Gelassenheit und Selbstvertrauen strahlte Joachim Löw eigentlich schon immer aus. Seit einigen Wochen tritt der 54-Jährige jedoch mit einer noch größeren inneren Ruhe auf. Man merkt dem Bundestrainer deutlich an, den langersehnten und mit akribischster Arbeit angestrebten Triumph endlich erreicht zu haben.

Nun ist er der Weltmeister-Coach, und er genießt den Titel in vollen Zügen - um dabei gleichzeitig schon wieder hungrig darauf zu sein, das Erreichte in naher Zukunft zu bestätigen.

Der "Taktikfuchs" aus dem Schwarzwald hat die nächsten Herausforderungen im Visier. Nach den Rücktritten von Kapitän Philipp Lahm, Rekordtorjäger Miroslav Klose und Abwehrchef Per Mertesacker muss Löw in der deutschen Nationalmannschaft einige Lücken schließen.

Und im Hinblick auf die UEFA EURO 2016 in Frankreich kann es nur ein Ziel geben: als Nummer eins des Globus auch die Nummer eins des Kontinents werden.

Bei der FIFA/UEFA-Konferenz für Trainer und technische Direktoren im russischen Sankt Petersburg nahm sich Löw Zeit für ein Gespräch über den großen Coup bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ und seine Emotionen in den Wochen danach. Zudem blickte er mit uns in die Zukunft.

Herr Löw, eine aufregende Zeit liegt hinter Ihnen. Können Sie uns Ihre durchlebte Gefühlswelt in den letzten zweieinhalb Monaten seit dem Triumph im Maracanã mit ein paar Sätzen beschreiben?
Die unmittelbare Freude nach dem Schlusspfiff des WM-Endspiels ist natürlich immens groß. Man fällt für die ersten zwei, drei Tage in einen Rausch und realisiert, dass man den Pokal gewonnen hat. Das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl! Und wenn man dann - nach acht Wochen - ins eigene Land zurückkommt, spürt man endlich auch, welche Begeisterung das Ganze zuhause ausgelöst hat. In Berlin waren Hunderttausende auf den Straßen und haben uns empfangen. Das war unglaublich faszinierend!

Wie ging es dann weiter?
Wo immer man auch hinkommt, wird über dieses Ereignis geredet. Man bekommt allmählich mit, dass es die Menschen emotional wahnsinnig berührt. Und mit den Wochen kommt schließlich auch die Erkenntnis, dass so ein Weltmeister-Titel für die Ewigkeit ist. Nun stehen wir in den Geschichtsbüchern und das wird man nie vergessen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man sowas hinterlässt.

Sprechen wir über das Sportliche: Wann begann für Sie die Entwicklung dorthin? Und welche waren die Schlüsselerlebnisse für Sie?
Es war ein langer und auch harter Weg, der seit 2004 - damals mit Jürgen Klinsmann - begann. Es gab auch schwierige Momente mit viel Kritik. Aber wir sind immer konsequent unseren Weg gegangen. Wir wollten wieder einen großen Titel gewinnen, was mussten wir dafür tun? An manchen Punkten haben wir total akribisch gearbeitet. Wir haben uns auch mit "gut" nie zufrieden gegeben. Es gab natürlich einige Schlüsselerlebnisse, klar. Wir haben das EM-Finale 2008 verloren. Zudem sind wir bei der WM 2010 und der EM 2012 jeweils im Halbfinale gescheitert. Aber ich hatte immer gesagt, dass unsere Entwicklung seit 2004 stetig nach oben ging, und ich war felsenfest davon überzeugt, dass wir auch noch den letzten Schritt machen werden. Das haben wir jetzt 2014 geschafft. Die Zeit war reif und die Mannschaft war reif.

Intern waren Sie sicherlich stets von Ihrem Weg überzeugt. Die deutsche Öffentlichkeit hatte aber durchaus Erfolgsdruck ausgeübt. Dass Sie nun den WM-Titel gewonnen haben, war das für Sie auch eine Bestätigung nach außen?
Nach außen hin nicht unbedingt, aber es gibt einem auch intern Bestätigung - mit dem Stab und den Spielern, mit denen man zusammenarbeitet. Wir hatten uns schrittweise immer neue Ziele gesetzt, wollten uns stetig verbessern. Und wenn man das dann geschafft und vielleicht auch einzelne Spieler auf ein höheres Niveau gebracht hat, ist das für mich als Trainer eine große Befriedigung.

Nun hat die deutsche Nationalmannschaft mit den zurückgetretenen Per Mertesacker, Miroslav Klose und Philipp Lahm Spieler verloren, die prägend waren. Wie schwierig wird die Umstellung?
Es ist völlig normal bei Nationalmannschaften, dass es nach großen Turnieren derartige Wechsel gibt. Dabei wird dann auch in gewisser Weise Platz gemacht für die Jüngeren. Aber klar, mit allen drei Spielern habe ich zehn Jahre zusammengearbeitet und wir haben ein enges Vertrauensverhältnis. Wir haben schwierige Momente und schöne Momente miteinander erlebt. Alle drei waren auch menschlich für uns enorm wertvoll. Sie waren Persönlichkeiten, die uns mit ihrer Art und Weise sowie mit ihren Werten, mit denen sie aufgetreten sind, etwas gegeben haben. Sportlich gesehen steht ebenfalls völlig außer Frage, dass der Rücktritt dieser drei Spieler ein großer Verlust ist. Per Mertesacker war ein Stabilisator in der Abwehr, Miro Klose hat die meisten Tore erzielt und Philipp Lahm hat zehn Jahre lang konstant weltklasse gespielt. Sie fehlen uns natürlich.

Deutschland verfügt zurzeit über sehr viele Nachwuchsspieler, die sich bereits auf einem sehr hohen Niveau befinden. Wie sehr spielte diese Tatsache eine Rolle bei Ihrer Entscheidung, als Bundestrainer noch einmal Ihren Vertrag zu verlängern?
Auf einigen Positionen haben wir schon auch Probleme. "Wie Sand am Meer", wie oft zu hören ist, gibt es auch bei uns keine Weltklasse-Spieler. Aber wir haben einige außergewöhnliche Talente, das stimmt schon. Ich habe einfach noch die Motivation in mir gespürt, mit dieser Mannschaft, die soviel geleistet hat und grundsätzlich noch sehr jung ist, die EM 2016 anzugehen. Viele Spieler haben ihren Zenit noch immer nicht überschritten. Wir haben viele junge Spieler, weitere kommen nach. Von daher glaube ich, dass es weitere große Herausforderungen für uns alle gibt.

Wie wichtig sind für Ihre Arbeit die Ergebnisse von Analysen wie jener von der FIFA/UEFA-Konferenz für Trainer und technische Direktoren in Sankt Petersburg?
Wir arbeiten natürlich auch mit Statistiken und haben da unsere Kriterien. Was wollen wir von unseren Spielern sehen? Ein Beispiel: für uns entscheidend ist nicht nur die Gesamtlaufleistung, sondern auch die Intensität, mit der die Spieler laufen. Wieviele Fouls begehen wir im Spiel? Wieviele Balleroberungen haben wir? Und wieviele Pässe im letzten Drittel? Da gibt es einige Dinge, die für mich sehr wichtig sind und die ich immer auch für das nächste Spiel mitnehme - und natürlich auch für die nächsten Monate und die nächsten zwei Jahre.

Der Weg nach Frankreich 2016 hat bereits begonnen. Das knapp mit 2:1 gewonnene Schottland-Spiel vor heimischem Publikum in Dortmund zum Auftakt der EM-Qualifikation war erwartet schwierig. Welche Schlüsse ziehen Sie mittelfristig daraus?
Sagen wir mal so: So schön der Titel ist und so viel er einem gibt, nun beginnen wir wieder bei Null. Eine WM-Teilnahme, noch dazu bis ins Finale, bringt natürlich einige Herausforderungen für die Zeit danach mit sich. Die Spieler haben eine kurze Vorbereitung und sie haben wenig Pause. Zudem gibt es einige Wechsel innerhalb der Mannschaft. Und wir hatten auch noch fünf, sechs Spieler, die verletzt ausgefallen sind. Mit diesen Problemen werden wir auch in den nächsten Wochen noch zu tun haben. Diese Erfahrung habe ich auch 2006 und 2010 gemacht: Nach einer WM, die kräfteraubend für alle Spieler ist, gibt es immer mal Situationen, bei denen Spieler kurzfristig ausfallen, weil sie sich verletzen. Von daher bin ich nun in den Monaten Oktober und November auf Wechsel eingestellt. Diese Zeit müssen wir überbrücken. Im nächsten Jahr, denke ich, können wir dann wieder versuchen, die Mannschaft in Richtung Ende der Qualifikation und in Richtung nächstes Turnier einzuspielen.

Wie schätzen Sie Ihre EM-Qualifkationsgruppe D ein?
Gegen Polen haben wir bereits das eine oder andere Mal gespielt. Das ist eine Mannschaft, die hochklassige Spieler hat - ich nenne nur Robert Lewandowski oder Lukasz Piszczek. Viele von ihnen spielen in der Bundesliga und großen internationalen Ligen, sie kennen unsere Spieler sehr gut und haben eine Menge Erfahrung. Es ist eine Mannschaft in den besten Jahren, die sich entwickelt hat. Und dazu kommen mit den Iren und Schotten Teams, die extrem kampfstark sind. Diese Gruppe ist kein Selbstläufer. Sie ist zwar lösbar, aber nicht selbstverständlich.

Es ist schwer genug, Weltmeister zu werden. Aber jetzt ist man auch noch das Team, das jeder schlagen will. Spürt man das?
Schwer zu sagen. Ich denke, manchmal packt der Gegner noch das eine oder andere Prozent mehr drauf, wenn er gegen den amtierenden Weltmeister spielt. Wir sind nun von der Nummer zwei zur Nummer eins geworden. Von allen wird man nun gejagt. Aber eigentlich waren alle auch vorher schon gegen Deutschland immer hochmotiviert. Wenn in der Qualifikation jemand Deutschland schlägt, wäre es für dieses Land immer ein großer Erfolg. Das sind wir eigentlich schon über Jahre hinweg gewohnt.