Besonders viele positive Momente hat es auf Mexikos steinigem Weg zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ nicht gegeben. Die Sechser-Finalrunde der CONCACAF-Zone war vielmehr geprägt von einem munteren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel auf dem Trainerstuhl, einer akuten Heimschwäche im sonst so uneinnehmbaren Azteken-Stadion und einer allgemeinen Krisenstimmung in der Mannschaft und auf der Tribüne.

Grund genug für FIFA.com, Mexikos Weg zu seiner 15. Endrundenteilnahme noch einmal ganz genau unter die Lupe zu nehmen.

Heimschwäche
Früher war das Azteken-Stadion in Mexiko-City für die Gastmannschaften ein unangenehmer Ort. Doch zuletzt glich es eher einer Druckkammer für El Tri. Von Anfang an zeichnete sich ab, dass es mit der einstigen Heimstärke der Mexikaner nicht mehr weit her sein würde. Schon das torlose Unentschieden gegen den Tabellenletzten aus Jamaika wäre ohne Torhüter Jesus Corona leicht eine Niederlage geworden. Damals hofften die Fans noch auf einen einmaligen Ausrutscher am altehrwürdigen Austragungsort gleich zweier WM-Endspiele. Doch diese Hoffnungen sollten sich schnell zerschlagen. Am Ende holten die Mexikaner nur sechs ihrer insgesamt elf Punkte in der letzten Gruppenphase daheim - aus einem Sieg gegen Panama und drei torlosen Unentschieden.

Der Tiefpunkt der Heimschwäche war am 6. September 2013 erreicht. Dieser Tag wird vermutlich als einer der unrühmlichsten in die Geschichte der mexikanischen Nationalmannschaft eingehen. Auf dem "heiligen Rasen" des Azteken-Stadions verlor Mexiko mit 1:2 gegen Honduras. Es war erst die zweite Niederlage in 78 Qualifikationsspielen im Azteca.

Schützenhilfe von den USA
Ironie des Schicksals: Dass Mexiko überhaupt die Playoffs gegen Neuseeland erreichte, war just dem Erzrivalen USA zu verdanken. Zwei extrem späte Tore in Panama-City bescherten nicht nur den Stars and Stripes einen Sieg über "Fussballzwerg" Panama, sondern sicherten auch Mexiko am letzten Spieltag der Sechsergruppe ohne eigenes Zutun den Einzug in die Playoffs. Kommentator Christian Martinoli von TV Azteca war anschließend derart aus dem Häuschen, dass er alle Rivalität vergaß und ausrief: "Wir lieben euch! Wir lieben euch auf immer und ewig! Gott segne Amerika!" Solcherlei Worte sind für einen mexikanischen Reporter derart ungewöhnlich, dass sie das Potenzial haben, in der CONCACAF-Zone zum legendären Ausspruch zu werden. Doch damit noch nicht genug: Einmal in Fahrt, ließ Martinoli kein gutes Haar an den mexikanischen Spielern, die ihr "Endspiel" gegen Costa Rica prompt verloren hatten.

Die Ironie an der ganzen Sache entging natürlich auch dem US-Verband nicht, der sich kurz darauf über Twitter meldete und lakonisch kommentierte: #You’reWelcomeMexico. Am nächsten Morgen machten nahezu alle großen mexikanischen Zeitungen mit der U.S.-Schützenhilfe für die mexikanische Nationalmannschaft auf. Eine zeigte sogar ein bearbeitetes Foto mit einem die U.S.-Flagge schwenkenden Chicharito darauf – eine wohl nicht ganz dezente Anspielung darauf, dass der Stürmer in den zehn Spielen der Sechsergruppe nur zwei Mal getroffen hatte.

Einer muss leider draußen bleiben
Einige Lichtblicke gab es in der ganzen Misere aber dennoch. Bevor er zusammen mit den anderen in Europa spielenden Akteuren für die Playoffs aussortiert wurde, bewies Gio dos Santos, dass er nicht nur ein Edeltechniker ist, sondern sich auch in den Dienst der Mannschaft stellen kann. Jesus Corona, Mexikos Goldmedaillengewinner zwischen den Pfosten, zeigte mehrfach Glanzparaden und Stürmer Oribe Peralta von Santos Laguna deutete nicht nur wegen seiner drei Tore in seinen letzten sechs Partien an, dass er der Mannschaft weiterhelfen kann. Der wichtigste Augenblick gehörte indes Raul Jimenez, denn er schoss in letzter Sekunde das Siegtor zum einzigen Heimsieg über Panama. Sein entschlossener Fallrückzieher besiegelte jedoch nicht nur Mexikos einzigen Erfolg im Azteken-Stadion während der finalen Sechsergruppe. Der ekstatische Jubel der Zuschauer erinnerte auch sofort an alte Zeiten. Heute steht fest: Ohne dieses Tor wäre Mexiko in Brasilien gar nicht dabei.

Ein Spieler durfte aber trotz aller Schwierigkeiten nicht mitwirken - Carlos Vela. Der Stürmer spielt bei seinem spanischen Verein Real Sociedad aktuell in der Form seines Lebens, hat sich aber mit einem der früheren Nationaltrainer überworfen und darf deshalb bis heute nicht für sein Land auflaufen. Diesen Knoten müssen die Mexikaner mit Blick auf die Zukunft schleunigst durchschlagen - so oder so.

Trainerkarussell
Wenn der Druck steigt, werden Schuldige gesucht ... und Trainer verlieren ihren Job. Aber das sich immer schneller drehende mexikanische Trainerkarussell in der Finalrunde der Qualifikation darf getrost als Herumdoktern an Symptomen tiefer gehender Probleme gewertet werden. Jose Manuel Chepo de la Torre musste nach der unrühmlichen Heimniederlage gegen Honduras gehen. Sein Assistent und Nachfolger Jose Luis Tena durfte sich für ein Spiel versuchen, dann löste ihn Victor Manuel Vucetich ab. "Für mich zählt nur Mexiko, Mexiko, Mexiko!", erklärte der Mann, den sie in Mexiko ob der Vielzahl seiner Erfolge auf Vereinsebene nur König Midas nennen, weil vermeintlich alles, was er anfasst, zu Gold wird. Pech für Vucetich: Mexikos Verbandsspitze sah das nicht ganz so. Zwei Spiele nach dieser Äußerung stellte man ihm den Stuhl vor die Tür. "Vier Trainer in zwei Monaten, das sagt doch alles", ließ sich ein frustrierter Dos Santos aus Spanien vernehmen. "Die Mannschaft weiß doch schon gar nicht mehr, wie sie spielen soll!"

Erst Herrera sorgt für Ruhe
Erst der vierte Trainer von El Tri, Miguel Herrera, brachte das Schiff wieder in ruhigeres Fahrwasser. Dazu entfachte er allerdings zunächst einmal einen heftigen Sturm. Er ließ Dos Santos und den Rest der im Ausland spielenden Stars (wie Javier Chicharito Hernandez) zu Hause und schusterte in aller Eile eine Mannschaft mit Spielern aus den heimischen Ligen zusammen, allen voran von Club America - der Mannschaft also, die Herrera zufällig auch als Vereinstrainer betreut. Doch das Risiko sollte sich auszahlen. Hererras Schützlinge machten mit Neuseeland kurzen Prozess, legten im Heimspiel fünf Tore vor und in Wellington vier Tore nach. Die letzte Hürde auf dem Weg nach Brasilien wurde endlich in überzeugender Manier genommen. Die Zahl der Tore in diesen zwei Begegnungen lag bezeichnenderweise nur zwei unter der in der gesamten letzten Sechsergruppe, dem Hexagonal. Dass Rafa Marquez als Kapitän und Fixpunkt der Abwehr zurückkehrte, verlieh der Mannschaft die dringend benötigte Stabilität und machte aus ihr wieder eine Einheit.

Dennoch bleiben Fragen: Wer wird in Brasilien als Trainer an der Seitenlinie stehen? Herreras Vertrag galt nämlich nur für zwei Spiele. Wie wird der Kader aussehen? Und kann El Tri die Querelen der Qualifikation hinter sich lassen?