Kurz vor Beginn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ beantworteten Professor Jiri Dvorak, medizinischer Leiter der FIFA, und Martial Saugy, Direktor des Schweizer Labors für Doping-Analysen LAD in Lausanne, Fragen zum Anti-Doping-Programm, das während des Wettbewerbs eingesetzt wird.

In wenigen Tagen beginnt die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™. Was ist im Vergleich zu den vorherigen Auflagen neu im Anti-Doping-Bereich?
Dvorak: Mit der Anwendung des biologischen Profils (der so genannte biologische Pass) führen wir ein komplett neues Verfahren ein. Alle Spieler aller Mannschaften müssen sich vor dem Wettbewerb unangekündigten Kontrollen unterziehen. Die FIFA ist einer der ersten internationalen Sportverbände, der in einem großen Wettbewerb einen solchen Pass einschließlich Blut- und Urin-Parametern einführt. Die Ergebnisse dieser Analysen werden mit den Proben aus früheren Wettbewerben und aus den Kontrollen während der aktuellen WM verglichen, um mögliche Abweichungen zu erkennen, die auf einen Missbrauch von leistungssteigernden Drogen hinweisen könnten. Es ist eine logistische Herausforderung, ein Programm dieser Größenordnung einzuführen. Doch in den bisher durchgeführten Kontrollen haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Resonanz bei den Spielern, Trainern und Teamverantwortlichen sehr positiv ist. Dies zeigt, in welchem Maße die Fussballgemeinde es allgemein unterstützt, unseren Sport dopingfrei zu halten.

Saugy: Die FIFA entschloss sich aufgrund des Mehrwerts einer individuellen Nachverfolgung der Spieler über einen längeren Zeitraum hinweg zur Einführung der biologischen Kontrolle. Es ist aufgrund der großen Anzahl an Personen in einem Mannschaftssport im Vergleich zu einem Individualsport wie der Leichtathletik eine große Herausforderung. Dennoch wird das Ergebnis dieses Herangehensweise, zum Teil auch dank des vorbeugenden Effekts der Nachverfolgung, enorm sein. Die Tatsache, dass die Spieler jederzeit kontrolliert werden können, hat zudem einen großen Abschreckungseffekt.

Das biologische Profil wurde letztes Jahr beim Konföderationen-Pokal eingeführt. Welche Ergebnisse gibt es bisher?
Dvorak: Letztes Jahr hatten wir für den FIFA Konföderationen-Pokal einen ähnlichen Ansatz. Wir testeten ebenfalls alle teilnehmenden Spieler im Vorfeld des Wettbewerbs, zusätzlich zu den Routinekontrollen während des Turniers. Der Vergleich der Analysen der Spieler, die sich mehreren Kontrollen unterzogen – vor dem Konföderationen-Pokal, während des Turniers oder in vorherigen Wettbewerben – hat bisher keine signifikante Abweichung gezeigt.

Saugy: Die ersten Ergebnisse sind noch vertraulich und noch nicht veröffentlicht, doch sie zeigen zweifellos, dass es in diesen Spitzenmannschaften keine besonderen Abweichungen von der Norm gibt.


Wie viele Proben werden Sie für jeden Spieler haben? Sind es genug, um ein Profil zu erstellen?

Dvorak: Wir sammeln derzeit die Ergebnisse der Anti-Doping-Tests aus der EURO 2012, der Champions League 2013 und 2014, der FIFA Klub-Weltmeisterschaften 2011, 2012 und 2013 sowie dem FIFA Konföderationen-Pokal 2013 und werden in der Lage sein, die Ergebnisse zu addieren, die wir in den Kontrollen vor und während der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014 erhalten. Wir haben letzten November bei der FIFA eine Konferenz organisiert, um zukünftige Strategien für einen dopingfreien Sport zu diskutieren. Die Ergebnisse wurden kürzlich im "British Journal of Sports Medicine" veröffentlicht. Die Experten sind der Ansicht, dass drei oder vier Proben ausreichend sein sollten, um ein individuelles Profil zu erstellen.

Saugy: Wir wissen, dass wir ab drei bis vier Proben damit beginnen können, einen richtigen biologischen Pass zum Beispiel für Steroide aufzubauen. Er kann aber sehr individuell sein. Wenn wir Abweichungen von den individuellen Grenzwerten feststellen, können weitere Untersuchungen und Tests durchgeführt werden.

Welche Kontrollen werden bei dieser Weltmeisterschaft konkret durchgeführt? Wie viele Spieler werden getestet und wann? Sind die Kontrollen unangekündigt? Nehmen Sie Urin- und Blutproben?
Dvorak: Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014 werden alle teilnehmenden Spieler im Vorfeld des Turniers unangekündigt getestet und geben Blut- und Urinproben ab. Während des Wettbewerbs werden jeweils zwei Spieler aus jeder Mannschaft nach jedem Spiel ausgewählt, die sich einer Blut- und Urinkontrolle unterziehen müssen. Zusätzlich können jederzeit weitere Kontrollen durchgeführt werden.

Saugy: Alle Spieler wurden vor dem Wettbewerb mithilfe von Blut- und Urinproben kontrolliert. Das ist wirklich das optimale Programm, das wir heute im Anti-Doping-Bereich bekommen können.

Nach dem Entzug der Akkreditierung für das Labor in Rio mussten Sie ein anderes, auswärtiges Labor suchen, um die Analysen durchzuführen. Warum haben Sie Lausanne in der Schweiz gewählt? Gab es keine Optionen, die näher an Brasilien lagen?
Dvorak: Wir hätten in Montreal, Los Angeles, Köln oder Lausanne die Möglichkeit gehabt, eine solche Menge von Proben zu handhaben. Wir entschieden uns aufgrund der hohen Qualitätsstandards des Labors und seiner Erfahrung in der Entwicklung des biologischen Profils für Lausanne. Des Weiteren, weil die Proben der FIFA Klub-Weltmeisterschaften 2012 und 2013 sowie die des Konföderationen-Pokals 2013 schon dort gelagert waren. Dies ermöglicht einen problemlosen Vergleich mit den späteren Tests für die Erstellung des biologischen Profils.

Wie wollen Sie bei einem so langen Transport sicherstellen, dass die Proben sicher sind?
Dvorak: Wir ergreifen alle erforderlichen Maßnahmen, um zu gewährleisten, dass die Proben sicher sind und so schnell wie möglich im Labor ankommen. Von den Kontrollen, die außerhalb des Wettbewerbs bei den verschiedenen Teams auf der ganzen Welt bisher durchgeführt wurden, sind 750 Blut- und Urinproben nach Lausanne geliefert worden. Die durchschnittliche Lieferzeit betrug 19 Stunden und 50 Minuten. Die kürzeste etwa vier Stunden und die längste aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern unter 33 Stunden. Alle Proben gelangten dank der Verwendung von speziellen automatischen Kühlboxen, die während des gesamten Transports die Temperatur erfassen, wodurch das Labor den Zustand der Proben überwachen kann, in zufriedenstellendem Zustand an.

Saugy: Es wurden alle notwendigen Maßnahmen getroffen, um die Unversehrtheit der Proben zu bewahren, damit wir die bestmöglichen biologischen und analytischen Informationen aus den gesammelten Proben erhalten.

Wie werden Sie es schaffen, die Ergebnisse der Analysen rechtzeitig zu erhalten?
Dvorak: Das Labor in Lausanne ist darauf vorbereitet, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche zu arbeiten. So kann es unmittelbar nach der Ankunft der Proben mit der Analyse beginnen, damit die Ergebnisse noch vor dem nächsten Spiel der jeweiligen Teams vorliegen. Dies war ein weiterer Grund dafür, dass unsere Wahl auf das Labor in Lausanne fiel.

Saugy: Wir werden uns größte Mühe geben, um der FIFA die Ergebnisse vor dem nächsten Spiel zu liefern. Dies ist Bestandteil des Vertrags und eindeutig unser Ziel.

Ist das nicht ein riesige Herausforderung, eine so große Anzahl von Tests in so kurzer Zeit durchzuführen?
Saugy: Es ist in der Tat eine große Herausforderung für uns, doch wir sind bereits an diese Art von Großveranstaltungen gewöhnt. Unser Labor ist in das CHUV (Universitätskrankenhaus Lausanne) eingeschlossen und wird auch für Notfalldienste verwendet. Und die guten Beziehungen, die wir zur FIFA haben, sind ebenfalls sehr hilfreich. Seit dem Entzug der Akkreditierung für das Labor in Rio haben wir mit Professor Dvorak sorgfältig alle Analysen und die Organisation vorbereitet, um die Proben in ordnungsgemäßem Zustand zu erhalten und sie zu analysieren, sobald sie im Labor ankommen. Das ist eine Herausforderung, doch das Team des Labors ist stolz darauf, Teil dieses Ereignisses zu sein.

Der Fussball wird oft dafür kritisiert, im Kampf gegen Doping nicht genug zu unternehmen. Was würden Sie auf solche Kritik antworten?
Dvorak: Die Medizinische Kommission der FIFA ist auf der Grundlage der Gespräche mit anderen Sportverbänden der Ansicht, dass sich unsere Strategie auszahlt, uns auf die Aufklärung und Vorbeugung in Kombination mit einem strikten Kontrollprogramm während und außerhalb des Wettbewerbs zu konzentrieren. Die Einführung des biologischen Profils für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft einschließlich Blut- und Steroid-Parameter zeigt, dass wir diese Strategie im Kampf gegen Doping konsequent weiterverfolgen. Wenn wir die Statistiken der Welt-Anti-Doping-Agentur betrachten, können wir sehen, dass der Fussball bezüglich der Anzahl der Anti-Doping-Tests – etwa 30.000 Tests jährlich – weltweit der Sport Nummer eins ist und die Anzahl der positiven Fälle im Vergleich zu anderen Sportarten sehr gering ist.

Saugy: Die FIFA investiert seit vielen Jahren in die Anti-Doping-Forschung. Unser Labor arbeitet seit der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich mit der FIFA und Professor Dvorak zusammen, um die besten Strategien im Anti-Doping-Kampf zu erstellen. Schon bei der WM 2002 in Korea/Japan nahm die FIFA als erster internationaler Verband Blutproben und führte die EPO-Tests im Fussball ein. Ihre Vorreiterrolle bei der Einführung der biologischen Kontrolle ist auch eine Folge jahrelanger Forschung in der Erstellung von Steroidprofilen von Fussballern.