2015 war für Luuk de Jong das Jahr eines überraschenden Erfolgs aber auch eines schockierenden Scheiterns. Den Erfolg feierte er mit PSV Eindhoven, mit dem er auf Kosten von Manchester United die K.o.-Runde der UEFA Champions League erreichte. Den Misserfolg erlebte er indes mit der niederländischen Nationalmannschaft, die in der Qualifikation für die UEFA EURO 2016 unerklärlich scheiterte.

Niemand hätte sich wohl träumen lassen, dass die Europameisterschaft in diesem Jahr mit einem auf 24 Teams deutlich erweiterten Teilnehmerfeld tatsächlich ohne die Niederlande stattfinden würde. Doch genau dieser Fall ist eingetreten: Die Niederländer, die bei den letzten beiden WM-Turnieren den zweiten beziehungsweise den dritten Platz belegten, sind nur Zaungäste bei der EM-Endrunde und blicken neidisch auf Länder wie Albanien, Island und Nordirland, deren Teams sich qualifizieren konnten.

Doch eine Krise eröffnet stets auch Chancen – und für De Jong und die junge Oranje-Spielergeneration geht es nun darum, das Team wieder in die Erfolgsspur zu führen. Auch wenn es seinem Klub und seinem Land ganz unterschiedlich erging – De Jong selbst erzielt zuverlässig seine Tore.

Der 25-Jährige geht mit 14 Treffern aus 16 Einsätzen als führender Torjäger in die Rückrunde der Eredivisie. Auch in der UEFA Champions League steuerte der Angreifer wichtige Treffer bei. So trug er mit seinen Toren gegen den VfL Wolfsburg und ZSKA Moskau dazu bei, dass der niederländische Meister seine drei Heimspiele in der Gruppenphase alle gewann.

Mit seinen auch sonst sehr überzeugenden Auftritten sorgt der Niederländer dafür, dass sein nach glücklosen Engagements bei Borussia Mönchengladbach und Newcastle United angeschlagenes Image wieder besser wird. Entsprechend optimistisch zeigte sich De Jong denn auch in diesem Interview mit FIFA.com.

Luuk, hat die laufende Saison mit der Qualifikation für die K.o.-Runde der Champions League und den vielen Toren Ihre Erwartungen übertroffen?
Das würde ich eigentlich so nicht sagen. Wir sind ein sehr ambitioniertes Team und das Achtelfinale der Champions League war von vornherein unser Ziel, auch wenn wir wussten, dass es nicht leicht werden würde. Das Gleiche gilt auch für mich selbst. Für mich war es bisher eine großartige Saison, doch ich hatte auch schon vorher ein gutes Gefühl und mir das Ziel gesetzt, möglichst viele Tore zu schießen und damit einen wertvollen Beitrag für das Team zu leisten. Ich hatte im Gefühl, dass es eine gute Saison werden würde. Ich war gut in Form und fühlte mich selbstbewusst. Dabei hilft mir natürlich, dass ich mich hier beim PSV Eindhoven sehr wohl und gut aufgehoben fühle. Wenn man sich gut fühlt, wirkt sich das auch auf die Spielweise aus.

Kaum jemand hatte allerdings erwartet, dass Sie Ihre enorm Starke Gruppe in der Champions League überstehen würden. Worin bestand das Erfolgsgeheimnis?
Wir haben an uns geglaubt. Sehr wichtig war natürlich unsere Heimbilanz. Wer seine Heimspiele gewinnt, hat gute Chancen. Wir haben mannschaftlich geschlossen gespielt und einige sehr reife Leistungen gezeigt. Da die Fans fest hinter uns stehen, sind wir schwer zu schlagen. Das wird natürlich auch im Achtelfinale gegen Atletico Madrid ein wichtiger Faktor. Wir haben das Hinspiel zu Hause [am 24. Februar, Anm d. Red.] und müssen uns eine gute Ausgangsposition verschaffen, um weiter zu kommen.

Hat Ihnen der Wechsel zum PSV Eindhoven nach der Zeit in Deutschland und England neuen Schwung verliehen?
Es war jedenfalls ein sehr guter Schritt. Weder in Deutschland noch in England war es für mich sonderlich gut gelaufen. Das ist auch jetzt noch enttäuschend. Aber ich hatte das Glück, zu einem Klub wie dem PSV wechseln zu können und die letzte Saison lief sehr gut. Schließlich haben wir die Meisterschaft gewonnen und ich selbst war zweitbester Torjäger hinter Memphis [Depay, De Jongs damaligem Teamkamerad bei Eindhoven]. Sofort nach meiner Rückkehr war ich wieder mit großem Spaß dabei.

In diesem Jahr ist das Titelrennen in der Eredivisie wieder sehr spannend. Es liegen nur ein paar Punkte zwischen Eindhoven, Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam. Ajax liegt zurzeit vorn, aber natürlich wollen Sie das im weiteren Verlauf der Saison noch ändern…
Ja, und ich habe ein gutes Gefühl, was das angeht. Wir haben in dieser Saison gegen Ajax und gegen Feyenoord gewonnen. Leider haben wir gegen andere Teams ein paar dumme Punkte verspielt, daher liegen wir nur auf dem zweiten Platz. Aber ich bin sicher, dass wir noch stärker werden und gute Chancen haben, auch in dieser Saison wieder Meister zu werden.

Dank Ihrer starken Form bei Eindhoven spielen Sie jetzt wieder regelmäßig in der Nationalmannschaft. Es sind zwar keine besonders guten Zeiten für die Niederlande, aber es ist bestimmt trotzdem ein gutes Gefühl, wieder international dabei zu sein, oder?
Das war eines meiner großen Ziele, die ich mit dem Wechsel zum PSV verfolgt habe. Ich bin zufrieden, dass ich es erreicht habe. Aber die Ergebnisse waren natürlich nicht so berauschend. Es schmerzt, dass wir bei der EURO nicht dabei sind. Ich denke, der Schmerz darüber wird bei uns noch bis nach der EURO anhalten. Dann können wir anfangen, uns auf die WM in Russland zu konzentrieren.

Die Spielergeneration, die 2010 und 2014 so stark abgeschnitten hat, steht offenbar vor dem Abschied. Herrscht bei den jungen Spielern das Gefühl vor, dass nun die Chance da ist, dem Team wieder Leben einzuhauchen?
Auf jeden Fall. Darüber haben wir auch im Kader diskutiert. Die Spieler, die 2010 das Finale der WM erreicht haben, werden immer älter. Es liegt an uns, den jüngeren Akteuren, nun den Sprung zu machen und zu zeigen, dass wir es verdient haben, deren Position einzunehmen. Natürlich sind noch einige sehr starke Spieler aus dieser Gruppe dabei, doch es stimmt schon, dass die Zeit reif ist für eine neue Generation, die das Team weiter bringen muss. Zuallererst müssen wir allerdings wieder ein richtiges Team werden. Dann sind wir nämlich am besten. Das konnte man auch bei der letzten WM wieder sehen, bei der wir Dritter wurden. Die Niederlande sind kein großes Land, daher müssen wir um so fester zusammenstehen. Wir bringen immer wieder sehr starke Einzelspieler hervor. Wenn wir es richtig anpacken, sollten wir in der Lage sein, wieder das Niveau zu erreichen, das alle von uns erwarten.

Sie denken also, der mangelnde Teamgeist war das größte Problem, das zum Scheitern in der Qualifikation für die EURO geführt hat?
Das war nicht der einzige Faktor. Wenn es nicht gut läuft, stecken meist mehrere Probleme dahinter. Es gab zahlreiche weitere Faktoren, und dann auch noch einige individuelle Fehler, die uns Punkte gekostet haben. Aber solche Fehler passieren im Fussball eben immer wieder. Da müssen dann alle zur Stelle sein und dem Spieler helfen, der einen Fehler gemacht hat. Da müssen wir wieder hin kommen, denke ich. Ein Team zu sein – für den anderen zu kämpfen und sich auf den anderen zu verlassen, auf und abseits des Feldes. Das ist enorm wichtig, wenn man Erfolg haben und Spiele gewinnen will.

Sie haben angesprochen, dass Ihre Zeit in Deutschland und in England nicht wie erhofft verlief. Haben Sie im Rückblick das Gefühl, dass Sie die falschen Klubs gewählt haben?
Bevor ich eine andere Entschuldigung vorschiebe, blicke ich stets auf mich selbst. Ehrlich gesagt war ich vielleicht noch nicht bereit dafür und habe nicht genug gezeigt. In Deutschland hatte ich nur meine erste Saison, um Eindruck zu machen, dann kam mir eine Verletzung dazwischen. Ich sage mir gern, dass ich danach wohl besser gewesen wäre, nachdem ich mich an die Liga gewöhnt hatte, doch ich bekam einfach keine Einsätze mehr. Weil ich aus dem Team gefallen war, wechselte ich also nach Newcastle, wo man schon längere Zeit an mir interessiert war. Ich habe mich sehr auf diesen Wechsel gefreut. Doch dann musste ich im Mittelfeld spielen. Zwar bin ich ein Teamspieler und erfülle meine Aufgabe gern, doch ich hatte nicht das Gefühl, dass ich meine Stärken zeigen konnte. Schließlich bin ich ein Stürmer und meine Stärken liegen im Strafraum.

Läuft es deswegen beim PSV für Sie besser, weil Sie  gemäß Ihren Stärken eingesetzt werden?
Auf jeden Fall. Ich wusste, dass es so laufen würde, nachdem ich mit dem Trainer gesprochen hatte. Daher kam ich hierher. Ich wusste auch, welche Spieler der Klub hat. Schließlich habe ich mit vielen von ihnen in den Nachwuchs-Nationalmannschaften gespielt. Ich war sicher, dass das der richtige Schritt für mich sein würde. Glücklicherweise hatte ich dieses Mal Recht.

Ihr älterer Bruder Siem spielt jetzt ausgerechnet für Newcastle. Waren Sie enttäuscht, dass sie nicht eine Zeitlang gemeinsam dort waren, zumal sich Ihre Wege während der Profikarriere noch nicht gekreuzt haben?
Es war jedenfalls schon immer unser Traum, gemeinsam für den gleichen Klub zu spielen, doch bisher hat es sich einfach noch nicht ergeben. Newcastle hat beschlossen, meine Leihe nicht zu verlängern. Es war also nicht meine Entscheidung, dass es nicht dazu kam. Aber der Wechsel zum PSV war einfach perfekt für mich, daher kann ich mich nicht beschweren. Hoffentlich bekommen Siem und ich diese Chance zukünftig noch.

Sie sind erst 25, also auf jeden Fall jung genug für einen neuerlichen Wechsel nach England oder in eine andere Topliga...
Das stimmt. Allerdings habe ich derzeit nichts Derartiges geplant. Wenn es in Zukunft ein Angebot von einem Klub gibt, bei dem ich das Gefühl habe, dass alles passt, dann kann es vielleicht dazu kommen. Aber im Moment bin ich sehr glücklich beim PSV und zufrieden, wie sich alles entwickelt. Es gibt Einiges, worauf wir uns freuen können.