"Es war Glück", sagte Andreas Brehme im Nachhinein. "Nichts weiter."

Der legendäre deutsche Nationalspieler hatte nicht Unrecht. Im Gegensatz zu all den vielen feinen Freistößen, die er im Verlauf seiner Karriere getreten hatte, gehörte dieser Schuss nicht zu den besten. Aber der Ball wurde unglücklich abgefälscht und segelte unhaltbar über den verdutzten Peter Shilton hinweg ins Netz.

Es war zudem einer seiner wichtigsten Freistöße, denn letztlich war es dieser Schuss, der Deutschland in der schwersten Partie in Italien 1990 die Führung verschaffte. Nur knapp sollte der spätere Weltmeister in diesem dramatischen Halbfinale gegen England die Oberhand behalten.

Im Fussball aber ist des einen Glück meistens des anderen Leid. In diesem Fall feierte Brehme und der Unglücksrabe hieß Paul Parker. Dessen rechter Fuß hatte das Spielgerät so gefährlich abgefälscht, dass der erfahrene englische Schlussmann überrumpelt wurde und seine Mannschaft nun einen Rückstand aufzuholen hatte. Die einzige Frage war, ob der Verteidiger das Opfer oder der Bösewicht war. Viele stellten Parker als einen Mitschuldigen dar, weil er sich beim Versuch, Brehmes Freistoß zu blocken, mit dem Rücken zum Ball drehte.

Zu seiner Verteidigung äußerte der Engländer mit entwaffnender Offenheit: "Brehme hielt voll drauf und ich drehte mich instinktiv leicht weg, um mich und - wie ich zugebe - vor allem meine männlichen Attribute zu schützen", schrieb Parker in seiner Biografie mit dem Titel 'Tackles like a ferret'. "Ja, ich hätte ihm nicht den Rücken zudrehen dürfen. Aber ich möchte denjenigen sehen, der sich in diesen Schuss wirft, wenn seine unteren Regionen schutzlos einem heftigen Freistoß von einem Weltklassespieler ausgeliefert sind."

Derselbe Weltklassespieler war aber auch zur Stelle, um nach seinem verwandelten Versuch im Elfmeterschießen, das Deutschland den Sieg eingebracht hatte, seinen glücklosen Gegner zu trösten. "Die Deutschen waren würdige Gewinner", erinnerte sich Parker. "Ich weiß noch, dass Brehme rüberkam und auf Englisch sagte, wie Leid es ihm für uns täte. Doch es gab nichts weiter zu sagen außer einem Handschlag und ihnen für das Finale viel Glück zu wünschen."

Brehme sollte auch im Endspiel eine zentrale Rolle einnehmen. Per Foulelfmeter entschied er eine unansehnliche und undisziplinierte Begegnung. "Das Finale war furchtbar", sagte der deutsche Torschütze gegenüber The Independent. "Argentinien hatte keine einzige Ecke, sie haben sich nicht eine Torchance erarbeitet. Sie haben eine schreckliche WM gespielt, aber sehr viel Glück gehabt. Ob England sie geschlagen hätte? Definitiv. Zu 100 Prozent."

"Das Halbfinale gegen sie war das beste Spiel der WM. Es war eine fantastische Partie mit zwei großartigen Teams - es war ein vorgezogenes Finale. Unter den Spielern herrschte eine richtige Kameradschaft", ergänzte Brehme. "Selbst wenn ich heute noch englische Spieler treffe, gehen wir einen trinken und sprechen über jenes Spiel."

Dies mag stimmen, obwohl vielleicht nicht jeder einen Toast auf Göttin Fortuna ausbringen wird.

Hätten Sie’s gewusst?
Unter den einzigartigen Exponaten im FIFA Welt Fussball Museum in Zürich befindet sich ein faszinierendes Erinnerungsstück an dieses Halbfinale: Die originale Gelbe Karte, die Schiedsrichter Ramiz Wright in Turin zückte und auf der Brehme, Parker und ein weiterer Name auf der Rückseite notiert sind. Der dritte gehört natürlich zu Paul Gascoigne – unvergessen sind seine Tränen, als Wright die Verwarnung aussprach, die für den englischen Mittelfeldspieler das Ende des Turniers bedeutete.