"Sie werden bei diesem Turnier nicht viel ausrichten."

Cristiano Ronaldo

Diese Prophezeiung Cristiano Ronaldos war nicht unbedingt seine zutreffendste. Denn die Isländer sollten bei der UEFA EURO 2016 noch für Furore sorgen – auch wenn sich der portugiesische Superstar nach dem 1:1-Remis zum Turnierauftakt gegen die Kicker aus dem hohen Norden noch über deren vermeintlich "kleine Mentalität" mokierte. Doch Kari Arnason fasste die Bemerkungen Ronaldos keinesfalls als Beleidigung auf. Im Gegenteil. Er nahm die bissigen Kommentare des dreimaligen Ballon d'Or-Gewinners, den er über weite Strecken des Duells hervorragend im Griff hatte, einfach als Kompliment. "Es ist toll, so etwas zu hören", meinte er kurz nach der Partie. "Denn es zeigt doch, dass ihm das wirklich unter die Haut gegangen ist."

Die Isländer gewannen bei ihrem sensationellen Vorstoß bis ins Viertelfinale zahllose neue Fans und straften damit den portugiesischen Kapitän Lügen. Arnason fand zwar die Kommentare Ronaldos nicht unbedingt freundlich, doch auch er selbst hatte einige kritische Anmerkungen zum Spiel der Isländer. Während die meisten Experten von den Isländern schwärmten, die es auch mit eigentlich überlegenen Gegnern aufnahmen, sah der erfahrene Verteidiger durchaus Unzulänglichkeiten im Spiel seines Teams.

Im Interview mit FIFA.com wies Arnason daher auf mehrere Aspekte hin, die das Team von Heimir Hallgrímsson noch verbessern muss, um im Rennen um ein Ticket für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ gegen die Konkurrenten Kroatien, Ukraine, Türkei, Finnland und Kosovo am Ende die Nase vorn zu haben.

Wie lautet mit einigen Wochen Abstand Ihr persönliches Fazit der UEFA EURO 2016?
Ich erinnere mich sehr gern an dieses Turnier. Niemand außer uns selbst hatte eine solche Leistung von uns erwartet. Im Spiel gegen England haben wir gezeigt, wie stark wir tatsächlich sein können. Bis dahin allerdings hatten wir eigentlich nicht das Niveau erreicht, auf dem wir spielen können. Unser Erfolg in der Gruppe war zu großen Teilen enormen Abwehranstrengungen zu verdanken. Das haben wir normalerweise gar nicht nötig. Wir spielen sonst mit viel mehr Kontrolle, mit größerer mannschaftlicher Geschlossenheit. Und normalerweise lassen wir so viele gegnerische Chancen wie in diesen Spielen gar nicht erst zu. Wie wir in der ersten Halbzeit gegen Portugal verteidigen mussten und auch in der Partie gegen Österreich, war eigentlich sehr ungewöhnlich für uns – und das war keineswegs eine gute Sache.

Das ist interessant. Haben wir also abgesehen von der Partie gegen England Island gar nicht in Topform gesehen?
Definitiv nicht. Ich bin fest überzeugt, dass wir besser sind, als wir in den meisten Spielen zeigen konnten. Das hat sich ja auch in der Qualifikation gezeigt. Selbst die Spitzenteams, gegen die wir in der Qualifikation gespielt haben, also die Niederlande, die Türkei und Tschechien, konnten kaum Torchancen gegen uns herausspielen. Wir haben in all diesen Spielen Tore erzielt. Unsere Erfolgsquote bei eigenen Chancen ist sehr hoch. Wir schaffen es eigentlich immer, zum Torerfolg zu kommen. Das haben wir ja auch bei der EURO gezeigt. Aber in der Qualifikation haben wir mannschaftlich sehr viel besser verteidigt. Die Viererkette hatte es in den Qualifikationsspielen längst nicht so schwer, wie bei der EURO. Das Spiel gegen Österreich war wohl eines der schwersten, die ich je erlebt habe. Wer allerdings dieses Spiel gesehen hat und daher denkt, dass Island hauptsächlich mit Mann und Maus verteidigt, liegt definitiv falsch. Wir haben sehr viel mehr zu bieten.

In der WM-Qualifikation wollen Sie also wieder mehr Kontrolle haben und defensiv solider agieren?
Ja, auf jeden Fall. Und wir müssen auch den Ball besser behaupten. Bei der EURO konnte man die Nervosität der Spieler förmlich spüren. Niemand wollte einen Fehler machen. Aber normalerweise sind wir am Ball deutlich besser und können Lücken reißen. Aber es ist eine gute Sache, dass wir so stark abgeschnitten haben und trotzdem noch viel Luft nach oben haben.

Was für ein Gefühl war es, einen Monat lang sozusagen das zweite Lieblingsteam vieler Fans zu sein?
Das war etwas ganz Besonderes. Wir haben sogar aus England viele anerkennende Worte bekommen, obwohl wir das Team aus dem Turnier geworfen haben. Das sagt schon Einiges. Es ist zwar in gewisser Weise normal, dass die Fans den Außenseiter unterstützen, aber wir haben trotzdem jede Minute genossen.

Cristiano Ronaldos Äußerungen waren allerdings nicht eben besonders schmeichelhaft. Hat es Sie gefreut, seine Bemerkung zu widerlegen, dass Island bei diesem Turnier "nicht viel ausrichten" werde?
Das hat die ganze Sache natürlich versüßt. Ich denke, das waren einfach etwas unüberlegte Kommentare von einem der besten Spieler der Welt. Sie waren unbegründet und außerdem uns gegenüber auch ein bisschen erniedrigend. Außerdem lag er ja falsch. Wir waren der große Außenseiter und haben als solcher gegen das Team gespielt, das letztlich den Turniersieg geholt hat. Das hätte ihm klar sein müssen. Außerdem haben wir ein Tor erzielt und hätten sogar noch mehr schießen können. Seine Unterstellung, wir hätten 90 Minuten lang nur verteidigt, war also einfach unwahr.

Kann sich der Aufschwung Islands fortsetzen? Werden wir die EURO 2016 später als Ausgangspunkt einer längeren Erfolgsgeschichte sehen, oder doch eher als außergewöhnlichen Einzelerfolg?
Die Qualifikation für eine WM wäre wohl der einzige Weg, das Erreichen der EURO noch zu überbieten. Es wäre natürlich fantastisch, zwei große Endrunden in Folge zu erreichen. Doch das wird sehr schwer, denn wir spielen in einer sehr ausgeglichenen Gruppe. In dieser Gruppe kann es buchstäblich jedes Team schaffen. Wir werden kein einziges leichtes Spiel erleben, schon gar nicht auswärts. Das gilt allerdings in gleichem Maße auch für die anderen Teams und ich bin sicher, keiner unserer Konkurrenten freut sich auf die Reise nach Rejkavijk, wo wir schon sehr lange nicht mehr verloren haben. Wir haben zum Auftakt gleich ein schweres Auswärtsspiel in der Ukraine. Schon die Anreise wird anstrengend. Aber ich bin überzeugt, dass wir es schaffen können, insbesondere wenn wir auch weiterhin unsere Heimspiele gewinnen.

Eine große Veränderung gegenüber der EURO besteht darin, dass es nun ohne Lars Lagerback weitergeht. Der bisherige Co-Trainer Heimir Hallgrímsson ist jetzt allein verantwortlich. Wie sehr wird sich das in der Umkleidekabine auswirken?
Heimir hat auch bisher schon eine sehr wichtige Rolle gespielt. Daher mache ich mir in dieser Hinsicht keinerlei Sorgen. Aber natürlich ist es auch so, dass Lagerback uns alle auf ein bestimmtes Niveau gebracht hat. Wir dürfen dieses Niveau jetzt nicht absacken lassen. Wir müssen auf den Grundlagen aufbauen, die er gelegt hat und dürfen nicht versuchen, das Rad neu zu erfinden, indem wir unsere Stärken vernachlässigen.

Sie sind mittlerweile 33 Jahre alt. Werden Sie bis Russland dabei sein und vielleicht sogar noch darüber hinaus?
Darüber hinaus? Das wird man sehen. Aber hoffentlich bekomme ich die Chance, in der Qualifikation dabei zu sein und dem Trainer zu zeigen, dass ich noch auf höchstem Niveau mitspielen kann. Ich will unbedingt dabei sein und bin überzeugt, dass noch ein paar gute Jahre vor mir liegen.

Gerade bei Verteidigern kommen die besten Jahre oft erst nach dem 30. Geburtstag. Sehen Sie das bei sich selbst auch so?
Ja, das empfinde ich so. Das variiert natürlich von Spieler zu Spieler, aber seitdem ich die 30 überschritten habe, bin ich ein deutlich besserer Verteidiger geworden. Dabei kam mir wohl auch zugute, dass meine Profikarriere erst etwas später angefangen hat. Spieler, die schon mit 16 Profis waren, haben es oft deutlich schwerer, lange weiter zu machen und eine wirklich lange Karriere auf hohem Niveau zu genießen. Profifussball ist eine echte Tretmühle und körperlich enorm anstrengend. Ganz besonders schwer ist es natürlich für Stürmer, die unbedingt antrittsschnell und immer voll konzentriert sein müssen. Hinzu kommt, dass man als Stürmer in erster Linie instinktiv agiert, während man als Verteidiger immer weiter lernt, wie man die Position am besten ausfüllt. Ich versuche jedenfalls, aus jedem Gegentor zu lernen, das mein Team kassiert. Das führt dazu, dass man das Spiel besser analysieren kann, dass man sich besser positioniert, auch wenn man nicht mehr ganz so schnell ist. Im Moment halte ich mich jedenfalls für so stark wie selten zuvor.