Manche Menschen sind aus einem besonderen Holz geschnitzt. Der Lette Kaspars Gorkšs etwa aus einem sehr widerstandsfähigen. Mit 35 Jahren ist der 1,91 Meter große Abwehrhüne, der unter anderem für Queens Park Rangers, Reading und Wolverhampton aktiv war, nach wie vor die tragende Säule der Hintermannschaft Lettlands. Kein Wunder, dass er auch der Kapitän des Nationalteams ist. Seine mentale Stärke und sein eiserner Wille machen in den Augen seiner Fans den besonderen Wert des Letten aus.

"Ich bin kein Mensch, der sich etwas einbildet oder sich selbst rühmt. Es ist nicht meine Aufgabe zu sagen, ob meine Karriere gut oder erfolgreich war. Sicher ist, dass sie sehr ausgefüllt war und noch nicht ganz zu Ende ist", betont der Verteidiger im Gespräch mit FIFA.com. 20 Jahre nach seinem Debüt beim lettischen Zweitligisten Auda Riga, der heute von seinem Vater Juris geleitet wird, hat Gorkšs tatsächlich noch einen neuen Vertrag bei FK Liepāja unterschrieben. Und damit stillschweigend den verlängert, der ihn seit 2005 an die Sarkanbaltsarkanie bindet (so werden die lettischen Nationalspieler genannt).

"Ich liebe den Fussball. Er ist meine Liebe, meine Leidenschaft, mein Antrieb. Es stimmt, dass die Trainingseinheiten seit einigen Jahren zunehmend härter für mich werden, aber der Fussball verschafft mir immer noch die schönsten Gefühle der Welt. Nichts lässt sich mit der Aufregung und dem Adrenalin vergleichen, die in mir aufsteigen, wenn am Wochenende der Moment des Spiels naht", verrät er. Auf Klubebene weiterzumachen, ist eine Sache. Aber auch in der Nationalmannschaft? "Ich glaube, dass ich Lettland noch einiges geben kann: Führungsstärke oder Erfahrung. Die Nationalmannschaft liegt mir sehr am Herzen, es ist eine genauso große Leidenschaft wie das runde Leder. Wenn ich eines Tages in der Nationalmannschaft aufhöre, werde ich ganz mit dem Fussball aufhören. Das eine geht nicht ohne das andere."

Gewiss, der Gorkšs von heute ist nicht mehr so flink wie der, der 2009 und 2010 in seinem Heimatland als Fussballer des Jahres ausgezeichnet wurde. Aber sein Einfluss auf die lettische Mannschaft, die nur knapp die Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010 verpasste, ist noch genauso groß wie damals. Erst am letzten Spieltag der Gruppenphase entschied sich das Schicksal des Teams. Es musste sich letztlich hinter Griechenland und der Schweiz mit dem dritten Platz in Gruppe 2 begnügen.

"Ein solches Missgeschick hinterlässt ewiges Bedauern, aber alle Fussballspieler haben Träume, von denen manche erreicht werden und andere nicht erfüllt werden können. Am Anfang meiner Karriere war es eines meiner Ziele, in der Premier League zu spielen. Das ist mir gelungen, das freut mich sehr. In der Nationalmannschaft war es mein Traum, an der Endrunde eines großen Turniers teilzunehmen. Ich stelle mir vor, dass dies ein Höhepunkt sein muss. Leider war dies nicht möglich und ja, es könnte sein, dass ich das sehr bereuen würde, wenn ich das abhaken müsste."

"Aufsteigerkönig"
Die Möglichkeitsform ist bewusst gewählt. Lettland hat nach wie vor Chancen auf die Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018. Das Team hat indes nicht den besten Start erwischt und liegt auf dem fünften Rang in Gruppe B, nachdem erst ein Sieg gegen Andorra (1:0) zu Buche steht. "Die Hoffnungen auf eine Qualifikation sind gering, aber man muss daran festhalten. Solange es rechnerisch möglich ist, muss man unbedingt daran glauben und weiterarbeiten", sagt er wenige Tage vor der entscheidenden Partie gegen die Schweiz. "Dieses Spiel verspricht genauso schwer zu werden wie die anderen! Das Schweizer Team vereint Können und Jugend, sie haben super Spieler und sind sehr gut in die Qualifikation gestartet. Aber das Schöne am Fussball ist seine Unvorhersehbarkeit: Nichts steht vorher fest, alles ist möglich. Für Lettland ist ein solches Spiel eine goldene Gelegenheit, um zu zeigen, dass wir uns verbessern und nach oben schauen."

"Nach oben schauen" - aus dem Munde von Kaspars Gorkšs sind das keine leeren Worte. Der Verteidiger war an nicht weniger als drei Aufstiegen aus der Championship in die Premier League beteiligt, jedes Mal in einem anderen Trikot (Blackpool 2006/07, QPR 2010/11 und Reading 2011/12.) "In England nannte man mich den 'Aufsteigerkönig'", bestätigt er. "Ich habe tolle Erinnerungen an diese Zeiten. Aber ich sehe darin eher einen Zufall als irgendetwas anderes. Ich war nicht mehr als ein Glied in der Kette." Ein besonders solides und widerstandsfähiges.