• Fünf Tore in einem WM-Spiel - Rekord
  • Ein weiterer Rekord durch Roger Milla
  • "Ich träumte davon, dass ich viele Tore schießen würde"

Oleg Salenko ist nicht gerade begeistert davon, dass seine gesamte Karriere oftmals auf ein einziges Spiel reduziert wird, nämlich auf die Begegnung zwischen Russland und Kamerun in der Gruppenphase der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1994™ in den USA. In dieser Partie erzielte er fünf Treffer und erlangte sofort Weltruhm.

Doch er bleibt gelassen, was diesen beispiellosen Erfolg angeht, und hat akzeptiert, dass er nun Teil der Fussballgeschichte, der Geschichte des russischen Nationalteams sowie seiner persönlichen Geschichte ist.

Die Karriere
Salenko kann mit Fug und Recht jeden eines Besseren belehren, der behauptet, das besagte Spiel in Palo Alto sei der einzige herausragende Moment seiner Karriere gewesen. 1986 gab er im Alter von gerade einmal 16 Jahren sein Debüt bei Zenit Leningrad. Er wurde im Spielverlauf eingewechselt und erzielte beim 4:3-Erfolg des Teams gegen Dynamo Moskau gleich den Siegtreffer. Damit eroberte er die Herzen der Fans im Sturm. Drei Jahre später sorgte sein Wechsel zu Dynamo Kiew für Schlagzeilen, weil es der erste Transfer in der Sowjetunion war, bei dem offiziell Geld von einem Klub zu einem anderen wanderte.

Der ehemalige Stürmer ist selbst halb Russe und halb Ukrainer, sodass Kiew für ihn wie eine zweite Heimat war. Mittlerweile ist er dauerhaft dorthin zurückgekehrt, nachdem er ein Jahrzehnt lang den gesamten Kontinent bereist und bei Klubs in Spanien, Schottland, der Türkei und Polen sowohl Höhen als auch Tiefen erlebt hat.

Salenko hatte bereits bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft 1989 in Saudiarabien einen Vorgeschmack auf die Meisterleistung gegeben, die er fünf Jahre später in den USA erbringen sollte. Mit einer Bilanz von fünf Toren in vier Spielen wurde er zum ersten Mal in seiner Karriere mit dem Goldenen Schuh ausgezeichnet.

Die Reise in die USA trat er 1994 in absoluter Hochform an, denn er hatte zuvor beim spanischen Klub CD Logroñés eine Traumsaison hingelegt und 17 Treffer erzielt. Russland hatte damals auf dem Platz zwar mit Schwierigkeiten zu kämpfen, aber dennoch war der Konkurrenzkampf um einen Platz in der Startelf groß, sodass Salenko im ersten Spiel gegen Brasilien zunächst auf der Ersatzbank Platz nehmen musste.

Überraschenderweise war Salenkos geschichtsträchtiger Auftritt gegen Kamerun gleichzeitig auch sein letzter im russischen Nationaltrikot. Der neue Cheftrainer, der das Amt nach dem Turnier übernahm, beschloss, neue Gesichter ins Team zu bringen. Außerdem hatte Salenko später mit Verletzungen zu kämpfen, die weitere Länderspielauftritte verhinderten.

Der Rekord
Nach zwei Niederlagen in den beiden ersten Spielen gegen Brasilien (0:2) und Schweden (1:3) befand sich Russland vor der Partie gegen Kamerun in einer prekären, doch nicht hoffnungslosen Situation. Beim damaligen Turnierformat gab es die Möglichkeit, als drittplatziertes Team der Gruppe in die nächste Runde einzuziehen. Salenko, der bereits gegen Schweden eine beeindruckende Leistung gebracht hatte, tat alles was erforderlich war, um seinem Team eine Chance zu geben.

In der 16. Minute brachte er Russland mit einer abgebrühten Leistung in Führung, als er den Ball zwischen den Beinen des kamerunischen Torhüters Jacques Songo’o hindurch in die Maschen jagte. Dieser gab an jenem Tag sein Debüt und ersetzte die kamerunische Torwartlegende Joseph-Antoine Bell. In der 41. Minute verdoppelte Salenko dann seine Ausbeute, als er die Kameruner überrumpelte und den Ball von der Strafraumgrenze aus ins leere Tor schob. Eine Minute vor der Halbzeitpause machte der Mann mit der Rückennummer neun dann den Hattrick perfekt. Nach einem Foul an Ilya Tsymbalar verwandelte er den fälligen Elfmeter.

In der Begegnung wurde übrigens neben Salenkos Torausbeute noch ein zweiter WM-Rekord erzielt: Zu Beginn der zweiten Halbzeit reduzierte der eingewechselte 42-jährige Roger Milla den Rückstand seines Teams um einen Treffer und avancierte damit zum ältesten Torschützen der Turniergeschichte. An einem anderen Tag hätte dieser Treffer die Russen vielleicht gezwungen, die Führung zu verteidigen, doch da die Tordifferenz vermutlich entscheidend dafür sein würde, welche drittplatzierten Teams ins Achtelfinale einziehen, musste man weiterhin alles nach vorn werfen.

17 Minuten waren seit Anpfiff der zweiten Halbzeit vergangen, als Salenko seinen vierten Treffer erzielte. Omari Tetradze hatte das Leder von der Torauslinie aus auf ihn zurückgelegt. Damit zog er mit Fussball-Legenden wie Leonidas, Sándor Kocsis, Just Fontaine, Eusébio und anderen gleich. Nur drei Minuten später setzte er noch eins drauf und ließ damit all diese Legenden hinter sich. Dmitri Khlestov spielte ihm den Ball in den Lauf, und er beförderte ihn mit einem geschickten Heber über Songo’o hinweg zum 5:1 ins Netz. Auf der Anzeigetafel stand sogleich in Leuchtbuchstaben "WM-Rekord" zu lesen, doch Salenko schaute gar nicht hin. Er steuerte sogar noch eine Torvorlage bei und legte für seinen Sturmpartner Dmitri Radchenko, mit dem er in Leningrad gemeinsam in die Fussballkarriere gestartet war, den sechsten Treffer Russlands auf.

Zum Leidwesen der Russen mussten jedoch noch einige Gruppenspiele ausgetragen werden, bei denen die Teams wussten, welche Ergebnisse sie für das Weiterkommen brauchten – und sie erreichten diese Ergebnisse. Die Sbornaja musste die Heimreise antreten, doch Salenkos sechs Tore bei der WM 1994 in den USA sicherten ihm gemeinsam mit dem bulgarischen Angreifer Hristo Stoichkov den Goldenen Schuh.

Erinnerungen
"Wir wollten weiterkommen", erklärte Salenko in einem Interview mit FIFA.com, "vor allem, weil es möglich war, als Drittplatzierter in die nächste Runde einzuziehen. Doch das Glück war nicht auf unserer Seite. Wir hatten mit Brasilien und Schweden zwei sehr starke Teams in der Gruppe, nämlich den späteren Weltmeister und den Drittplatzierten."

"Die Kameruner hatten vor dem Turnier ihre Probleme gehabt, doch sämtliche Unstimmigkeiten im Team waren vor dem Spiel gegen uns beseitigt worden, und nun brauchten sie unbedingt einen Sieg. Es war praktisch dasselbe Team, das bei der WM 1990 eine solche Sensation gewesen war, nur eben vier Jahre älter. Roger Milla war bereits 42!"

"Ich habe mir mit Dmitri Radchenko ein Zimmer geteilt, und wir konnten uns gegen Kamerun beide in die Torschützenliste eintragen. In der Nacht vor dem Spiel träumte ich, dass ich viele Tore schießen würde. Manchmal hat man solche Vorahnungen. Allerdings hätte ich nie gedacht, dass es gleich fünf werden würden! Psychologie ist im Fussball sehr wichtig. Du musst wissen, wie du dich auf ein Spiel vorbereitest. Wir hatten nichts zu verlieren und mussten so hoch wie möglich gewinnen. Und das haben wir auch getan."

"Das erste Tor war zweifellos besonders wichtig. Danach beginnst du, Spaß am Spiel zu haben, und vieles entwickelt sich zu deinen Gunsten. Vor dem fünften Treffer wusste ich bereits als ich auf Songo'os Tor zulief, dass ich den Ball über ihn hinweg heben und treffen würde."

"Während des Spiels dachte ich nicht an den Rekord. Es wurde zwar etwas über die Lautsprecheranlage durchgesagt, aber du bist so auf das Spiel konzentriert, dass du nicht wirklich zuhören kannst. Außerdem war die Ansage auf Englisch."

"Nach dem Abpfiff mussten Radchenko und ich zur Doping-Probe. Die Partie fand um ein Uhr nachmittags statt, bei einer Temperatur von 40 Grad. Wir waren unglaublich dehydriert, und es dauerte anderthalb Stunden, bis wir die Probe geben konnten. In den Medien war der Rekord ein großes Thema, aber bei uns kam nichts davon an. Mir wurde eigentlich erst nach meinem Karriereende so richtig bewusst, dass ich einen FIFA-WM-Rekord hielt."

"Vor fünf Jahren bot mir jemand an, meinen Goldenen Schuh in die Vereinigten Arabischen Emirate zu verkaufen, wo man die Ausrichtung eines großen Turniers und die Eröffnung eines Museums für sportliche Höchstleistungen plante. Das Turnier ist nicht zustande gekommen, und aus dem Projekt wurde nichts, doch ich war froh darüber. Als ich darauf angesprochen wurde, stellte ich die Trophäe im Restaurant des Olimpijskyj-Stadions in Kiew aus, sodass die Leute sie sich anschauen und Fotos machen können – und um ihr Interesse zu wecken. Ich fände es schön, wenn die Trophäe während der WM 2018 in Russland etwas Aufmerksamkeit bekäme, denn sie ist eine Anerkennung für die gesamte russische Nationalmannschaft, nicht nur für mich persönlich."