Im Juni 2016 übernahm Adenor Leonardo Bachi, Tite, das Amt des brasilianischen Nationaltrainers. Die wohl legendärste Nationalmannschaft der Welt befand sich in einer kritischen Situation. Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ war man vor eigenem Publikum vorgeführt worden, und nun rangierte das Team in der Qualifikation für die WM in Russland auf einem Tabellenplatz, der nicht zur WM-Teilnahme berechtigte.

Tite gab sein Debüt im August beim Spiel gegen Ecuador in Quito. Sieben Monate und acht Siege später hatte Brasilien sich nach einer überragenden Leistung als erstes Team neben Gastgeber Russland für das Weltturnier qualifiziert. Die Seleção gewann die Südamerika-Qualifikation mit beeindruckenden Zahlen in der "Ära Tite": Zehn Siege und zwei Unentschieden sowie 30 Tore bei nur drei Gegentoren standen für das Team zu Buche.

FIFA.com sprach im Exklusiv-Interview mit dem Mann, der das "brasilianische Wunder" zu verantworten hat. Nachfolgend der erste Teil des Interviews mit Tite.

Wenn Sie für Ihre Karriere ein "Ranking der Glücksgefühle" erstellen müssten, an welcher Stelle stünde dann der Augenblick nach dem Abpfiff der Partie gegen Paraguay, nach dem die WM-Teilnahme besiegelt war?
In beruflicher Hinsicht würde ich sagen, eine 8 auf einer Skala von 1 bis 10. Ein Weltmeistertitel wäre aufgrund des großen Einsatzes und der Entwicklung der Mannschaft die 10.

Waren Sie anfangs eher glücklich oder erleichtert?
[Lacht schallend]. Anfangs war ich erleichtert. Ich war erleichtert darüber, dass wir zu alter Stärke zurückgefunden hatten. Später kam dann ein Glücksgefühl auf. Vom Spiel gegen Paraguay bis zur Partie gegen Chile [am letzten Spieltag], weil wir Charakter und Respekt gezeigt haben – vor der eigenen Arbeit und den anderen am Qualifikationswettbewerb teilnehmenden Teams.

Marcelo hat vor einigen Monaten gesagt: "Wir haben alles Tite zu verdanken, weil er alles verändert hat." Was haben Sie verändert?
Diese Aussage von Marcelo ist symbolisch zu verstehen, als Dank für die Arbeit, die wir in einem äußerst schwierigen Moment vollbracht haben und die uns schließlich zur WM-Qualifikation geführt hat. Doch all das haben wir in erster Linie der Klasse der Spieler zu verdanken und der Arbeit eines ganzen Teams. Ich war natürlich der Verantwortliche, aber das Mitarbeiterteam hat dafür gesorgt, dass alles funktioniert. Hinzu kommt, dass man hier ganz anders arbeiten muss. Wir sind zwar seit 17 Monaten verantwortlich, doch das entspricht zwei Monaten Arbeit, da es nur wenige Zusammenkünfte, wenig Kontakt zu den Spielern gibt. Die Arbeit des Trainerstabs einer Nationalmannschaft unterscheidet sich sehr von der Vereinsebene.

Inwiefern war die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio, die kurz nach Ihrem Amtsantritt errungen wurde, hilfreich für Sie? Sie schien nach der WM 2014 ein Befreiungsschlag zu sein.
Die Olympischen Spiele waren für einige Spieler wie Neymar, Marquinhos, Gabriel Jesús und Renato Augusto eine wichtige Erfahrung und haben zu einer Leistungssteigerung der brasilianischen Mannschaft beigetragen. Sie haben eine wichtige Rolle gespielt, und diese Rolle und der Gewinn der Goldmedaille haben sich dann auch auf die A-Nationalmannschaft ausgewirkt.

Wie haben Sie es geschafft, über Monate hinweg ein so hohes Niveau aufrechtzuerhalten?
Ich habe von den Spielern gefordert, nach hervorragenden Leistungen zu streben, immer besser zu werden – unabhängig davon, ob die WM schon in trockenen Tüchern ist oder nicht. Die Herausforderung war, besser zu sein als der Gegner, spielerisch und auch in Bezug auf den Zusammenhalt. Wenn man mehr Leistung fordert, steigt das technische Niveau. Wenn man Ergebnisse fordert, zieht das eher herunter. Wir haben keine Kontrolle über das Endergebnis, wohl aber über die Leistung. Ich bin ein Trainer, der ein hohes Leistungsniveau fordert. Vielleicht ist das der Antrieb, der diese Mannschaft dazu motiviert, sich weiterzuentwickeln.

Wie haben Sie es geschafft, Neymars Potenzial voll auszuschöpfen?
Ich habe ihm weder die Gesamtverantwortung für seine Situation aufgebürdet, noch habe ich ihn mit seiner Verantwortung konfrontiert. Stattdessen habe ich jedem Teammitglied die Verantwortung für eine kleine Parzelle übertragen. Es ist ganz einfach, einem der drei besten Spieler der Welt die Verantwortung aufzulasten. Aber jeder Einzelne von uns trägt eine Teilverantwortung für das, was passiert. Auf diese Weise können die einzelnen Spieler sich entfalten, ihr kreatives Talent zur Geltung bringen. Es gilt, die kollektive Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen, nicht den Einzelnen.

Es gibt einen Neymar, den die Fans  nicht kennen. Was hat Sie an diesem Neymar überrascht, den Sie selbst ja auch nicht kannten, bevor Sie mit ihm gearbeitet haben?
Auf technischer Ebene seine Passgeberqualitäten. Er spielt in völlig unvorhersehbaren Situationen Torchancen für seine Mitspieler heraus. Vorher habe ich ihn eher für seine Finten, seine technischen Fähigkeiten, seine Torgefährlichkeit geschätzt, nicht so sehr für seine Passgeberqualitäten. Die haben mich überrascht. Auf menschlicher Ebene war es seine Herzlichkeit. Er ist ein guter Junge. Er ist sehr kollegial, was nur wenige Leute wissen.

Das 1:7 gegen Deutschland war ein schwerer Schlag für den brasilianischen Fussball. Hatte dieses Ergebnis Einfluss auf Ihre Arbeit? Hat es Sie nachdenklich gemacht?
Ein Trainer strebt immer nach einer Weiterentwicklung. Das Ergebnis war ein großer Weckruf für die brasilianischen Trainer. Es war ein harter Schlag für die Spieler, die die WM verloren haben, und führte dazu, dass die Trainer nach neuen Erkenntnissen suchten, nach einer taktischen und methodischen Entwicklung. Sie stellten Vergleiche an, tauschten Informationen mit europäischen Trainern aus. Sie wollten die Ausbildung der Spieler verbessern.

Gibt es einen Aspekt der Tätigkeit als Nationaltrainer, mit dem Sie nicht gerechnet haben?
Ich wusste, dass der Druck groß sein würde, aber so groß hatte ich ihn mir nicht vorgestellt. Die Verantwortung, die auf einem lastet, dass man immer im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, die große Aufmerksamkeit, die der Nationalmannschaft im Land zukommt – die Theorie ist eine Sache, es wirklich zu erleben, eine andere.

Inwiefern hat sich Ihr Leben in den letzten anderthalb Jahren verändert?
Ich muss sagen, dass ich mich etwas mehr zurückgezogen habe. Der Mangel an Privatsphäre stört mich schon ein wenig. Ich verbringe etwas mehr Zeit mit der Familie, etwas mehr Zeit zu Hause, lese Bücher, schaue mir Fussballspiele im Fernsehen an, gehe ab und an ins Kino. Mein Leben war auch vorher schon ähnlich, aber jetzt versuche ich, etwas mehr Privatsphäre zu bekommen.

Im zweiten und letzten Teil des Interviews, der nächste Woche veröffentlicht wird, spricht Tite über die Endrundenauslosung, Brasiliens große Gegner und seine Vision vom modernen Fussball. Das sollten Sie nicht verpassen!