Harnik: "Wir haben eine Chance"
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Für Martin Harnik hat sich der frühe Blick gen Süden als ein sonniger erwiesen. Im norddeutschen Hamburg geboren und aufgewachsen, ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines österreichischen Vaters beim süddeutschen Topklub VfB Stuttgart längst zu einer festen Größe avanciert. Nicht zuletzt auch dank seiner starken Auftritte im Trikot der Schwaben gehört die 24-jährige Offensivkraft zu den Hoffnungsträgern der neuen, ambitionierten Generation in der Nationalmannschaft Österreichs.

Dynamik, Schnelligkeit und Durchsetzungsvermögen sind die Markenzeichen Harniks, der bei der FIFA U-20-WM 2007 in Kanada mit Österreich sensationell bis ins Halbfinale vorstieß und damit erstmals auf der internationalen Bühne für Aufsehen sorgte. Mittlerweile kann er auf 66 Einsätze und 16 Tore im deutschen Klub-Oberhaus sowie auf 28 Länderspiele und sechs Treffer für Österreichs A-Nationalteam verweisen.

Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com verriet der Flügelstürmer, der privat stets bedacht und alles andere als draufgängerisch wirkt, dass mit dem 8,5 Millionen Einwohner zählenden Alpenland, das aktuell auf Platz 71 in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste rangiert, in der Zukunft durchaus zu rechnen sein wird.

Herr Harnik, können Sie als gebürtiger Hamburger eigentlich Ski fahren?
[lacht] Ich bin bereits früh mit meinen Eltern immer wieder im Winter nach Österreich zum Skifahren gereist. Das kann ich also auch ganz gut.

Norddeutschland und Österreich, das waren anfangs doch sicher zwei komplett verschiedene Welten für Sie, oder?
Nein, das kann man so eigentlich nicht sagen. Das ging ja nicht von heute von morgen, sondern war eine Entwicklung über Jahre hinweg. Dennoch sage ich mir immer wieder, das ist der Wahnsinn, wenn ich an mein erstes Jugendländerspiel für Österreich denke.

Ihr erstes großes internationales Turnier war die FIFA U-20-WM 2007 in Kanada, bei der sie mit Österreich überraschend Vierter wurden...
Die WM in Kanada war ein großer Dreh- und Angelpunkt in den Anfängen meiner Karriere. Ich denke noch heute mit Bauchkribbeln daran zurück. Wir schafften es damals, für unglaubliche Einschaltquoten im österreichischen Fernsehen zu sorgen, obwohl während unserer Spiele zuhause Nacht war. Wir erhielten plötzlich eine überwältigende Aufmerksamkeit und wurden zu Helden. Österreich war stolz auf uns. Das war eine wundervolle Erfahrung!

War das Ihr Durchbruch?
Der damalige österreichische Nationaltrainer Josef Hickersberger hatte das Turnier ganz genau verfolgt. Ich würde nicht nur behaupten, dass es mein Durchbruch war, sondern auch der Durchbruch vieler anderer Talente Österreichs. Aus dem damaligen U-20-Team sind heute fünf bis sechs Spieler regelmäßig im A-Kader dabei. Wir sind eine Generation, die in Kanada nicht nur mit Glück unter die besten Vier der Welt kam. Es war schlichtweg eine klasse Erfahrung damals, ein super Erlebnis!

Mittlerweile gehören Sie zu den absoluten Leistungsträgern der österreichischen A-Nationalmannschaft. Wo steht Österreich derzeit im Weltfussball?
Mit den Großen können wir uns natürlich nicht vergleichen. Da werden wir auch nicht hinkommen, da muss man realistisch sein. Wir sollten uns nicht an Mannschaften wie Deutschland orientieren. Aber Entwicklungen wie die der Schweizer Nationalmannschaft sind es, auf die wir blicken müssen. Dort sind ähnliche Voraussetzungen. Von daher kommt es uns sicher zugute, dass wir mit Marcel Koller nun einen Schweizer als Nationaltrainer haben.

Wie läuft es mit ihm?
Er ist ein unglaublich akribischer und fleißiger Arbeiter, achtet auf viele Kleinigkeiten und hat das Ganze dennoch im Blick.

Was fehlt Österreich im Vergleich mit Deutschland?
Wie schon angedeutet, der Vergleich mit den Deutschen hinkt. Deutschland ist nun seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich und besitzt diese gewisse positive Arroganz. Man ist dreimaliger Weltmeister und strahlt ganz einfach eine Mentalität des Siegens aus. Aber wir sollten uns nicht kleiner machen, als wir sind. Der österreichische Fussball befindet sich auf einem guten Weg.

Woran machen Sie das fest?
Ich denke vor allem an die zahlreichen österreichischen Spieler, die mittlerweile gute Rollen bei Klubs in den Top-Ligen Europas wie der deutschen Bundesliga und der englischen Premier League spielen. Unser Ziel muss es sein, die vorhandene Qualität als Kollektiv im österreichischen Nationalteam abzurufen. Dann sind wir nicht zu unterschätzen!

Bei der Qualifikation zur UEFA EURO 2012 ist Österreich mit Platz vier in der Gruppe A hinter Deutschland, der Türkei und Belgien gescheitert. Was ist hinsichtlich der FIFA WM 2014 möglich?
In der EM-Qualifikation hat man deutlich sehen können, dass uns noch die Konstanz fehlt. Wir hatten einige sehr gute Spiele und positive Ergebnisse. Und dann gab es auch wieder unerwartete Rückschläge wie das 0:0 in Kasachstan. Nun steht uns in der WM-Qualifikation eine ähnliche Gruppe bevor. Erneut sind die Deutschen und die Kasachen unsere Gegner. Ich glaube, wir haben eine Chance. Deutschland ist natürlich der klare Favorit und wird Platz eins belegen, aber Rang zwei kann für uns realistisch sein. Wir werden hoffentlich mit Schweden und der Republik Irland um den Playoff-Einzug kämpfen.

Immer wieder Deutschland. Für Sie etwas Besonderes?
[lacht] Was für eine Frage! Natürlich ist es etwas ganz Besonderes für mich, gegen die Deutschen zu spielen. Ich bin dort aufgewachsen, und nach wie vor sind 90% meiner Freunde Deutsche. Wir sollten zusehen, dass wir uns in den Duellen gegen sie nicht zu sehr selbst unter Druck setzen. Dann haben wir eine Chance, für eine Überraschung zu sorgen. Aber ich gebe auch gerne zu: Wenn wir bei einem Turnier wie bei der bevorstehenden EURO nicht dabei sind, dann drücke ich Deutschland die Daumen. Wie auch immer, aus Kräftemessen mit den Deutschen können wir immer lernen.

Können sich die Österreicher von den Deutschen die Siegermentalität abschauen?
Soweit würde ich nicht gehen. Es ist ja nicht so, dass die Österreicher generell über keine Siegermentalität verfügen. Im Gegenteil! Man braucht ja nur einen Blick auf die Skifahrer zu werfen. Da besitzt Österreich sehr wohl eine große Siegermentalität. Sie ist also vorhanden. Wir müssen sie im Fussball nur verinnerlichen.