
Eine gehörige Portion Aufbruchsstimmung war spürbar. Vor dreieinhalb Jahren empfing Österreich gemeinsam mit der Schweiz die europäische Elite. Große Hoffnungen wurden gehegt, schließlich sollte die UEFA EURO 2008 den Fussball in der rund 8,5 Millionen Einwohner zählenden Alpennation ein großes Stück nach vorne bringen. Was ist geblieben?
Zwar musste der Co-Gastgeber bereits nach der Gruppenphase die Segel streichen, doch die Rot-Weiß-Roten dürfen dennoch auf eine rosige Zukunft blicken. Grund dafür ist ihre neue Generation junger Internationaler, die sich in den kontinentalen Top-Ligen Woche für Woche mit den Hochkarätern messen. "Wir sollten uns nicht kleiner machen, als wir sind. Der österreichische Fussball befindet sich auf einem guten Weg", so Martin Harnik im Gespräch mit FIFA.com.
Mit 24 Jahren gehört der Nationalstürmer vom deutschen Bundesligisten VfB Stuttgart zu den großen Hoffnungsträgern. "Ich denke vor allem an die zahlreichen österreichischen Spieler, die mittlerweile gute Rollen bei Klubs der deutschen Bundesliga und der englischen Premier League spielen. Unser Ziel muss es sein, die vorhandene Qualität als Kollektiv im österreichischen Nationalteam abzurufen. Dann sind wir nicht zu unterschätzen!"
Keine Frage der Siegermentalität
Aktuell rangiert Österreich auf Platz 71 der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste. Im Spiel mit dem runden Leder ist man zwischen Wien, Graz, Innsbruck und Salzburg nicht gerade erfolgsverwöhnt. Das Potenzial ist vorhanden, wie man nicht zuletzt bei der FIFA U-20-WM 2007 sehen konnte, als Harnik und Co. in Kanada bis ins Halbfinale vorstießen. Aber fehlt es vielleicht an der notwendigen Siegermentalität?
"Soweit würde ich nicht gehen. Es ist ja nicht so, dass die Österreicher generell über keine Siegermentalität verfügen", wehrt sich Harnik vehement gegen dieses Vorurteil. "Im Gegenteil! Man braucht ja nur einen Blick auf die Skifahrer zu werfen. Da besitzt Österreich sehr wohl eine große Siegermentalität. Sie ist also vorhanden. Wir müssen sie im Fussball nur verinnerlichen."
Schweizer Fussball als Vorbild
Der pfeilschnelle und torgefährliche Angreifer muss es wissen. In der norddeutschen Metropole Hamburg geboren und aufgewachsen, gab man dem Sohn einer deutschen Mutter und eines österreichischen Vaters auch die fussballerischen Betrachtungsweisen des "großen Bruders" mit auf den Weg. "Der Vergleich mit den Deutschen hinkt. Deutschland ist nun seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich und besitzt diese gewisse positive Arroganz."
Vielmehr ist Harnik davon überzeugt, dass man sich an einem anderen Nachbarland orientieren sollte. "Mit den Großen können wir uns natürlich nicht vergleichen. Da werden wir auch nicht hinkommen, da muss man realistisch sein. Wir sollten uns nicht an Mannschaften wie Deutschland orientieren. Aber Entwicklungen wie die der Schweizer Nationalmannschaft sind es, auf die wir blicken müssen. Dort sind ähnliche Voraussetzungen. Von daher kommt es uns sicher zugute, dass wir mit Marcel Koller nun einen Schweizer als Nationaltrainer haben."
Der Glaube an die Chance
Sechs Tore in 28 Länderspiel-Einsätzen für die Rot-Weiß-Roten hat der treffsicherste Stuttgarter der Bundesliga-Hinrunde bislang verbuchen können. Damit gehört Harnik ebenso wie der erst 19 Jahre alte David Alaba von Bayern München, der kürzlich zu Österreichs Fussballer des Jahres gewählt wurde, zu den Juwelen im Koller-Ensemble. Nachdem man in der Qualifikation für die UEFA EURO 2012 in einer Gruppe mit Deutschland, der Türkei, Belgien, Aserbaidschan und Kasachstan als Viertplatzierter das Ticket nach Polen und in die Ukraine verpasste, gilt nun die ganze Aufmerksamkeit dem Weg zur FIFA WM 2014™ in Brasilien. Der Torjäger ist voller Zuversicht.
"Man hat deutlich gesehen, dass uns noch die Konstanz fehlt", so Harnik. "Nun steht uns in der WM-Qualifikation eine ähnliche Gruppe bevor. Erneut sind die Deutschen und die Kasachen unsere Gegner. Ich glaube, wir haben eine Chance. Deutschland ist natürlich der klare Favorit und wird Platz eins belegen, aber Rang zwei kann für uns realistisch sein. Wir werden hoffentlich mit Schweden und der Republik Irland um den Playoff-Einzug kämpfen."
Das Sieger-Gen eines Skifahrers
Für Österreich wäre es die achte Teilnahme an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™. Letztmalig war man in Frankreich 1998 dabei, musste aber nach der Vorrunde bereits die Heimreise antreten. Nur allzu gerne würde der außerhalb des grünen Rasens überlegt und zurückhaltend wirkende Harnik am Zuckerhut noch einmal jene Gefühlswelt durchleben, die er mit dem Treffen der U-20-Elite in Kanada verbindet. "Österreich war stolz auf uns. Das war eine wundervolle Erfahrung", erinnert er sich.
Das nötige Rüstzeug, um seine Farben abermals zum Ruhm zu führen, bringt der zwischen zwei Fussballwelten großgewordene Ausnahmestürmer jedenfalls mit. Und trotz seiner Kindheit und Jugend im flachen Norddeutschland kennt Harnik sich auch mit der speziell österreichischen Selbstverständlichkeit, zumindest auf den Brettern zu dominieren, bestens aus: "Ich bin bereits früh mit meinen Eltern immer wieder im Winter nach Österreich zum Skifahren gereist. Das kann ich also auch ganz gut." Was soll da noch schiefgehen?
Unser vollständiges Exklusiv-Interview mit Martin Harnik können Sie am morgigen Freitag hier auf der deutschen Sprachversion von FIFA.com lesen!







