Am 11. November steht für die USA das nächste Spiel in der WM-Qualifikation an. Das Team hat dabei die bereits achte WM-Teilnahme in Folge im Blick. Die Stars & Stripes gehören in der abschließenden Sechserrunde der CONCACAF-Qualifikation zu den Favoriten auf einen Platz bei der Endrunde in Russland. Zudem läuft in der 21. Saison der Profiliga MLS gerade die Playoff-Runde um den Titel. Da fällt es schwer, sich die USA als fussballerisches Entwicklungsland vorzustellen.

Doch noch in den 1980er Jahren gab es für ambitionierte Spieler in Amerika kaum Möglichkeiten. 1984 hatte die North American Soccer League (NASL) nach 16 Jahren ihren Betrieb eingestellt. Dabei hatten dort Spieler wie Pelé, Franz Beckenbauer und George Best gespielt, doch letztlich nur ein Strohfeuer entfacht. Das Aus für die Liga riss ein riesiges Loch in die fussballerischen Strukturen des Landes.

Dieser Situation sah sich auch Mike Windischmann gegenüber, der später Kapitän des U.S.-Teams werden sollte. Er besuchte damals mit einem Fussball-Stipendium die Adelphi University, doch seinen angestrebten Karriereweg gab es nun nicht mehr. Die Vorstellung, dass es den USA ausgerechnet in dieser Situation gelingen könnte, sich erstmals seit 1950 wieder für eine WM-Endrunde zu qualifizieren, schien damals geradezu abstrus. Doch es war die Geburtsstunde eines verschworenen Außenseiterteams.

"Das war schon eine schockierende Erfahrung. Wir waren auf dem College und erfuhren plötzlich, dass die Fussball-Profiliga nicht mehr existierte", erinnert sich Windischmann im Gespräch mit FIFA.com. Eigentlich hatte der Verteidiger davon geträumt, eines Tages bei New York Cosmos in die Fußstapfen von Franz Beckenbauer zu treten.

Doch Klubfussball fand fortan nur noch auf regionaler Ebene statt. Neben den Spielen für Brooklyn Italians und die Auswahlmannschaft des Staates New York gab es noch unregelmäßige Partien der Jugend- und A-Nationalmannschaft der USA. Letztere bestritt 1986 gerade einmal zwei Spiele im Rahmen eines zweitägigen Turniers in Miami.

Doch 1988 erwies sich als Wendepunkt. Den USA wurde die Ausrichtung der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1994™ übertragen und bei den Olympischen Spielen von Seoul zeigte die Mannschaft mit den Spielern, die das Rückgrat des Teams für 1990 bildeten, durchaus respektable Leistungen. "Damals begann man beim Fussballverband U.S. Soccer darüber nachzudenken, den Spielern ein Jahresgehalt zu zahlen, wenn auch kein besonders üppiges. Aber wenn man den Fussball liebt und sich alles gerade erst entwickelt, war das schon genug", so der heutige Lehrer mit seinem ausgeprägten Ostküstenakzent. "1984 hatten wir lediglich eine tägliche Aufwandsentschädigung bekommen."

Viele etablierte Spieler aus der ehemaligen NASL und der Nationalmannschaft waren in die populären Hallenligen gewechselt und spielten jetzt "Indoor". In dieser Situation beschloss der Verband, eine neue A-Mannschaft aus aufstrebenden Nobodys aufzubauen. "[Die etablierten Spieler] wussten, dass die nächste Generation sehr erfolgshungrig war. Sie dachten zwar nicht unbedingt, sie wären besser, doch sie waren sehr kämpferisch eingestellt und wollten die Aufgabe erledigen. Wir hatten den Zuschlag für die WM 1994 bekommen. Wenn wir uns nicht für 1990 qualifiziert hätten, wäre das wirklich ein sehr großer Misserfolg gewesen."

So kam es schließlich im Jahre 1989 zu dem Moment, der die Entwicklung des Fussballs in Amerika bis hin zur heutigen Situation beeinflusst hat: Das letzte Spiel in der Qualifikation für Italien 1990. Der Schauplatz war Port of Spain in Trinidad und Tobago. Den USA reichte ein Unentschieden zur Qualifikation für Italien, die punktgleichen Gastgeber hingegen mussten gewinnen.

"Es war regelrecht schicksalhaft, dass die Entscheidung erst im letzten Spiel fiel", so der in Deutschland geborene Kapitän mit einem Lächeln. "Wir landeten gegen drei Uhr früh und hörten großen Lärm außerhalb des Flugzeugs. Da waren tatsächlich mehrere Tausend Fans der Heimmannschaft, alle in roten Trikots, und sangen und riefen, dass sie es zur WM schaffen würden und nicht wir. Der Druck rund um dieses Spiel war ziemlich unglaublich."

Im Hexenkessel des Nationalstadions sorgte Paul Caligiuri mit seinem Distanzschuss für einen 1:0-Sieg der USA. "Als uns klar wurde, dass wir es 40 Jahre nach der letzten Teilnahme endlich wieder zu einer WM geschafft hatten, empfanden wir eine unbeschreibliche Erleichterung", so Windischmann. "Viele von uns hatten schon jahrelang zusammen gespielt und darauf hingearbeitet. Es war ein ganz einzigartiger Moment."

Lang ersehnte Rückkehr
Es fällt nicht leicht, sich die in vielen Disziplinen führende Sportmacht USA als Außenseiter vorzustellen, doch damals waren die Amerikaner im Fussball genau das. Nach vier Jahrzehnten war ihnen endlich wieder die Qualifikation für eine WM-Endrunde gelungen. Allerdings mussten sie bei dem Turnier in einer starken Gruppe mit der Tschechoslowakei, Gastgeber Italien und Österreich antreten.

"Es war das, wovon wir geträumt hatten: Wir waren bei der WM dabei, wir spielten in einer schweren Gruppe und trafen sogar auf den Gastgeber." Allerdings war die 1:5-Niederlage im ersten Spiel ein herber Dämpfer für die enthusiastischen Amerikaner.

"Nach der Niederlage war der Druck im zweiten Spiel sogar noch größer. Wir spielten gegen den Gastgeber und wollten unbedingt zeigen, dass wir zu Recht dabei waren. Es war schon bemerkenswert, am Tag zuvor noch im leeren Olympiastadion von Rom zu trainieren und dann am nächsten Tag vor ausverkauften Rängen dort zu spielen."

Tatsächlich verloren die U.S.-Boys nur knapp mit 0:1 durch ein frühes Gegentor von Giuseppe Giannini. Mit ihrer entschlossenen, soliden Leistung beeindruckten sie die Fans und die gegnerischen Spieler gleichermaßen und verdienten sich viel Respekt. "Nach der Partie kamen die Italiener zu uns in die Kabine und wollten mit uns sprechen und Trikots tauschen. Das war fantastisch. [Roberto] Baggio kam herein, wechselte ein paar anerkennende Worte mit uns, tauschte dann sein Trikot und andere Sachen mit mir aus. Ich habe sein Trikot noch heute", so Windischmann voller Stolz.

Die Amerikaner verloren zwar auch ihre letzte Partie gegen Österreich mit 1:2 und kehrten ohne Punktgewinn nach Hause zurück. Doch mit der WM 1990 in Italien begann für sie eine lange Serie von WM-Teilnahmen, die nur von fünf Teams übertroffen wird – und vier davon, nämlich Brasilien, Italien, Spanien und Deutschland) haben seitdem alle bis auf einen WM-Titel geholt.

"Es ist schon unglaublich, dass unser Team auch ohne eine Profiliga im Land so fit bleiben, trainieren und erfolgreich spielen konnte", so Windischmann. "Ich finde, diese Mannschaft von 1990 bekommt nicht den Respekt, den sie eigentlich verdient hätte. Schließlich waren wir die Pioniere für 1994 und was danach kam.

Jede Spielergeneration versucht doch, der nächsten Generation den Weg zu bereiten und es für sie leichter zu machen. Vor uns hatte es im U.S.-Fussball ein 'dunkles Zeitalter' gegeben. Das musste einfach geändert werden, und genau das haben wir geschafft."