• Leigh Griffiths verwandelte binnen drei Minuten zwei Freistöße gegen England
  • Der schottische Stürmer über seine Technik und Einstellung
  • Schottland muss nun gegen Litauen und Malta siegen

Leigh Griffiths wird diese Woche 27. Grundsätzlich schaut er zwar lieber nach vorne – auf die nächste Herausforderung, das nächste Tor – doch der nahende Geburtstag bietet Anlass zur Reflexion.

Es ist jetzt über ein Jahrzehnt her, dass er zum Profi wurde, mit gerade einmal 16 Jahren. Ein Rohdiamant, noch etwas untergewichtig, aber offensichtlich talentiert. "Wenn man mir damals gesagt hätte, wie weit ich kommen würde, hätte mich das absolut gefreut", sagte er zu FIFA.com.

Ein paar Wochen vor seinem Profidebüt im Jahr 2006 für Livingston hatte Griffiths gesehen, wie ein Linksfuß mit einem spektakulären Freistoß für einen dramatischen Sieg in der UEFA Champions League für Celtic gesorgt hatte. Shunsuke Nakamuras perfekter Freistoß brachte einen 1:0-Sieg gegen den englischen Giganten Manchester United ein – und machte mächtig Eindruck auf Teenager Griffiths vor dem Fernsehbildschirm.

"Nakamuras Freistöße waren brillant und ich kann mich erinnern, dass ich Sie als Highlights immer und immer wieder angeschaut habe", so Griffiths. "Aber der eine gegen Manchester United in der Champions League sticht für mich einfach heraus. Ich denke, dass er der beste war. Ich habe mit Broony [Celtics und Schottlands Kapitän Scott Brown] gesprochen, denn sie haben zusammen gespielt und er sagte, dass Nakamura mit dem Ball am Fuß und bei Freistößen einfach ein Zauberer war."

Vorbilder sind eigentlich nicht so die Sache von Griffiths. Zwar bewundert er Nakamura, aber er war ein Fan von Hibernian und hat zu Vorbildern eine ganz eigene Einstellung: "Ich habe nie versucht, die Technik eines anderen Spielers zu kopieren", erklärt er. "Ich wollte immer mein eigenes Ding machen."

"Freistöße habe ich als Kind gar nicht so oft geübt. Aber ich habe es immer geliebt und liebe es immer noch, zu schießen. Jeder in der Celtic-Kabine wird bestätigen, dass es niemand so sehr wie ich liebt, zu schießen, Tore zu schießen. Egal ob im Training oder im Spiel, das wird mir nie langweilig."

Nur wenige aktive Fussballer schießen so hart oder exakt wie der schottische Nationalstürmer, was er mit seinem Freistoß-Doppelpack im Juni in der Qualifikation zur FIFA Fussball-WM Russland 2018™ untermauerte.

Dass er ausgerechnet mit einem Traumtor gegen den "alten Feind" sein erstes Länderspieltor erzielte, wäre ja schon ein Traum. Aber das dann drei Minuten später mit einem fast identischen Tor zu wiederholen, ließ selbst erfahrene Beobachter mit offenen Mündern dastehen. Gordon Strachan, Schottlands Nationaltrainer und zufälligerweise auch Celtic-Coach bei Nakamuars Freistoßtor, sagte danach: "Ich habe gerade Schottlands besten Freistoß jemals gesehen und Schottlands zweitbesten Freistoß jemals."

Sogar Joe Hart, der zuvor in 646 Länderspielminuten mit England kein Tor kassiert hatte, ließ es sich nicht nehmen, dem Torschützen nach Abpfiff die Hand zu schütteln. "Ich habe mir die Freistöße immer und immer wieder angesehen und wir hätten vier oder fünf Crouchys [Peter Crouch] in der Mauer gebraucht, um sie aufzuhalten", so Hart nach der Partie. "Ich wollte ihm gratulieren und mit ihm über die Freistöße sprechen, denn mich hat sein Gedankengang in diesen Situationen interessiert."

Es kam zu einem Gespräch, an das sich Griffiths sehr gut erinnert. "Er gratulierte mir und sagte, dass er erwartet hätte, dass ich den ersten Freistoß flattern lassen würde", erinnert er sich. "Ich hatte so schon mal gegen England in Wembley geschossen, daher war er überrascht, dass ich den ersten Freistoß schlenzte. Für den zweiten war er bereit, aber er sagte, dass der einfach perfekt platziert war. Er meinte, dass er sich so lang wie möglich gemacht habe, aber einfach nicht mehr ran kam."

Griffiths über Freistoß 1
"Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich total ruhig war. Es ging gegen England, wir lagen 0:1 hinten, dann weiß man, wie wichtig das ist. Ich habe mich vor allem darauf konzentriert, auch das Tor zu treffen. Ich musste sicher gehen, dass ich nicht die Mauer treffe und den Torwart zumindest etwas fordere. Ich wusste, dass wir Jungs haben, die auf einen Abpraller gehen würden. Glücklicherweise habe ich ihn so gut getroffen, dass es dazu gar nicht kam."

Griffiths über Freistoß 2
"Es war von Anfang an klar, dass ich nun ins andere Eck zielen würde. Ich erinnere mich noch, dass ich Stuart [Armstrong, ein Mitspieler, der ebenfalls am Ball stand] sagte: 'Wenn ich ihn über die Mauer kriege, geht er rein.' Ich wusste, wie fest ich schießen würde und dass Hart nicht herankommen würde. Nachdem der Ball den Fuß verlassen hatte, habe ich bereits gejubelt. Das kann man in der Wiederholung sehen."

Der Ausgleichstreffer von Harry Kane in der Nachspielzeit war natürlich ein Dämpfer und verhinderte das Happy End für Griffiths' Freistoßmärchen. "'Gemischte Gefühle' gibt es nicht mal annähernd wieder", erinnert er sich und schüttelt dabei den Kopf. "Aber ich war immer noch glücklich, diese ersten Tore erzielt zu haben, denn die Leute fingen schon an darüber zu reden, dass ich nicht treffe. Ich hatte das Gefühl, etwas bewiesen zu haben."

Punkte allerdings fehlen Strachans Team in der WM-Qualifikation ein paar – nur acht hat man bisher eingefahren, was hinter England (14), der Slowakei (12) und Slowenien (11) nur zu einem enttäuschenden vierten Platz in der Gruppe F reicht. Während es so aussieht, als sollte Schottland bei der fünften WM in Folge nur Zuschauer sein, glaubt Griffiths nach einer Saison, in der er mit Celtic das Tripel gewann, noch an die WM-Teilnahme.

"Wir werden nie aufgeben", versprach er. "Solang es mathematisch möglich ist, geben wir alles. Aber die nächsten zwei Spiele [in Litauen und zuhause gegen Malta] müssen wir definitiv gewinnen. Weniger als sechs Punkte aus den beiden Partien und wir können es vergessen. Aber wenn wir diese Spiele gewinnen und im Oktober darauf aufbauen, können wir es noch packen."

Es muss schon etwas Außergewöhnliches her, damit Schottland zur WM fährt. Aber mit Griffiths haben sie zumindest einen Spieler, der für außergewöhnliche Momente sorgen kann.