• Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Dalic sprach mit FIFA.com
  • Der Ex-Coach von Al Ain brachte Kroatien in der WM-Qualifikation wieder auf Kurs
  • Er sprach über seine Arbeit und seine WM-Erinnerungen sowie über Kroatiens Rivalen in Russland

Anfang des vergangenen Jahres hätte Zlatko Dalic wohl nur laut gelacht, wenn man ihm gesagt hätte, dass er bei der nächsten FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ dabei sein würde.

Damals hatte er als Trainer des VAE-Klubs Al Ain noch daran zu knabbern, dass sein Team nach der knappen Niederlage im Finale der AFC Champions League die Teilnahme an der FIFA Klub-Weltmeisterschaft verpasst hatte. Das Nationalteam Kroatiens hielt unterdessen Kurs auf Russland 2018 und hatte im jüngsten Qualifikationsspiel ein überzeugendes 2:0 gegen Island eingefahren.

Zehn Monate später hingegen sah die Situation ganz anders aus: Kroatien brauchte dringend einen neuen Helden. Nach Niederlagen in Island und in der Türkei und einem mageren Heim-Unentschieden gegen Finnland lagen die Kroaten nicht mehr auf einem direkten Qualifikationsplatz und selbst das Erreichen der Playoffs war akut gefährdet. Der kroatische Verband hatte Dalic aus den VAE abgeworben und ihm vorläufig die Leitung der Nationalmannschaft übertragen – und es gelang ihm tatsächlich, das Blatt zu wenden. Im ersten Spiel unter ihrem neuen Interimstrainer feierten die Kroaten einen 2:0-Sieg in der Ukraine. Noch besser lief es dann in den Playoffs, in denen Kroatien zu einem beeindruckenden 4:1-Gesamtsieg gegen Griechenland kam.

Der von seinen Schützlingen hochgelobte 51-Jährige bekam die Leitung des Teams mittlerweile dauerhaft übertragen und bereitet sich und sein Team nun auf die WM-Teilnahme vor, die er noch vor Kurzem kaum für möglich hielt. "Mein Traum ist wahr geworden", sagte er gegenüber FIFA.com. "Ich bin stolz und empfinde meine Position als große Ehre."

Ganz besonders groß dürfte die Freude bei Dalic sein, da er selbst trotz einer respektablen Spielerkarriere bei Klubs wie Varteks und Hajduk Split nie in die Nationalmannschaft berufen wurde. Eine Zeitlang war Dalic später als Assistenztrainer bei Kroatiens U-21-Auswahl dabei. "Viele der damaligen Spieler stehen heute in der A-Nationalmannschaft, beispielsweise [Mario] Mandzukic, [Nikola] Kalinic, [Domagoj] Vida, [Sime] Vrsaljko und [Dejan] Lovren", so Dalic. "Und jetzt sind wir also wieder zusammen."

2010 hatte sich Dalic entschlossen, seine Karriere außerhalb Europas fortzusetzen. Seitdem betreute er verschiedene Teams in Saudiarabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Er sieht die sieben Jahre im Nahen Osten als großartige Erfahrung, doch die Gelegenheit, nach Europa zurückzukehren und sein Heimatland zur fünften WM-Teilnahme zu führen, konnte er sich natürlich nicht entgehen lassen.

FIFA.com: Wie sind Sie taktisch und mental an die Aufgabe herangegangen, Ihrer Mannschaft den nötigen Schub zu verleihen, als Sie zum Ende der WM-Qualifikation zum neuen Nationaltrainer ernannt wurden?
Zlatko Dalic: Ich muss sagen, dass das Lob voll und ganz den Spielern gebührt. Wir hatten nur sehr wenig Zeit für praktisches Training und konkrete Vorbereitung. Ich habe mich daher auf Gespräche, Kommunikation und Motivation konzentriert. Wir haben ein paar taktische Details verändert, doch am wichtigsten war es, den Spielern bewusst zu machen, dass dies ihre letzte Chance zum Erreichen der WM war. Sie haben sich genau im richtigen Moment gesteigert.

Luka Modric lobt Sie und ihre "phänomenale Arbeit." Wie wichtig ist die Unterstützung von Schlüsselspielern wie ihm?
Solche Äußerungen sind natürlich für jeden Trainer sehr befriedigend. Wenn ein Spieler wie Luka sich zufrieden zeigt, dann heißt das, dass man wohl etwas richtig macht. Ich motiviere die Spieler, ihr ganzes Potenzial zu entfalten und lege großen Wert auf ein gutes Verhältnis zu meinen Spielern. Das wird nicht unbedingt überall empfohlen, aber das ist nun mal mein Stil. Ich will den Spielern meine vollständige Unterstützung vermitteln und kommuniziere sehr intensiv mit ihnen. Für mich ist es sehr wichtig, das Vertrauen der Spieler zu haben. In der Nationalmannschaft sind die Spieler der Schlüsselfaktor. Ich habe da nur ein bisschen nachgeholfen. Wir haben eine starke Truppe mit wirklich sehr guten Spielern. Sie brauchten einfach nur einen kleinen Schubser in die richtige Richtung.

Wir haben ja schon kurz von Modric gesprochen. Sie waren vor Ort, als er in den VAE zum besten Spieler der FIFA Klub-Weltmeisterschaft gewählt wurde. Wie stark sehen Sie ihn wirklich und wie wichtig ist er für Kroatien?
Er hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig er für Real Madrid ist. Er hat fantastischen Fussball gespielt und war meiner Meinung nach mit Abstand der beste Spieler bei dem Turnier. Was Kroatien angeht: Er ist unser bester Spieler, der Motor, der die ganze Mannschaft antreibt. Und er geht als Kapitän stets mit gutem Beispiel voran. Er gibt immer sein Bestes und legt die Messlatte mit seiner vorbildlichen Einstellung, seiner Aggressivität und seiner Energie auf dem Platz sehr hoch – und auch mit seinem Verhalten abseits des Platzes.

Welche Prioritäten setzen Sie in den kommenden Monaten bei der WM-Vorbereitung?
Ich werde viel reisen und mich mit den Spielern und ihren Klubtrainern treffen, um über ihre aktuelle Form zu sprechen. Ich will nur uneingeschränkt fitte Spieler nominieren, und das wissen sie auch. Wir haben im März zwei Freundschaftsspiele geplant, gegen Peru und gegen Mexiko in den USA. Ich hoffe, dass wir im Juni gegen zwei noch stärkere Gegner antreten können. Wir wollen sehen, wie stark wir sind und was wir vor der WM noch verbessern müssen. Dabei wollen wir gegen Teams antreten, die unseren Gegnern in Russland ähneln.

Welche besonderen Stärken erkennen Sie bei Ihren Gegnern in Russland?
Island war schon in unserer Qualifikationsgruppe das beste Team. Wir kennen die Isländer sehr gut und haben in Reykjavik eine Niederlage gegen sie kassiert. Argentinien ist einer der Favoriten auf den Weltmeistertitel. Und Nigeria sehe ich als junges und erfolgshungriges Team mit sehr großem Potenzial. Das erste Spiel gegen Nigeria wird sehr wichtig, denn es bestimmt den weiteren Verlauf des Turniers für uns.

Und was sehen Sie als die wichtigsten Stärken Kroatiens?
Wir haben gute Spieler bei europäischen Spitzenklubs. Mit Akteuren wie Modric, Mandzukic, Rakitic, [Ivan] Perisic, Kalinic und weiteren haben wir viel individuelle Klasse. Aber am wichtigsten ist immer das Team. Ich bin überzeugt, dass der Stolz und der Patriotismus unserer Spieler, wenn sie für Kroatien auf dem Platz stehen, sehr wichtige Faktoren sind. Das müssen wir mit der individuellen Klasse unter einen Hut bringen. Wenn uns das gelingt, haben wir gute Chancen, unsere Ziele zu erreichen.

Man erinnert sich noch sehr gut an die Leistungen Kroatiens bei der FIFA Fussball-WM Frankreich 1998™. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Turnier? Wie wichtig war es für das Land?
Das war die erste WM, bei der ich als Zuschauer dabei war. Selbst heute noch empfinde ich überwältigende Gefühle, wenn ich daran zurück denke. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an unsere Leistungen denke und an die Siege, die wir gefeiert haben. Kroatien war erst Anfang der 1990er Jahre unabhängig geworden. Die WM kam schon bald nach dem Krieg. Damals bedeutete jedes Spiel der Nationalmannschaft viel mehr als nur Fussball. Mit diesem Team bei dieser WM haben wir Kroatien in der ganzen Welt bekannt gemacht. Wir wurden WM-Dritter. Die Siege gegen Deutschland und gegen die Niederlande haben dafür gesorgt, dass man Kroatien überall auf der Welt kannte – und natürlich Davor Suker, der den Goldenen Schuh gewann. Man kannte unser rot-weiß-kariertes Wappen und wusste, wie talentiert unsere Spieler sind. Die Bedeutung dieser WM für unser Land kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Sie brachte uns Anerkennung und Selbstvertrauen.