Er ist eines der größten Talente Deutschlands, wenn nicht sogar weltweit. Stars wie der Spanier Raúl oder der Ghanaer Kevin-Prince Boateng zeigten sich bereits begeistert von seiner fussballerischen Klasse. Er vereint Schnelligkeit, eine feine Ballbehandlung und Durchsetzungsvermögen. Julian Draxler befindet sich auf einem guten Weg, ein internationaler Topspieler zu werden.

Ausländische Klubs jagten das 19-jährige Mittelfeldjuwel von Schalke 04 im vergangenen Sommer bereits mit Millionen-Offerten. Doch er weiß selbst, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat. FIFA.com sprach exklusiv mit dem sechsmaligen deutschen Nationalspieler über Druck und Verantwortung sowie über Karriere-Ziele und die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014.

Ich glaube nicht, dass wir da chancenlos sind, aber ich würde uns auch nicht als den Topfavoriten bezeichnen.

Julian Draxler über die Aussichten der DFB-Auswahl, bei der FIFA WM 2014 in Brasilien den Titel zu gewinnen.

Julian, Ihr neuer Vereinskollege Boateng bezeichnete Sie erst kürzlich als besten Spieler Ihres Alters. Auch von Ex-Teamkamerad Raúl kam schon großes Lob. Was bedeuten Ihnen solche Worte?
Ich habe das von Kevin noch nicht gelesen, aber wenn er das sagt, dann ist das seine Meinung, dann macht mich das sehr stolz. Letztendlich kann ich mir davon jedoch nichts kaufen. Ich muss meine Leistung zeigen. Und wenn dann irgendwann noch mehr Leute Ähnliches behaupten, bin ich vielleicht auf dem richtigen Weg.

Wie sehen Sie Ihre bisherige Entwicklung? Wer hatte maßgeblichen Anteil daran?
In Deutschland hat man da viele Möglichkeiten. Ich hatte das Glück, auf Schalke eine super Jugend durchlaufen zu haben. Aber auch die frühe Ausbildung bei der Westfalenauswahl oder der Jugendnationalmannschaft, wo man super Trainer und Ausbilder zu Seite bekommt, hat mir sehr geholfen. Letztendlich sollte man jedoch nicht vergessen, dass man auch selbst für sich verantwortlich ist und nebenbei was machen muss, um sich zu verbessern. Ich glaube, es war ein Zusammenspiel aus meinem Ehrgeiz und guter Ausbildung.

Sie haben eine Menge herausragender Qualitäten. Woher kommt Ihr toller Schuss?
[lacht] Die dicken Oberschenkel habe ich ja eigentlich nicht! Ich habe halt schon immer viel geübt, auf das Tor zu schießen. Schon früher bei meinem Dorfverein, aber auch als ich Profi wurde, habe ich nie aufgehört, daran zu arbeiten. Und eigentlich bin ich immer noch nicht ganz damit zufrieden, deswegen übe ich noch weiter. Aber der Schuss ist sicherlich eine meiner Waffen.

Sind sie beidfüßig gleich stark?
Der rechte ist ein bisschen stärker, aber ich glaube, heute im Fussball darf man sowieso nicht mehr ein Bein nur zum Stehen haben. Da muss man schon mit beiden klar kommen.

Wie ist es für Sie, schon in so jungen Jahren auf Schalke so in der Verantwortung und auch in der Öffentlichkeit zu stehen?
Es gibt Phasen, wenn es gut läuft, dann ist es natürlich sehr schön, wenn man gehyped wird. Aber wenn es nicht so gut läuft, ist man schnell auch der Buhmann. Dessen bin ich mir bewusst, dass es im Fussball immer auf und ab geht. Und gerade auf Schalke und bei mir ist da der Grat zwischen Euphorie und Rückschlag ganz schmal. Darauf bin ich eingestellt und ich weiß auch, dass ich da sowohl das Negative als auch das Positive nicht zu nah an mich ran lassen darf. Ich versuche immer, ausgeglichen zu bleiben.

Wer hält Sie bei zu großem Hype am Boden?
Eigentlich ich selbst. Ich bin nicht so dazu veranlagt, schnell abzuheben. Aber natürlich auch mein familiärer Umkreis und meine Freunde, die noch die gleichen sind wie früher.

Spüren sie manchmal, dass die Erwartungshaltung, gerade auf Schalke, an jemanden wie Sie, der aus der eigenen Jugend kommt, besonders hoch ist?
Auf jeden Fall, ich glaube dass meine rasante Entwicklung dazu geführt hat, dass die Leute mittlerweile sehr viel erwarten, aber ich glaube auch, dass ich dem Druck gewachsen bin, auch wenn es als 19-Jähriger nicht leicht ist, damit umzugehen. Ich versuche einfach, mir den Spaß am Fussball zu bewahren.

Sie haben die Situationen von Manuel Neuer und Mario Götze miterlebt, als Sie wechselten. Beide waren - wie Sie - seit der Jugend im Verein. Glauben Sie, bei Ihnen könnte Ähnliches passieren, sollten Sie wechseln? Auch sie sagten, Sie seien Fan Ihres Vereins und ihm sehr verbunden...
Ich denke, ich kann mir da nichts vorwerfen. Ich habe immer offen und ehrlich gesagt, dass ich natürlich dem Verein sehr verbunden bin und immer Fan von Schalke war, das wird auch immer so bleiben. Aber ich habe auch von Anfang an gesagt, dass ich den Traum habe, für einen der ganz großen Vereine in Europa zu spielen. Deswegen wäre ich enttäuscht, wenn man mir so etwas vorwirft, wenn es denn irgendwann einmal so weit sein sollte.

Gibt es bereits Präferenzen, zu welchem Verein Sie gerne gehen würden? Raúl würde Sie gerne bei Real sehen...
Spanien, habe ich schon oft gesagt, dass ich davon immer geträumt habe. Ich verfolge den Fussball dort aufmerksam und der Spielstil gefällt mir sehr. Deswegen ist Spanien irgendwann vielleicht eine sehr, sehr gute Option. Aber auch in England gibt es absolute Topvereine.

Sie hatten diesen Sommer einige lukrative Angebote aus dem Ausland. Warum haben Sie sich dennoch für Schalke entschieden?
Am Ende der Saison steht die WM an und man braucht Zeit, sich in einem neuen Verein einzugewöhnen. Zudem bin ich auch sehr überzeugt davon, dass ich auf Schalke beim richtigen Verein bin. Wir sind zwar nicht so richtig gut in die Saison gestartet. Da war ich ein bisschen enttäuscht nach den ersten Spielen, aber ich glaube, dass wir auch nach der Verpflichtung von Kevin-Prince Boateng nochmal einen wichtigen Schritt gemacht haben, dass wir eine schlagkräfte Mannschaft haben.

Durch den Transfer von Boateng rücken Sie wahrscheinlich wieder auf die Außenbahn. Wie finden Sie diese Situation? Wo spielen Sie am liebsten?
Am liebsten auf der Zehn. Aber ich habe jetzt auch gemerkt, dass gerade da die Gegner ein besonderes Augenmerk auf mich haben. Deswegen finde ich es ganz gut, dass wir mit Kevin jetzt noch jemanden haben, auf den die Abwehrreihen ein Auge werfen müssen. Ich klebe sicherlich nicht auf der linken Seite, sondern habe auch schon mit Kevin und dem Trainer gesprochen, dass wir da durchaus auch die Möglichkeit haben, zu wechseln.

Den klassischen Zehner von früher, der lediglich die Bälle verteilt, gibt es beinahe nicht mehr. Mittlerweile sind viel mehr taktische Fähigkeiten gefragt. Wie hat sich diese Position in Ihren Augen verändert?
Zunächst, dass der Zehner auch viel mit nach hinten arbeiten muss und nicht nur auf die Bälle warten darf. Er muss sich in den Dienst der Mannschaft stellen. Das Spiel ist zu schnell geworden, dass sich da einer rausnehmen kann. Man sieht es auch bei Mesut [Özil], dass die Übersicht sehr wichtig ist. Das war früher schon so und wird so bleiben. Auch wenn das Tempo höher geworden ist, werden die Grundprinzipien gleich bleiben.

Wo sehen Sie dabei Ihre Stärken und Schwächen?
Mein Zug zum Tor und dass ich torgefährlich bin, gerade aus der Mitte, das sind Stärken. Schwächen vielleicht, dass mir noch die Übersicht über das ganze Spielfeld fehlt und ich die Situationen noch schneller erkennen und einschätzen muss. Aber wenn ich jetzt mit 19 schon fertig wäre, wäre es auch nicht richtig. Deswegen setze ich mich nicht zu sehr unter Druck, sondern versuche, mich in aller Ruhe zu entwickeln.

Wer sind Ihre Vorbilder?
Raúl zählt sicherlich dazu. Zum einen wegen seiner fussballerischen Klasse, aber auch weil ich ihn als Menschen kennen und schätzen gelernt habe. Sonst war ich immer großer Fan von Zinédine Zidane und Ronaldo, dem Fenomeno natürlich, aber auch Rivaldo. Deren Glanzzeiten sind zwar schon etwas her, aber auf Youtube kann man einige Videos finden, die ich mir gerne ansehe.

Sie haben neben dem Fussball Ihr Fachabitur gemacht.  Wie war die Doppelbelastung Fussball-Profi und Abiturstress für Sie?
Es war damals alles sehr turbulent, aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich es durchgezogen habe. Ich denke, mir stehen nach meiner Karriere damit alle Möglichkeiten offen. Jetzt bin ich aber voll und ganz auf Fussball konzentriert und habe noch keine großen Pläne für die Zeit danach. Es ist schön zu wissen, dass ich etwas in der Hinterhand habe. Einem Sportmanagement-Studium wäre ich dann nicht abgeneigt. Die Zeit der Doppelbelastung war sehr anstrengend. Aber ich glaube, ich habe das gut verkraftet.

Was ist Ihr Ziel für die kommende Saison? Stammspieler im DFB-Dress?
So weit will ich nicht gehen. Im Verein will ich Stammspieler sein und Verantwortung übernehmen. Nur darüber kann ich mich für die Nationalmannschaft empfehlen. Ich bin froh über jeden Einsatz und versuche, den Bundestrainer von mir zu überzeugen.

Auf welcher Position glauben Sie, können Sie sich am besten für die Nationalmannschaft empfehlen?
Puh, das ist schwer zu sagen. Der Konkurrenzkampf ist sehr groß, wir haben extrem viele Spieler, die flexibel einsetzbar sind, wie auch ich. Ich kann im Zentrum, links oder auch rechts spielen. Ich denke, letztendlich muss der Bundestrainer entscheiden, wo er mich am besten braucht.

Die Qualifikation zur WM-Endrunde steht kurz bevor. Träumen Sie schon von Brasilien?
Man wird häufig damit konfrontiert und natürlich will ich gerne dabei sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass Deutschland sich qualifizieren wird. Da arbeite ich das ganze Jahr darauf hin, weil es ein Highlight wäre, bei einer WM zu spielen, davon habe ich als Kind schon immer geträumt. Aber ich kann nur immer wieder betonen, dass zunächst die Leistung im Verein gebracht werden muss. Und dann kann ich von Brasilien träumen.

Was kann die deutsche Mannschaft in Brasilien erreichen? Was sind Ihre persönlichen Ziele für die WM?
Mein persönliches Ziel ist leicht formuliert: dabei sein ist alles! Ansonsten hat Deutschland eine sehr gute Mannschaft und wir warten schon seit längerer Zeit auf einen Titel. Der wird aber mit Sicherheit in Brasilien nicht einfach zu holen sein. Auch aufgrund der Witterungsbedingungen, mit denen südamerikanischen Mannschaften wahrscheinlich erstmal besser zurecht kommen. Ich glaube nicht, dass wir da chancenlos sind, aber ich würde uns auch nicht als den Topfavoriten bezeichnen.

Wer sind für Sie die Topfavoriten?
Nach dem Confederations Cup kann man Brasilien auf jeden Fall wieder dazu zählen. Argentinien kommt mit dem Klima sicher auch gut klar. Ansonsten die üblichen Verdächtigen: Spanien, Italien und natürlich auch wir.

Was erwarten Sie sich vom Land Brasilien?
Schönes Wetter, schöne Strände. Das ist das, was man von Brasilien hört. Aber auch die aktuelle politische Situation habe ich mitbekommen. Ansonsten glaube ich, dass es ein sehr gutes Gastgeberland sein wird, weil der Fussball eine besondere Rolle spielt und die Leute, ähnlich wie 2006 in Deutschland, eine positive Stimmung versprühen werden.

Wie wird das Spiel gegen Österreich?
Zuletzt haben wir uns gegen Österreich ziemlich schwer getan. Wir sind auf jeden Fall alle topmotiviert, weil wir die Qualifikation klar machen und uns das Ticket für Brasilien sichern können - und das vor heimischem Publikum. Daher können wir sicher ein gutes Spiel unserer Mannschaft erwarten.

Wo sehen Sie Julian Draxler in zehn Jahren?
Schwer zu sagen, ich bin kein Hellseher. Aber wenn ich mir was wünschen könnte, dann das übliche, dass die Familie und auch ich gesund bleiben und ich alle meine sportlichen Ziele, die ich mir gesetzt habe, erreicht habe. Dass ich dann vielleicht mit 29 behaupten kann, bei einem der Topklubs in Europa zu spielen und mit meiner übrigen Karriere zufrieden bin.