Das Leben von Alireza Jahanbakhsh wurde stark von der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ geprägt. Die Auflage von 2014, bei der er mit gerade 20 Jahren eine Schlüsselrolle im iranischen Nationalteam spielte, war für den Flügelspieler der bisherige Höhepunkt - zumindest in sportlicher Hinsicht. Aber das Turnier hatte schon weit vor der Reise nach Brasilien die Richtung bestimmt, die sein Leben nehmen sollte.

"Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich zu Hause mit meiner Familie die WM 2006 sah", erklärt er im Gespräch mit FIFA.com. "Während eines Spiels drehte sich mein Vater zu mir und sagte: 'Das ist mein größter Traum - dich eines Tages in diesem Trikot bei einer WM zu sehen.' Ich war damals noch ein Kind. Keiner von uns hätte sich vorstellen können, dass ich nur acht Jahre später genau dies tun würde. Aber sein Traum wurde definitiv zu meinem Traum, und ich war entschlossen, alles dafür zu tun, ihn wahr werden zu lassen."

Diese Entschlossenheit führte dazu, dass er sich nicht scheute, einige harte und mutige Entscheidungen zu treffen. So beschloss der damals 19-Jährige, Iran zu verlassen und zu einem unbekannten Klub in einem fremden Land und Kontinent zu wechseln. Das Angebot des niederländischen Vereins NEC zu akzeptieren, war beileibe nicht die einzige Option und erst recht nicht der einfache Weg. Der Teenager war in einem engen familiären Umfeld aufgewachsen, und seine Mutter "weinte sehr viel", als der Wechsel nach Europa konkret zu werden begann. Aber auf die Frage, ob dies ein notwendiger Schritt gewesen sei, ist seine Antwort unmissverständlich:

"Ich wusste, dass ich gehen muss und dass es viel leichter sein würde, es in die Nationalmannschaft zu schaffen, wenn ich nach Europa wechsle", erklärt Jahanbakhsh. "In Iran machte ich meine Sache gut, aber ich war in einem relativ kleinen Verein (Damash Gilan) und es war schwer, den Durchbruch zu schaffen. Außerdem wusste ich, dass Carlos Queiroz diejenigen sehr wertschätzte, die nach Europa gingen und lernten, wie sich die Spieler dort ernähren, wie sie trainieren - alle Elemente, die es einem Fussballer ermöglichen, sein ganzes Potenzial auszuschöpfen."

"Als ich also das Angebot aus Holland hatte, zögerte ich nicht. Ich wusste, dass ich es tun musste, und tatsächlich war ich innerhalb von wenigen Monaten im Nationalteam. Natürlich war es hart, meine Familie zu verlassen und mit 19 in ein so fremdes Land mit einer ganz anderen Kultur zu gehen. Aber ich habe nicht einen Moment daran gezweifelt, dass es nötig war, um meine Ziele zu erreichen."

Botschafter in Brasilien
Die Tatsache, dass er innerhalb eines Jahres zu einem WM-Teilnehmer avancierte, obwohl er vor seinem Wechsel kein einziges Mal nominiert worden war, rechtfertigt diese anfänglichen Opfer. Es verrät auch, wie scheinbar mühelos sich Jahanbakhsh an das Leben und den Fussball in den Niederlanden gewöhnt hat. Praktisch über Nacht wurde er als große Entdeckung gefeiert. Schon ab der ersten Saison galt der junge iranische Flügelspieler als eines der spannendsten Talente der Meisterschaft. Daran änderte auch nichts, dass der regelmäßig gegen den Abstieg kämpfende Verein am Ende den Gang in die zweite Liga antreten musste.

Im Rennen um die Auszeichnung mit dem Johan-Cruyff-Preis, mit dem der beste junge Spieler der Eredivisie geehrt wird, musste er nur Memphis Depay den Vortritt lassen und wurde Zweiter. Jahanbakhsh baute auf den Erfolgen seiner Debütsaison auf und wurde in der folgenden Spielzeit sowohl im Verein als auch in der zweiten niederländischen Liga zum Spieler des Jahres gewählt. Die Konsequenzen waren ein heißes Wettbieten um seine Unterschrift, die sich am Ende AZ Alkmaar sicherte, sowie ein Platz in der Startelf in Brasilien 2014.

"Die WM war fantastisch", sagt er im Rückblick. "Allein schon dort zu sein - in so jungem Alter, nach ein paar Monaten in Europa - war unglaublich. Aber dann auch noch zu spielen und diese unglaubliche Atmosphäre auf dem Platz zu erleben, war wie ein Traum für mich. Außerdem habe ich sehr viel gelernt in diesem Umfeld gegen einige der besten Spieler der Welt. Das sind Erfahrungen, die ich hoffentlich bei der nächsten WM beisteuern kann und die uns hoffentlich dabei helfen, einen Schritt weiter zu kommen, denn wir sind in unserer Gruppe in Brasilien ein wenig unglücklich ausgeschieden."

Das WM-Abenteuer der Iraner endete erst nach dem erstaunlichen Last-Minute-Treffer von Lionel Messi, der ihnen einen hart erkämpften Punkt gegen Argentinien verwehrte. Dennoch hatte das Team von Carlos Queiroz seine Sache gut gemacht, und Jahanbakhsh hatte stets die Mahnung seines Vaters im Kopf: "Denk daran, dass 80 Millionen Iraner von zu Hause aus zuschauen."

"Daran werde ich immer denken", versichert er, "weil ich noch weiß, wie ich selbst einer von diesen 80 Millionen war, die das iranische Team verfolgten, hofften und beteten. Ich bin mit diesen Emotionen zur WM gefahren und habe versucht, sie auf eine positive Weise mit auf den Platz zu nehmen. Ich bin ein sehr stolzer Iraner - ich stecke viel Arbeit hinein, um für diese Fahne zu kämpfen - und ich bin auch sehr emotional. Ich spüre eine große Verantwortung und eine riesige Motivation, meine Familie und mein Land stolz zu machen, wenn ich für das Nationalteam spiele. Und ich spüre auch ihre Unterstützung."

Undurchdringliche Defensive
Jahanbakhsh ist sich außerdem der Unterstützung bewusst, die er von seinem Coach Carlos Queiroz erhält, und ist ihm dankbar dafür. "Ich arbeite wirklich gerne mit ihm zusammen", sagt der junge Star von AZ. "Er hat mich reingebracht, als ich gerade 19 war, und sein Vertrauen in mich gesetzt. Ich habe ihm und seinen Assistenten viel zu verdanken. Er ist ein Trainer, der es gerne sieht, wenn sich junge Spieler verbessern und entwickeln. Für jemanden wie mich, der immer lernen will, ist das perfekt. Ich genieße die Beziehung, die wir haben, und weiß, dass die Menschen in Iran sehr zufrieden mit seiner Arbeit sind."

Tatsächlich gibt es kaum Grund zur Klage. Queiroz hat Iran zur letzten WM geführt und sich nun mit seinem Team eine exzellente Ausgangsposition erarbeitet, um auch bei der nächsten dabei zu sein. Fünf Spiele müssen die Iraner in ihrer Gruppe der dritten Qualifikationsrunde noch bestreiten, in der sie an der Spitze der Tabelle liegen. Bemerkenswert ist, dass das Team noch keinen einzigen Gegentreffer kassiert hat.

"Wir verteidigen extrem gut als Einheit, und das zeigt sich in diesen Statistiken", sagt Jahanbakhsh. "Aber ich glaube, dass wir auch ein gutes Gleichgewicht zwischen Angriff und Abwehr haben. Die Spieler in der Offensive eröffnen uns viele gute Optionen. In diesem Moment sind wir in einer guten Position, um es zur WM zu schaffen. Aber es liegen zwei sehr wichtige Spiele vor uns - Katar auswärts und China zu Hause. Wenn wir gewinnen, wäre das ein großer Schritt, um unser Ziel zu erreichen. Eines ist sicher: Wir sind in guter Form und haben nichts zu befürchten. Wir haben viele hochklassige Spieler, eine gute Organisation und einen starken Kampfgeist. Ich hoffe, dass wir all das nächstes Jahr in Russland zeigen können."

Für das iranische Team zeigt der Trend eindeutig nach oben - ganz wie für seinen jungen Flügelstürmer. Und im Moment deutet alles darauf hin, dass die WM in Jahanbakhshs Werdegang weiterhin eine zentrale Rolle einnehmen wird.