Im zweiten Teil des Interviews mit Granit Xhaka sprechen wir mit dem Mittelfeldmann der Schweizer Nationalmannschaft vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiele heute Abend in Portugal (die Nati braucht ein Remis, um das Direkt-Ticket nach Russland zu lösen) über die Premier League, seine Rolle im Team und Nervosität vor dem Match.

Teil eins des Interviews ("Ein Spiel wie ein WM-Finale") lesen Sie hier.

Wie hat sich Ihr Spiel durch die Premier League verändert?
Dieser Schritt war extrem wichtig für mich. Eine neue Mentalität, eine neue Sprache. Das Niveau ist nochmals anders. Das Spiel ist um einiges schneller als in Deutschland. Es ist auch physisch stärker, dafür taktisch vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll wie in der Bundesliga. Ich glaube, ich bin ein noch kompletterer Spieler geworden, weil die einzelnen Teams in England doch sehr unterschiedlich spielen. 

Einige spielen hohe und lange Bälle und andere Teams wie beispielsweise Man City spielen kurze Pässe. Deutschland hat mir sehr gut getan, aber jetzt bin ich stolz ein Stammspieler bei Arsenal zu sein.

Wie hat sich Ihre Rolle im Team seit Brasilien verändert?
Ich übernehme gerne Verantwortung und sage auch gerne meine Meinung. Und ich spüre, dass das geschätzt wird. Ich spüre die Anerkennung, die Wertschätzung der anderen Spieler und das treibt mich zusätzlich an. Wenn ich etwas sage, dann kommt es bei den Spielern an. Ich versuche gerade auch den jüngeren Spielern Tipps zu geben. Das Team glaubt an mich und vertraut mir. Im Gegenzug versuche ich dann ihnen das auf dem Spielfeld zurück zu geben. Ich bin ein Typ, der viel den Ball will und versuche die anderen Spieler mitzuziehen. Ich rede viel auf und neben dem Platz. (lacht)


Inwiefern hat sich die Mannschaft fussballerisch weiterentwickelt?
Man kann diese Mannschaft nicht mit der vergleichen, die sie vor drei bis fünf Jahren war. Wir besitzen nun andere Qualitäten. Wir sind besser. Die Spieler von heute spielen in Top-Vereinen und sind da sogar Stammspieler. Es ist eine bestimmte Konkurrenz im Team da, aber eine gesunde Konkurrenz, die die Spieler zu noch besseren Leistungen treibt. Wir haben unsere Erwartungen und unsere Ansprüche. Es wäre sehr schade, wenn wir im 10. Spiel gegen Portugal verlieren würden, mit 27 Punkten auf dem zweiten Platz landen und in die Playoffs gehen müssten. 

Könnten Sie sich vorstellen, mal die Rolle des Kapitäns zu übernehmen? 
Mir ist klar, dass irgendwann mal eine neue Generation kommt und wenn ich dann Kapitän sein soll, dann wäre das bestimmt toll. Bis dahin versuche ich der Mannschaft in meiner jetzigen Rolle zu dienen.

Noch in der Qualifikation zur WM in Brasilien war das Erzielen von Toren ein bisschen ein Problem – warum ist das in dieser Runde anders geworden?
Ich denke, wir kommen jetzt vor allem zu mehr Chancen. Wir sind aber aus meiner Sicht dennoch noch nicht ganz da, wo wir sein könnten. Wir brauchen immer noch sehr viele Chancen um dann wirklich zu treffen. Wir könnten noch kaltblütiger sein.

Es fällt auch auf, dass die Nati kaum Gegentore kassiert – wie ist das zu erklären?
Das ist natürlich zum einen unseren guten Torhütern zu verdanken, aber auch unserem Coach. Vladimir Petkovic hat uns taktisch extrem weiter gebracht. Für ihn ist wichtig, dass wir defensiv sehr kompakt stehen und das konnten wir umsetzen. Wir arbeiten viel mehr im defensiven Bereich. Auch die vorderen Spieler helfen mit und das ist zentral auf diesem Niveau, auf dem wir spielen. Wir müssen als Mannschaft eine Einheit sein. 

Im letzten Spiel geht es um alles – wie sehr lieben Fussballer diese spannende Ausgangslage?
Als Fussballer lebst du für solche Spiele. Natürlich hätten wir uns auch gerne schon vorher qualifiziert, aber so ein Endspiel, gegen so eine tolle Mannschaft, das ist einfach nur geil. Wir arbeiten seit eineinhalb Jahren auf diesen Moment hin, uns zu qualifizieren. Wir wollen nach Russland an die WM und wir werden alles dafür geben. Wir werden bereit sein. 

Allen Beteiligten ist die Bedeutung dieses Spiels bewusst – wie kann man sich in den Tagen davor etwas vom Druck befreien?

Ich spüre schon eine bestimmte Anspannung. Aber der Druck ist eher da, weil die Leute sagen, dass dieses Spiel gegen Portugal so ein Spiel wie gegen Argentinien (WM Brasilien) und Polen (EM Frankreich) sein kann. Wir konnten in diesen beiden wichtigen Spielen nicht unsere volle Stärke abrufen und viele denken: "Wieso sollte es jetzt klappen?"

Es kommt zum finalen Showdown in Portugal, das eine ähnliche Bedeutung haben wird. Jetzt können wir uns beweisen. Wir können zeigen, dass wir an unseren Aufgaben gewachsen sind und wir uns verbessert haben. Das Mentale wird entscheiden. Wir müssen eiskalt sein.