2018 FIFA Weltmeisterschaft™

Nani: "Meine Geschichte kann für Kinder sehr lehrreich sein"

(FIFA.com)
Cristiano Ronaldo (R) of Portugal lies injured as teammates Adrien Silva (L) and Nani (C) check on him
© Getty Images

Die Verben "kämpfen" und "träumen" sind eine Konstante dieses Gesprächs. Mit seinen 29 Jahren scheint sich Nani auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn zu befinden, hat jedoch niemals vergessen, wieviel Arbeit es ihn gekostet hat, so weit zu kommen. Schon in jungen Jahren bestand für den frisch gebackenen Europameister kein Zweifel daran, dass man niemals vor Hindernissen im Leben zurückstecken dürfe. In der Tat musste er von Anfang an immer wieder gegen den Strom schwimmen. Zunächst gegen die fehlende Obhut seitens seiner Eltern, eine komplizierte Kindheit in Amadora, einem Stadtviertel vor den Toren Lissabons, wo viele persönliche Schicksale böse enden, wie auch die einiger seiner Freunde.

Dann musste er dafür kämpfen, sich den Traum vom Profifussball zu verwirklichen. Später, als er Manchester United, den Verein, in dem er seine größten Erfolge feierte, durch die Hintertür verlassen hatte, zeigte er seine Nehmerqualitäten und holte nicht nur den Titel eines Europameisters mit Portugal, sondern wechselte auch zu einem großen spanischen Verein, CF Valencia.

Seine Entwicklung zu der Persönlichkeit, die er heute ist, die Geschehnisse um seine erzwungene Spielführerschaft im Finale der Euro 2016 nach der Verletzung von Cristiano Ronaldo und die neue Phase, die nun für die Seleção das Quinas mit der Qualifikation für Russland 2018 begonnen hat, sind nur einige der Themen, die der portugiesische Angreifer in der gewohnt direkten Art, die auch sein Spiel auszeichnet, in diesem Exklusiv-Interview mit FIFA.com angegangen ist.

Sie haben in Ihrer Karriere schon viele Titel gewonnen, darunter die UEFA Champions League und eine FIFA Klub-WM mit Manchester United. War der Europameistertitel der wichtigste?
Ja, der EM-Titel war der wichtigste. Er hat mir am meisten bedeutet, weil wir ihn mit unserer Auswahl geholt haben. Es ist etwas, wovon wir alle geträumt haben. Ich bin sehr stolz darauf, mein Land zu vertreten und einen so wichtigen Titel geholt zu haben. Wir haben mit so viel Freude feiern können. Das ganze Land ist stolz auf das Team. Und wir sind es auch, denn wir wollten unserem Volk etwas geben und haben alles unternommen, damit uns das gelingt.

Wenn man so etwas Bedeutendes schafft, denkt man dann manchmal an den Weg, den man bis dahin zurücklegen musste?
Ich habe schon viel durchgemacht. Ich hatte es schon als Kind sehr schwer und habe immer für alles in meinem Leben kämpfen müssen. Auch im Fussball habe ich alles geben müssen, um die Ziele zu erreichen, die ich mir gesetzt hatte. Ich habe aber immer geglaubt, dass es möglich ist. Heute bin ich sehr glücklich über all das, was ich erreicht habe. Ich weiß, was ich alles durchlitten habe, wie sehr ich kämpfen musste, um hierhin zu kommen. Meinem Sohn, beispielsweise, möchte ich auch zeigen, wo ich gelebt habe, wo alles begann, wo ich Fussball gespielt habe… Ich möchte, dass er weiß, dass im Leben nichts selbstverständlich ist, wie man heutzutage manchmal glauben könnte. Ich möchte, dass er ein guter Mensch wird und dass auch er die Ziele erreicht, die er sich setzt.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Leben auch ein Vorbild für die Kinder sein können, denen es ähnlich wie Ihnen damals ergeht?
Ja, ich glaube, dass meine Geschichte sehr lehrreich für sie sein kann. Sie zeigt Ihnen, dass Sie es eines Tages auch so weit wie ich bringen können, auch wenn es immer wieder schwierige Augenblicke im Leben gibt. Dann müssen auch wir für unser Glück kämpfen. Wir dürfen unsere Träume nicht aufgeben. Wenn wir nie aufstecken, passieren die guten Dinge von alleine.

Mich hat der Fussball zweifelsohne in meiner Jugend vor größeren Problemen bewahrt. Das heißt nun nicht, dass ich niemals etwas Verbotenes getan hätte. Das ließ sich dort, wo ich lebte, gar nicht vermeiden. Natürlich habe ich mit meinen Freunden Einiges angestellt, Streiche, die mich vom richtigen Weg hätten abbringen können. Aber als sich die Chance ergab, Fussball zu spielen, habe ich alles dafür getan. Das hat mich abgelenkt, ich war nur noch auf Fussball fixiert… und damit habe ich Abstand von den weniger guten Dingen gewonnen.

Im Finale der Europameisterschaft hat Portugal die Verletzung von Cristiano kompensieren müssen. Sie mussten als Spielführer und Anführer einspringen. Was haben Sie gedacht, als er Ihnen die Binde gab?
Für mich war das ein sehr trauriger Augenblick. Er ist unser Spielführer, ein Mensch, den wir alle sehr respektieren und der viel für uns gekämpft hat. Und als wir dann sahen, dass er sich verletzt hat … Ich fühlte mich nicht gut, als er mir sagte, er könne nicht weiter spielen. Dieses Finale zu spielen, war für uns alle ein ganz besonderer Augenblick, auch und gerade für ihn und wir waren alle sehr traurig. Ich sagte ihm, dass ich ihn würdig vertreten würde, dass ich alles geben würde und dass wir versuchen werden, das Spiel zu gewinnen, denn wir hatten es uns verdient. Es war ein entscheidender Augenblick. Das hat unsere Mentalität geändert, denn wir spielten nun den Fussball, der in uns steckte, wir kämpften und am Ende hat das Team, das am meisten gelitten hat, auch gewonnen.

Cristiano hat Ihnen den silbernen Schuh geschenkt, den er bei der EM gewonnen hat…
Wir haben bei diesem Turnier gleich viele Tore erzielt und ich bin ihm sehr dankbar für dieses Geschenk. Es war eine sehr liebevolle Geste seinerseits, die mich sehr berührt hat. Er sagte: 'Ich gebe dir das für deine Einstellung, für all deine Anstrengungen und für alles, was du dem Team gegeben hast, denn du hast so viel geholfen'.

Dieses Jahr werden Sie in der spanischen Liga als Gegner aufeinander treffen.
Ich habe schon nachgesehen, wann dieses Spiel stattfindet. Das ist sehr bald der Fall! (lacht). Ich habe aber mit Cristiano noch nicht darüber gesprochen. Es dürfte schwer für uns werden, denn Real Madrid hat eine sehr starke Mannschaft. Dort spielen die besten Fussballer der Welt. Andererseits ist es das Spiel, das alle Welt sehen wird und in dem wir unbedingt dabei sein möchten.

Sie sind gerade erst zu Valencia gewechselt, einem großen Verein im spanischen Fussball. Wie sehen Sie Ihren Beitrag?
Ich wollte immer schon in Spanien spielen und diese Chance hat sich nun auf dem Höhepunkt meiner Karriere ergeben. Ich glaube, dass ich meine starke Mentalität einbringen kann. Ich werde zeigen, dass man niemals aufgibt und mit harter Arbeit viel erreichen kann. Ich möchte alles für Valencia geben und dem Team helfen. Wir haben in der Liga nun mit zwei Niederlagen angefangen, das darf natürlich nicht so bleiben. Wir müssen noch einige Dinge ändern, aber wir haben das Zeug, um gut zu spielen und auch unsere Partien zu gewinnen.

Sprechen wir noch einmal von der Nationalmannschaft. Gerade erst haben Sie den Titel geholt und jetzt stehen Sie vor der nächsten Herausforderung, der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™. Glauben Sie, dass die Gegner nun noch mehr Respekt vor Ihnen haben?
Das sollte so sein, nicht wahr? (lacht) Aber wenn es nicht so ist, dann spielt das auch keine Rolle. Das Wichtigste ist, dass wir wieder an die gezeigten Leistungen anknüpfen. Die Mannschaft wird mit demselben Ehrgeiz und derselben Freude am Spiel auftreten. Natürlich fühlen wir uns nach dem Gewinn des EM-Titels sehr stark und selbstbewusst.

In der ersten Partie geht es gegen die Schweiz. Cristiano wird erneut fehlen, aber die Mannschaft hat ja bereits gezeigt, dass sie auch ohne ihn erfolgreich sein kann. Wie gehen Sie in die Qualifikationsspiele?
Wir müssen so stark wie möglich beginnen und versuchen, von Anfang an unsere Qualitäten auszuspielen, um nicht spät noch in Bedrängnis zu kommen. Wir wissen, dass die Schweiz ein sehr starker Gegner ist und außerdem noch zu Hause spielt, so dass es nicht leicht sein wird. Außerdem werden die Mannschaften mit noch mehr Engagement gegen uns spielen, nachdem wir den EM-Titel geholt haben. Unser Ziel wird es sein, jedes Spiel, das wir bestreiten, zu gewinnen.

Von Portugal hieß es immer, dass der letzte Schritt zu einem großen Titel fehlte. Könnte man nach dem EM-Gewinn vom ganz großen Wurf träumen, etwa vom WM-Titel in Russland?
Natürlich. Eines unserer Ziele ist es auch, diese Weltmeisterschaft zu gewinnen. Wenn du anfängst zu gewinnen, dann möchtest du nicht mehr aufhören. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass man immer gewinnt, aber man muss sich solche Ziele mit der entsprechenden Mentalität setzen. Im Fussball darf man träumen und wir müssen dies weiter tun, um so schöne Dinge wie bei der EM zu schaffen. Mal sehen, wie es uns in der Qualifikation ergeht, aber wir werden alles versuchen, um Portugal so weit nach oben wie möglich in der Welt des Fussballs zu bringen.

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