden Sie eines Tages trotzdem gern in einer anderen Liga spielen? Wenn ja, in welcher?
Ich weiß natürlich, dass ich noch jung bin und noch sehr viel lernen muss, aber ich würde gern einmal in Spanien spielen. Das ist eine Liga, die ich immer verfolgt habe. Sie ist anders als die englische, in der mit mehr Körpereinsatz gespielt wird. Der Fussball in Spanien ist mehr auf Technik und Ballbesitz ausgerichtet. Deshalb gefällt mir diese Liga so gut.







